Protest gegen Reinigungs-Riesen
«Schluss mit Gratisarbeit, Stampfli!»

Schwere Vorwürfe gegen die Stampfli AG. Der Solothurner Reinigungsriese soll systematisch den GAV verletzen. In Zürich gab’s Protest. Doch auch anderswo brodelt’s.

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WÜTEND: Das Reinigungspersonal der Stampfli AG protestiert in Zürich Oerlikon gegen die ausbeuterischen Arbeitsbedingungen. (Foto: zvg)

Kurz vor Mittag wird es plötzlich laut vor dem Marriott-Hotel in Zürich Oerlikon. Etwa vierzig Personen entrollen Banner, halten bemalte Kartons in die Luft, und aus den Boxen eines VW-Büssli ertönt eine Rede: «Unsere Arbeitszeit ist nicht gratis!» schallt es über den Platz. Und: «Wir wollen, dass unsere Würde respektiert wird. Dass uns die Stunden bezahlt werden, die wir gearbeitet haben. Dass man uns mit dem Re-spekt behandelt, den wir verdient haben.» Die da spricht, ist Sina Cienfuegos*. Ihr Zorn gilt der Stampfli AG, einem traditionsreichen Reinigungsunternehmen aus dem solothurnischen Subingen mit 2500 Mitarbeitenden. Für Stampfli putzt sie die Zimmer im gegenüberliegenden Komplex des US-amerikanischen Hotelmultis.

Neben Cienfuegos machen an diesem September-Freitag noch neun weitere Kolleginnen und Ex-Kollegen ihrem Ärger Luft. Sie alle beschuldigen Stampfli, den Gesamtarbeitsvertrag (GAV) für das Reinigungswesen zu verletzen. Bezahlt werde nämlich nicht die tatsächlich geleistete Arbeitszeit, sondern bloss eine Art Stücklohn. Konkret seien pro Zimmer bloss zwölf Minuten vorgesehen. Dauere die Reinigung länger, werde diese zusätzliche Zeit nicht vergütet. Auch Wartezeiten, beispielsweise wenn ein Zimmer noch belegt ist, seien nicht bezahlt. Ebenso wenig die Arbeitszeit für spontan zusätzlich zugewiesene Zimmer. Das schreibt die gewerkschaftliche Basisgruppe «Zürich Solidarisch» in einem Communiqué. Die Aktivistinnen und Aktivisten unterstützen seit längerem mehrere Stämpfli-Beschäftigte. Probleme gibt es demnach zuhauf: «Es ist selten, dass eine Mitarbeiterin tatsächlich zum geplanten Schichtende das Hotel verlassen kann. Dies erschwert die Planung von anderen Aktivitäten enorm.» Zudem würden die Schichtpläne oft zu kurzfristig mitgeteilt.

Erfolg in Zürich, Prozess in Thun

All das müsse sich schleunigst ändern, fordern die Reinigungsleute an diesem Tag in Oerlikon. Sie haben einen detaillierten Forderungskatalog mitgebracht, den sie ihrem Teamleiter im «Marriott» persönlich überreichen wollen. Doch dieser versteckt sich. Und das Hotel ruft die Polizei. Zürich Solidarisch hat den Forderungskatalog daher direkt in die Firmenzentrale nach Subingen geschickt. Von dort heisst es auf Nachfrage: «Die Stampfli AG distanziert sich von sämtlichen in diesem Zusammenhang erhobenen Anschuldigungen und Vorwürfen vollumfänglich.» Und der US-Multi Marriott? Dort scheint man den Fall aussitzen zu wollen. Zwei work-Anfragen blieben ohne Reaktion.

Deutliche Worte findet dagegen Unia-Mann Giuseppe Reo. Er spricht von «Lohndumping par excellence» und einem «ausbeuterischen System». Unter dem Zeitdruck leide aber auch die Hotelhygiene: «Die Reinigungskräfte sehen sich häufig gezwungen, einzelne Arbeiten weniger intensiv auszuführen, als die Gäste erwarten dürfen.» Reo kennt sich aus, im Berner Oberland betreut er einen ganz ähnlichen Fall: Zwei Stampfli-Angestellte putzten das Hotel Bergwelt in Grindelwald. Dort galten laut Reo Vorgaben von 12 bis 13 Minuten pro Zimmer. Und es gab ein digitales Zeiterfassungssystem, das sich bei Überschreitung der Zeit meldete: «Sie hatten zu lange. Diese Zeit wird nicht berechnet.» Ein entsprechender Screenshot liegt work vor.

Den Reinigungskräften fehlten dadurch im Schnitt zwei Arbeitsstunden pro Tag. Via Unia haben sie einen Prozess bei der Zentralen Paritätischen Kommission Reinigung (ZPK) angestossen. Zudem läuft vor dem Thuner Regio-nalgericht ein Zivilverfahren. Darüber hatte der «Beobachter» jüngst berichtet. Stampfli spricht demnach von Vorwürfen, die nur auf «Gerüchten» basierten.

70 Stunden geputzt, 40 bezahlt

Keine Gerüchte, sondern Tatsachen schuf Vanessa Roncagline (39). Die argentinisch-spanische Doppelbürgerin arbeitete ebenfalls im «Marriott» in Oerlikon. In den ersten zwei Wochen putzte sie 70 Stunden, bekam aber nur 40 bezahlt. Sie reklamierte und drohte zuletzt mit einer Klage. Da sie akribisch ihre Stunden aufgeschrieben hatte, sah es bös aus für Stampfli. Prompt kam es zur aussergerichtlichen Einigung und Nachzahlung ihres rechtmässigen Lohnes. Stampfli schrieb dem -«Beobachter» dazu, nachträgliche Differenzmeldungen bei der Lohnabrechnung seien nicht ungewöhnlich bei unregelmässigen Pensen.

Ob das Unternehmen auch die Forderungen der übrigen Oerliker Reinigungskräfte erfüllen wird? Noch ist dies nicht geschehen, heisst es bei Zürich Solidarisch auf Anfrage. Ein entsprechendes Ultimatum endet am 18. September. Ab dann darf also erneut mit Protest gerechnet werden.

*Name geändert

12 Minuten pro Zimmer? Das sagt das Gesetz

Mehrere Beschäftigte bestätigen, Stampfli setze ihnen ein Zeitlimit pro Hotelzimmer. Dauere die Reinigung länger, werde das nicht bezahlt. Stampfli widerspricht, es handle sich bloss um «Richtwerte». Aber was sagt das -Gesetz? «Als Arbeitszeit im Sinne des Gesetzes gilt die Zeit, während deren sich der Arbeitnehmer oder die Arbeitnehmerin zur Verfügung des Arbeitgebers zu halten hat.» So steht es in Artikel 13 Absatz 1 in der Verordnung 1 zum Arbeitsgesetz. 

Noch deutlicher ist der GAV-Reinigung. Für seine Durchsetzung zuständig ist die ZPK. Sie schreibt: «Der Chef darf zwar zeitliche Vorgaben machen, wenn diese nicht eingehalten werden können, etwa zufolge hohen Verschmutzungsgrades, muss die effektiv benötigte Zeit bezahlt werden.» Auch Lohnreduktionen wegen angeblich mangelnden Arbeitstempos sind verboten.

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