Schweizer Hilfsorganisation
Pascal Stadelmann sucht aus der Luft nach Flüchtlingsbooten in Seenot 

Pascal Stadelmann fliegt als freiwilliger Pilot über dem Mittelmeer. Letzte Woche hat er gesehen, wie ein Patrouillenboot das Feuer eröffnete, statt Ertrinkende zu retten. 

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ETWAS ZURÜCKGEBEN: Pascal Stadelmann (35) findet, er führe ein privilegiertes Leben, und will deshalb dort helfen, wo die Menschen verzweifelt sind. (Foto: zvg)

Bevor Pilot Pascal Stadelmann berichtet, was er letzte Woche erlebt hat, warnt er: «Es geht unter die Haut.» Der 35jährige fliegt regelmässig Einsätze für die Humanitarian Pilots Initiative (HPI), eine Schweizer Hilfsorganisation. Sie sucht auf dem Mittelmeer nach Booten in Seenot, um zu verhindern, dass noch mehr Menschen auf der Flucht nach Europa ertrinken.

An diesem Tag im September ist die «Seabird 3» der HPI, wie meistens, in Lampedusa gestartet, mit Kurs Richtung Libyen. Die dreiköpfige Crew, alles Freiwillige, hat vor dem Start ein Suchmuster festgelegt. Nun sucht sie mit Feldstechern das Meer ab. Gegen Abend erreicht sie ein Funkspruch. Ein Flugzeug der EU-Grenzschutzbehörde Frontex meldet ein Boot in Seenot. Etwas fällt Stadelmann auf: «Sie funkten sehr laut und dramatisch, damit sicher alle in der Umgebung die Koordinaten des Bootes mitbekommen. Auch die libysche Küstenwache.»

DIE SEABIRD 3: Mit diesem Flugzeug sucht Stadelmann das Mittelmeer nach Flüchtlingsbooten ab. (Foto: zvg)

Schlauchboot in Seenot

Vor Ort bietet sich ein leider gewohntes Bild: Ein völlig überladenes Schlauchboot auf dem Weg nach Europa. Stadelmann zählt mindestens 60 Menschen an Bord, ohne Schwimmwesten. Er sagt: «Das ist ein Seenotfall. Ein Schlauchboot hat auf offener See nichts zu suchen.» Das interna-tionale Seerecht verpflichtet Schiffe in der Nähe, die Menschen in Not aufzunehmen und an einen sicheren Ort zu bringen.

Aus der Luft sieht Stadelmann, dass sich zwei Schiffe dem Boot nähern. Eines ist das Rettungsschiff «Louise Michel», benannt nach der französischen Anarchistin des 19. Jahrhunderts, betrieben von einem queer-feministischen Kollektiv und finanziert vom britischen Künstler Banksy. Doch als erstes bei den Geflüchteten ist ein Patrouillenboot der sogenannten libyschen Küstenwache – laut «Spiegel» ein undurchsichtiger Zusammenschluss verschiedener bewaffneter Gruppen. Die Menschen im Boot wissen: Wenn sie diesen Milizionären in die Hände fallen, landen sie in einem Internierungslager in Libyen. Dort müssen sie mit Folter, Vergewaltigung und Zwangsarbeit rechnen.

SIE RISKIEREN IHR LEBEN: Ein Schlauchboot voller Flüchtlinge. (Foto: zvg)

«Die zwei haben sich geopfert»

Stadelmann beobachtet, wie das Boot versucht, den Libyern zu entkommen. «Plötzlich sprangen zwei Menschen vom Schlauchboot ins Wasser. Für mich war offensichtlich: Sie haben sich für die anderen geopfert.» Denn jetzt muss die Küstenwache die zwei aufnehmen, um sie vor dem Ertrinken zu retten. Dadurch gewinnt das Schlauchboot Zeit, um die «Louise Michel» zu erreichen.

Doch die Libyer verfolgen weiter das Schlauchboot. Die zwei Schwimmenden lassen sie im offenen Meer zurück. Stadelmann ist schockiert. Er weiss: Ohne Schwimmweste kann sich ein Mensch vielleicht eine halbe Stunde über Wasser halten, bis seine Kräfte versagen.

Derweil nähert sich auch die «Louise Michel» dem Boot mit den Migrantinnen und Mi-granten. Doch die Männer der Küstenwache scheinen zu allem bereit. Stadelmann:

Sie eröffneten das Feuer und hinderten das Rettungsschiff daran, die Menschen aufzunehmen.

Die werden stattdessen auf das Patrouillenboot gezwungen.

Plötzlich waren sie weg

Und die zwei im Wasser? In der einbrechenden Dunkelheit habe er die Scheinwerfer eingeschaltet und sei über ihnen gekreist, sagt Stadelmann. «Das einzige, was wir tun konnten, war, über Funk auf die Libyer einzureden. Sie an ihre Pflicht zu erinnern, diesen Menschen in Lebensgefahr zu helfen.» Doch irgendwann habe er die zwei nicht mehr gesehen.

Fast alle der über 20 Pilotinnen und Piloten der HPI hätten das schon erlebt, sagt er: Hilflos zusehen müssen, wie ein Mensch ertrinkt. Zwar fliegt Stadelmann schon seit 9 Jahren für die HPI; bereits ein Jahr nach ihrem Start im Jahr 2015 flog er seine ersten Einsätze. «Aber ich bin fast der einzige, der noch nie einen Todesfall miterleben musste.»

Auch an diesem Abend nicht. Nach einer gefühlten Ewigkeit hätten die Libyer ihr Beiboot ins Wasser gelassen und die zwei Menschen rausgezogen. Stadelmann sagt: «Ich habe nicht mehr daran geglaubt, dass sie überleben.» Doch ein Happy End sei das nicht:

Alle, die auf dem Boot waren, werden jetzt in irgendeinem libyschen Lager eingesperrt sein.

«Kein sicherer Ort»

Für das Uno-Flüchtlingshilfswerk (UNHCR) ist klar: Diese Praxis ist ein Verstoss gegen das Seerecht. Auf seiner Website schreibt es, Libyen sei für Migrantinnen und Migranten «kein sicherer Ort. Niemand sollte dorthin gebracht werden. Das ist aber, was derzeit passiert.» Laut der Uno-Migrationsorganisation (IMO) haben die Pa-trouillenboote im letzten Jahr nicht weniger als 27 000 Menschen gegen ihren Willen zurück nach Libyen gebracht. 

MIT DEM FELDSTECHER AUSSCHAU HALTEN: Die Humanitarian Pilots Initiative im Einsatz. (Foto: zvg)

Finanziert wird diese Praxis von der EU. Sie rüstet Libyen mit leistungsstarken Booten aus und trainiert die Besatzungen. Seit 2017 hat die EU dafür 61 Millionen Euro an das politisch zweigeteilte, instabile Land überwiesen, so die Organisation Statewatch. Als Gegenleistung jagt Libyen Boote mit Geflüchteten. Welche Methoden sie dabei anwenden, scheint Europa nicht zu interessieren: Die Organisation «Justice Fleet» listet bis heute 79 gewalttätige Übergriffe libyscher Milizen gegen Geflüchtete oder Retterinnen und Retter auf.

Pilot Stadelmann kritisiert auch die Grenzschutzbehörde Frontex: Offiziell kooperiert sie zwar nicht mit den libyschen Behörden – schreibt aber auf ihrer Website, bei einem Seenotfall in der libyschen Rettungszone sei sie verpflichtet, die dortige Leitstelle zu informieren. «Das ist heuchlerisch», sagt Stadelmann. «Frontex weiss genau, was dann passiert.»

Schweizer Geld tötet

Als Schengen-Mitglied toleriert auch die Schweiz diese Praktiken. Sie finanziert gut 4 Prozent des Frontex-Budgets, letztes Jahr waren das 45 Millionen Franken. Mitarbeitende des Schweizer Grenzschutzes leisteten zudem knapp 7000 Einsatztage an den EU-Aussengrenzen.

ÜBERLADEN: Ein entdecktes Schlauchboot. (Foto: zvg)

Pascal Stadelmann ist drei- bis viermal pro Jahr für die HPI tätig, dann jeweils mehrere Tage hintereinander. Und im Alltag? «Bin ich Familienvater und arbeite als Schulsozialarbeiter und Swiss-Pilot.» Wie bitte? Er schmunzelt und erklärt: Er habe sein Berufsleben angefangen als Sozialarbeiter im Asylwesen, dann die Ausbildung zum Linienpiloten absolviert. Derzeit übe er beide Berufe in Teilzeit aus.

Freiheit? Gleichheit? Solidarität?

Und warum verbringt er seine Freizeit mit stundenlangen Suchflügen? «Ich lebe privilegiert – da will ich etwas zurückgeben. Dort, wo die Leute verzweifelt sind.» Doch die Migrations- und Asylpolitik wird seit Jahren immer weiter verschärft. Frustriert ihn das? Ja, sagt er:

Wir in Europa haben uns mal auf die Fahnen geschrieben: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. Zu denen zu schauen, die es weniger gut haben. Ich sehe auf jedem Flug, wie diese Werte mit Füssen getreten werden. Das ist mega frustrierend!

Was ihn antreibt: Die Schweiz und der Rest Europas sollen wissen, welche tödlichen Folgen ihre Abschottungspolitk hat. «Nicht weit von Italien und Malta, wo die Leute Badeferien machen, eröffnet eine Küstenwache das Feuer, um zu verhindern, dass Menschen in Seenot gerettet werden! Da muss zumindest jemand hinschauen.»

Die HPI finanziert sich durch Spenden. Laut eigenen Angaben kann sie im Schnitt mit 50 Franken ein Menschenleben retten: hpi.swiss/donate.

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