Rosa Zukunft ‒ Technik, Umwelt, Politik
Ist der Kapitalismus gerade daran, zu implodieren?

Wir erleben innert kürzester Zeit gigantische Veränderungen, nicht nur beim Klima. Und viele offene Fragen stehen im Raum. Höchste Zeit, dass wir eine neue Perspektive entwickeln.

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WOCHEN, IN DENEN JAHRZEHNTE PASSIEREN: Seit diesem Dürresommer verstehen (fast) alle, wovor die Wissenschaft seit Jahrzehnten warnt. (Foto: Keystone)

Zuerst ein paar Zeilen in eigener Sache: Am 6. Mai 2026 arbeitete ich bis kurz vor ein Uhr in der Nacht am Computer. Wie immer. Bin und bleibe nun einmal eine Nachteule. Plötzlich wird der Bildschirm schwarz. Als ich wieder zu Bewusstsein komme, rast der Puls mit mehr als 230. Ich bin in Schweiss gebadet. Und kann nicht mehr aufstehen.

Sanität. Notfallstation. Intensivstation. Aufweckstation. Reha. Jede Menge Untersuchungen, unter anderem mit CT und MRI. Resultat: Ich habe einen Hirnschlag erlitten. Und hatte Glück im Unglück: Betroffen ist nur das Kleinhirn. Zerstört wurde einzig das Gleichgewichtszentrum. Andere Hirnzellen übernahmen und übernehmen seine Funktionen. Langsamer, als ich dachte, aber schrittweise. Jeder motorische Fortschritt ermüdet mich, bis jeweils das Gehirn nachprogrammiert wird. Mein Alter beschleunigt den Heilungsprozess nicht. So weit meine mediale Abwesenheitserklärung in Kurzform.

Neue Normalität

Es gibt Jahrzehnte, in denen nichts passiert, und Wochen, in denen Jahrzehnte passieren.

Dieses Zitat wird häufig Lenin zugeschrieben, was falsch ist. Wahr ist diese Beobachtung trotzdem. Gerade in den letzten Monaten erlebten wir mehr, als wir uns je erdenken konnten.

Trump verlor den Irankrieg. Er sucht nun einen Ausweg und findet ihn nicht. Israel konnte trotz Bombenterror die Hamas nicht auslöschen. Russland kommt im Donbass nicht voran. Tunnels und Drohnen haben die Welt der Kriege auf den Kopf gestellt.

Mehr noch: Der vom Menschen verursachte und beschleunigte Klimawandel verändert vieles. Tropennächte sind die neue Normalität. Der Minergiestandard hat versagt, weil man keine Kühlungen vorsah. Der schärfste Kritiker ist ausgerechnet Wetterfrosch Jörg Kachelmann. Die Sonnenenergie setzt sich aber durch. Derweil Grüne und SP die sinnvolle Ernährungsinitiative bekämpfen: Welcher Teufel hat sie eigentlich geritten? Denn eigentlich will Initiantin Franziska Herrren nur den notwendigen Schutz des Bodens und der Gewässer, kombiniert mit einer Erhöhung des Selbstversorungsgrades, und das erst noch innert zehn Jahren.

Dazu kommen KI, humanoide Roboter und selbstfahrende Autos. Viele offene Fragen stehen im Raum: Ist KI eine Blase, die nächstens platzt? Wird weltweit viel zu viel in energiefressende Rechenzentren mit immer neuen Chips investiert? Führt dies alles gar nicht zu einer Produktivitätssteigerung? Was bedeutet die Konzentration von Wissen, Macht und Kapital in den Händen von immer weniger Superreichen wie Elon Musk & Co.?

Neue Perspektive

Niemand kann sich sicher sein. Wir müssen uns als Gesellschaft auf verschiedene denkbare Szenarien vorbereiten. Ich persönlich gehe davon aus, dass wir innerhalb kürzester Zeit gigantische Veränderungen erleben werden.

Noch reden alle von der Verlängerung der Lebenserwerbsarbeitszeit. Das Gegenteil wird notwendig sein: Wir brauchen eine Verkürzung der Lebensarbeitszeit. Der technische Fortschritt frisst – ohne flankierende Massnahmen – Jobs und offene Gesellschaften. Der Hass auf das Fremde und die Fremden wird zunehmen, wenn Linke, Grüne und Gewerkschaften nicht eine neue Perspektive ent-wickeln.

  • Baustein 1: Wir müssen die Erwerbsarbeitszeiten auf 30 Stunden in der Woche verkürzen.
  • Baustein 2: Wir brauchen ein garantiertes monatliches Mindesteinkommen von 2000 Franken pro erwachsene Person.
  • Baustein 3: Der ökologische Umbau braucht Beschleunigung.
  • Baustein 4: Die Schweiz muss endlich günstigen Wohnraum schaffen. Das geht nur, wenn wir die Bodenfrage innovativ lösen: Eingezont wird nur günstiges Bauland, auf dem spekulationsfreie Plus-Energiehäuser ohne Autoparkplätze entstehen. 
  • Baustein 5: Die Macht der Superreichen kann und muss gebrochen, das heisst vergesellschaftet werden.

Wird sich vielleicht sogar der Kapitalismus auflösen wie Alka-Seltzer-Brausetabletten im Wasser, friedlich implodieren wie einst die Sowjetunion? Auch das ist durchaus denkbar. Liege ich falsch? Vielleicht und vielleicht auch nicht. 

Links

rebrand.ly/solarstädte:
In der Ausgabe vom 30. August 2026 brachte selbst der «Spiegel» einen sensationell guten Report zur Photo­voltaik. Tenor: «Die lange belächelte Photovoltaik erlebt einen beispiellosen Aufschwung. Sie dürfte die Welt in ein neues Energiezeitalter führen, ganze Solarstädte werden denkbar.»

rebrand.ly/ernährungsinitiative:
Der Ökonom Felix Schläpfer bringt es in der NZZ auf den Punkt: «Die [Ernährungs-]Initiative steht im Einklang mit langjährigen Forderungen von Grünen, Grünliberalen, Sozialdemokraten und Umweltverbänden. Aber ich glaube, Links-Grün hat sich verschätzt. Sie können ihrer Basis nur schwer erklären, warum sie diese Initiative ablehnen.

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