Gastrochef zockt Büezer ab
Sushi mit üblem Beigeschmack

220 Stunden gearbeitet, keinen Lohn erhalten und stattdessen fristlos entlassen: So erging es Stefan Cazacu (53) in einer Gastroküche in Frauenfeld. Doch das lässt er nicht auf sich sitzen. 

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KÄMPFT MIT DER UNIA FÜR SEINEN LOHN: Büezer Stefan Cazacu hat für eine zweifelhafte Gastrobude Essen ausgeliefert. (Foto: Stephan Bösch)

«Ein Team wie eine grosse Familie — das spüren unsere Gäste.» So verspricht es die Schweizer Sushi- und Momo-Kette Yushu auf ihrer Homepage. Das Unternehmen mit neun Standorten zwischen Thun und St. Gallen ist spezialisiert auf asiatische Delivery-Gastronomie. Der Umsatz: an die 15 Millionen Franken pro Jahr. Aber statt «familiären» Spirit spüren etliche Kundinnen und Kunden ganz anderes nach einer Bestellung. Zum Beispiel Frust über stundenlange Lieferzeiten. Oder Zweifel über die Gesundheitsverträglichkeit der dargereichten Speisen. Die Google-Rezensionen sind unterdurchschnittlich unappetitlich. Von «rohem Poulet» in Momos ist die Rede, «schleimigem Lachs» auf Sushi oder von «staubtrockenem Vogel» statt saftiger Peking-Ente. Gewisse Kundinnen bezeugen gar, sie hätten das Gelieferte direkt in den Müll geworfen. Andere hingegen schwärmen: «Das beste, frischeste und wunderbarste Sushi, das ich je gegessen habe.»

DER SCHEIN TRÜGT: So glanzvoll wirbt Yushu Frauenfeld im Internet. (Foto: Screenshot)

«Ein grosses Chaos»

Nicht überrascht von diesem Kontrast ist Stefan Cazacu (53). Der Rumäne war als Küchengehilfe und Fahrer für die Yushu-Filiale in Frauenfeld tätig. Von einem familiären Arbeitsklima habe er nichts gespürt. Im Gegenteil: «Es war in jeder Hinsicht ein grosses Chaos.» Ständig habe es Streit gegeben über Stunden, Geld und Arbeitsbedingungen. Die Folge davon: Abgänge der Profis und ein grosser Personaldurchlauf. Auch Cazacu selbst hatte bei Yushu nur ein kurzes Intermezzo.

Der ausgebildete Feuerwehrmann und zweifache Vater kam vor elf Jahren in die Schweiz. Er fand Arbeit in der Frauenfelder Schleifpapierfabrik Sia. Auch seine Frau und die Kinder kamen nach und fanden schnell Anschluss. Doch als die Sia einen Teil der Produktion nach Polen auslagerte, verlor Cazacu seinen geliebten Job. Aus der Not heraus nahm er die Stelle beim Sushi-Lieferanten an. Arbeitgeber war aber nicht Yushu, sondern eine GmbH, die als Franchisenehmer von Yushu fungiert. Geführt wird die Bude vom 29jährigen Zürcher T.*, der sich auf Linkedin als «Business-Advisor» bezeichnet. Ihm und seinem Subchef macht Cazacu schwere Vorwürfe:

Sie behandeln ihre Leute miserabel.

Angestellt würden hauptsächlich Ausländerinnen und Ausländer mit wenig Wissen über ihre Rechte. «Nicht reden, arbeiten!» habe der Subchef öfter gebrüllt. Die Fahrer würden oft kurzfristig aufgeboten und teils in bar ausbezahlt. Doch bei den Löhnen werde getrickst. So auch bei Cazacus Sohn, der innert eines Monats 131 Stunden gearbeitet, aber von T. nur 84 Stunden ausbezahlt bekommen hat – ein Bschiss von fast 1000 Franken. Die entsprechende Lohnabrechnung und die Stundenerfassung liegen work vor. 

Noch ärger lief es bei ihm selbst. Nach rund fünf Wochen habe ihn der Subchef aus dem Nichts in einen Streit verwickelt. Der Hintergrund: Am nächsten Tag wäre der Zahltag fällig gewesen für die geleisteten 220 Stunden Arbeit. Doch bei Cazacu angekommen ist bloss ein fehlerhafter Lohnzettel, aber kein Rappen Geld. Dafür gab’s die fristlose Kündigung wegen angeblicher Arbeitsverweigerung. Cazacu sagt:

Mein Chef glaubte wohl, dass unsereins sich nicht zu wehren weiss.

LÄSST SICH NICHT ABSPEISEN: Stefan Cazacu (53). (Foto: Stephan Bösch)

Und tatsächlich wäre die Rechnung beinahe aufgegangen. «Ich wurde überall abgewimmelt, bei der Polizei, dem RAV, dem Betreibungsamt und auch der Gemeinde.» Erst als ihn eine Frau von der katholischen Kirche aufs RAV begleitete, habe man ihm zugehört. So fand er auch zur Unia, mit der er mittlerweile Klage beim Bezirksgericht Frauenfeld eingereicht hat. Die Forderung: 5500 Franken Lohnnachzahlung.

Demolierte Autos und ein Einbruch

Mit der Justiz hat Firmeninhaber T. ohnehin schon zu tun. Denn Unbekannte haben in einer nächtlichen Aktion mehrere seiner Lieferautos demoliert. Cazacu sagt: «Das war wohl ein gezielter Racheakt!» Ein polnischer Kollege mit vielen Überstunden habe kurz vor der Tat einen Wutausbruch gehabt und den Chef verflucht, weil dieser ihn nicht bezahlt habe. «Ich dachte zuerst, der spinnt, doch mittlerweile kenne ich die Verhältnisse.» Zumal er mit eigenen Augen gesehen habe, dass die Polizei nach dem Vandalenakt mehrere Autonummern gleich eingesackt habe. Die nötigen Versicherungen hätten gefehlt.

Auf Anfrage bestreitet das Geschäftsführer T. Den Sachschaden bestätigt er aber, ebenso verschiedene Konflikte mit Mitarbeitenden. Diese maulten ständig herum und seien undankbar. «Man reicht ihnen den kleinen Finger, und sie nehmen die ganze Hand», so T. Und noch mehr Krimi: Die derzeitigen Betriebsschwierigkeiten gingen auf einen Einbruch zurück: «Wir haben einen Sachschaden von 150'000 Franken erlitten!» Auch das ein Racheakt von Ex-Mitarbeitern? T. glaubt das nicht. 

T. macht einfach weiter

Und warum bezahlt er nicht anständig? «Das geht Sie nichts an.» Für Cazacu fühle er sich nicht mehr zuständig. Denn: «Wir gehen eh bald konkurs.» Pikant: In den letzten drei Jahren hat T. drei weitere Gastrobuden hopsgehen lassen.

Und die Franchisegeber von Yushu? Haben jüngst selbst Konkurs gemacht, aber in der Hinterhand eine neue Betreiberfirma bereitgehabt. Und von T.s Machenschaften will man nichts gewusst haben. Yushu-Geschäftsführer Fabian Stutz (35) sagt auf Anfrage zwar, er habe den Frauenfelder Standort wegen der Qualitätsmängel geschlossen. Da T. für ihn aber noch eine zweite «Ghost Kitchen» in Wetzikon ZH betreibe, bestehe zwischen den Firmen nach wie vor ein -Finanzfluss von «monatlich rund 30'000 Franken». Den Vorwürfen gegen T. wolle er nun aber nachgehen. Dieser hat bereits eine neue Gastro-GmbH gegründet – mit denselben Standorten wie bisher. Sechs Stellen sind ausgeschrieben.

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