Teil 1 und 2
Heisser Schlitten – der grosse Work-Sommerkrimi

Der legendäre Sommer-Krimi von work ist zurück. Autor Stephan Pörtner entführt uns in die Welt eines Uber-Fahrers, dessen Begegnung mit einem ziemlich unangenehmen Fahrgast plötzlich eskaliert. Teil 1 der Geschichte haben wir in der aktuellen work-Ausgabe abgedruckt, den kompletten Krimi gibt es hier.

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Illustration: Ninotchka.ch

TEIL 1

Ich dachte, das sei ein guter Job. Nicht grundsätzlich. Dafür fahre ich schon zu lange für einen dieser Dienste, die viel versprechen und wenig einhalten. Nein, ich meine diese Fahrt. Von einem schönen Einfamilienhaus einer Vorortsgemeinde in das Speiselokal weit draussen auf dem Land. 

Der Gast, ein älterer Herr, etwas übergewichtig, hatte Mühe beim Einsteigen, aber er war so weit freundlich. Auf der Hinfahrt. Er erklärte mir, dass er jeden Donnerstag mit den alten Kollegen zum Mittagessen verabredet sei, aber weil man heute nichts mehr dürfe und ihm schon einmal der Ausweis für drei Monate entzogen worden sei, fahre er nicht mehr selbst. Früher sei er mit dem lokalen Taxiunternehmer gefahren, den Besitzer habe er gekannt, aber seit ein Angestellter, ein Das-darf-man-auch-nicht-mehr-sagen, den Betrieb übernommen habe, habe der Service gelitten. Was der fürs Warten verlange, sei unverschämt. 

Der Alkohol

Bei meinem Fahrdienst gab es keine Wartezeit, die Rückfahrt wurde erst vergeben, wenn sie geordert wurde. Darum blieb ich in der Nähe des Lokals, hier draussen gab es wenige Fahrer. Ich verlor zwar die Zeit, aber ich hatte keine Lust, in die Stadt zurückzukehren, wo die Leute gestresster waren und ich kaum eine so lange Fahrt bekommen würde. Auf die Stunde gerechnet, war es ein Hohn, aber es war besser als nichts. Als endlich der Auftrag auf der App erschien, nahm ich sofort an und stand kurz darauf vor dem Lokal. Der Gast kam heraus, begleitet von einer Service-Angestellten, die ihn stützte. Er hatte getrunken. Das sah und roch ich. Ich bekam es auch zu hören.

Ich bin Schweizer, wurde hier geboren und habe nie woanders gelebt. Aber mein Nachname, den er in der App sah, ist kein altes Schweizer Geschlecht, und ich sehe vielleicht aus wie jemand, der in der Schweizer Fussballnationalmannschaft spielt, aber nicht wie der Geissenpeter.

Gegen mich persönlich, erklärte der Gast, habe er nichts, ich sei anständig und arbeite. Aber er sei dann schon froh, wenn das Pack abfahren müsse, und falls es mich auch treffe, dann sei das eben Pech. Es ging um diese Abstimmung darüber, wer in der Schweiz bleiben darf und wer nicht. Es folgte eine längere Litanei darüber, wer nicht bleiben dürfe, und warum.

Ich war froh, als ich ihn endlich vor seinem Haus aussteigen lassen konnte. Er drückte mir noch ein Fünffrankenstück in die Hand, das er mühevoll aus seinem Portemonnaie klaubte.

Nett bleiben

Ich bekam die Fahrt auch am folgenden Donnerstag. Weil ich schon in die Nähe der Adresse gefahren war, in dieser Gegend gab es nicht allzu viele Fahrer, und darum war ich der, dem der undurchsichtige Algorithmus den Auftrag anbot. Das Muster war dasselbe. Die Hinfahrt verlief zivilisiert, ein paar Klagen über den Zustand der Welt, die linke Stadtregierung, das Wetter. 

Auf der Rückfahrt wurde geschimpft, es war heftig, sogar beleidigend und schwer zu ertragen. Aber hey, das ist der Job. Von uns wird erwartet, dass wir nett sind. Der Gast ist König. 

Dann kam die dritte Fahrt, bei der er schon auf dem Hinweg schlecht gelaunt war. Die Abstimmung war verloren, worüber er sich furchtbar aufregte. Die Schweiz sei am Ende, auswandern würde er, denn ohne Zweifel würden die Ich-sage-es-eben-trotzdem das Land herunterwirtschaften. Richtig froh sei er, dass er das nicht mehr erleben müsse.

Die Klimaanlage

 «Sag mal, warum ist es so heiss in deinem Auto?» unterbrach der Gast seine Tirade, die schlimmste bisher, auf dem Rückweg. Dass er mich duzte und ich ihn siezte, war selbstverständlich. «Die Klimaanlage ist bei diesen Temperaturen am Anschlag», erklärte ich. Dass ich nicht genug verdiente, um an meinem Auto alle nötigen Services und Reparaturen machen zu lassen, sagte ich nicht. Ich glaube nicht, dass ihn das interessiert hätte. 

Eine Hitzewelle hatte das Land erfasst. Einerseits war das gut, weil die Leute lieber in einem klimatisierten Auto fuhren, als zu Fuss zu gehen oder in den vollen öffentlichen Verkehrsmitteln zu hocken. Andererseits verbrauchte es mehr Energie, wenn man die ganze Zeit mit voll aufgedrehter Klimaanlage fuhr, vor allem im Stadtverkehr. Zudem belastete es die Anlage. Meine funktionierte seit zwei Tagen nicht mehr richtig. 

Der Gast schwärmte von seinem Auto. Einer Luxuslimousine, mit einer erstklassigen Klimaanlage, Getränkekühler in der Mittelkonsole und allem, was es brauche.

Weil ich ahnte, dass er mir nach dieser Fahrt eine schlechte Bewertung geben würde, so dass ich nicht mehr mit ihm gematcht würde, machte ich ihm einen Vorschlag.


Teil 2

«Wie wäre es, wenn ich Sie in Ihrem Wagen fahre? Für einen fixen Betrag», schlug ich vor, als er aus dem Wagen stieg. Bei allem, was mir vom Fahrdienst abgezogen wurde, konnte ich ihm einen guten Preis machen. Er war einverstanden, geradezu begeistert.

«Sie denken unternehmerisch, das gefällt mir», lobte er.

Um die Garage nicht zu blockieren, stellte ich meinen Wagen auf einen der reichlich vorhandenen Parkplätze in der Nähe seines Hauses. Pünktlich schellte ich an der Tür. Der Gast bat mich in die Garage, erklärte mir den Wagen und stieg hinten ein, weil das bequemer war. Das Tor öffnete sich und wir rollten heraus. Ich war noch nie in so einem Auto gefahren, es fuhr sich gut. Ich wollte gar nicht wissen, was es gekostet hatte, aber ich konnte es mir vorstellen. Mehr als ich in einem Jahr verdiente. Oder auch in zwei oder drei.

Der Parkplatz vor dem Restaurant war gross und lag in der Sonne, die alten Bäume waren gefällt worden, nachdem ein Ast auf ein Auto gekracht war, der Kiesplatz wurde versiegelt. Es war heiss, verdammt heiss.

Die Eskalation

Diese Rückfahrt war besonders schlimm. Er blieb nicht bei allgemeinen Verwünschungen, er wurde persönlich. Ich weiss nicht, ob während des Essens etwas vorgefallen war, vielleicht war es einfach die Hitze. Die Menschen werden aggressiv, wenn es so heiss ist.

«Bitte hören Sie auf», bat ich. «Was sie da reden, ist schwer zu ertragen.»

«Willst du mir in meinem eigenen Auto vorschreiben, was ich sagen darf und was nicht?»

«Nein, ich sage nur, dass Sie von dem Leben der Leute, die sie schlechtmachen, keine Ahnung haben. Wer nimmt Ihnen etwas weg? Sie haben doch alles!»

«Das lasse ich mir nicht gefallen, sofort anhalten.»

«Beruhigen Sie sich, das wird die letzte Fahrt sein, die ich für Sie mache. Danach sehen wir uns nie wieder.»

«Die letzte Fahrt endet hier! Sofort anhalten!»

Der Hitzeschwall

Er schlug von hinten an den Sitz, löste den Gurt, lehnte sich vor und versuchte, ins Lenkrad zu greifen.

«Schluss jetzt! Das ist gefährlich.»

Er hörte nicht auf und mir wurde es zu bunt. Ich fuhr rechts an den Strassenrand, wo ein Landwirtschaftsweg von der Strasse abbog und stieg aus. Der Gast, der sich wieder auf der Rückbank hochgerappelt hatte, stürzte ebenfalls aus dem Auto.

Ich versuchte noch einmal ihn zu beruhigen, aber es half nichts. Ganz im Gegenteil. Er stiess mich weg, setzte sich auf den Fahrersitz und knallte die Tür zu.

Ich drehte mich um, verriegelte den Wagen und ging ein Stück den Weg entlang, der zum Waldrand führte. Dort setzte ich mich im Schatten auf den Boden und atmete tief durch, so wie ich es in einem YouTube-Video gelernt hatte. Als Fahrer war ich schon in viele unangenehme Situationen geraten, in denen ich mich beruhigen musste. Diesmal musste ich die Übung dreimal wiederholen, ehe sie wirkte. Ich erhob mich und kehrte zum Wagen zurück. Ich hoffte, dass sich der Gast inzwischen auch beruhigt hatte.

Als ich die Tür aufmachte, schlug mir ein Hitzeschwall entgegen. Ich hatte vergessen, dass sich die Klimaanlage ausschaltet, wenn der Schlüssel nicht im Fahrzeug ist und der Wagen von aussen verriegelt wird.

Die letzten Worte

Ich war höchstens eine Viertelstunde weg gewesen, aber offenbar hatte das gereicht. Der Mann hatte einen Hitzschlag erlitten. Ich sprach ihn an, ich tätschelte ihm die Wange, er war klatschnass vom Schweiss.

«Aufwachen. Kommen Sie, es tut mir leid.»

Ich schüttelte ihn, versuchte, ihn aus dem Wagen zu zerren.

Er öffnete ein Auge und murmelte etwas.

«Wie bitte?»

Er wiederholte es. Etwas, das man nun wirklich nicht sagen sollte. Nicht zu mir. Ich schmiss den Schlüssel ins Auto und knallte die Tür zu.

«Fahr zur Hölle!», rief ich.

Was er dann auch tat.

Die Angst

Wann der leblose Mann in dem Auto bemerkt wurde, stand nicht in der Nachricht, die die Kantonspolizei veröffentlichte. Deren News Channel hatte ich auf WhatsApp abonniert, weil dort zeitnah über Verkehrsbehinderungen und Unfälle berichtet wurde. Ich war schon längst wieder zu Hause als ich sie las. Nach einem Spaziergang durch den Wald war ich mit den öffentlichen Verkehrsmitteln zu meinem Wagen zurückgekehrt und heim gefahren.

«Mann (72) tot in seinem Wagen aufgefunden», lautete die Überschrift. Der Link verwies auf einen kurzen Bericht, darin wurde vermutet, dass der Mann einen Hitzschlag erlitten hatte und gerade noch an den Strassenrand fahren konnte. Warum er die Klimaanlage nicht eingeschaltet hatte oder nicht ausgestiegen war, werde noch untersucht, es wurde erwähnt, dass der Mann stark alkoholisiert und nicht mehr fahrtüchtig war.

Während der nächsten Tage schlief ich nicht nur wegen der anhaltenden Hitze schlecht. Ich hatte Angst. Angst, dass ich gesehen worden war, dass ich Spuren hinterlassen hatte, dass die Polizei vor der Tür stehen würde. Aber sie kam nicht.

Dafür gab mein Auto zwei Wochen später den Geist auf, der Motor überhitzte, weil das Kühlsystem an die zwischenzeitlich komplett ausgefallene Klimaanlage gekoppelt war. Seither arbeite ich als Velokurier und die nächste Hitzewelle hat das Land erreicht. 

*Der Autor

Stephan Pörtner (60) lebt als Schriftsteller und Übersetzer in ­Zürich. Seine bisher sechs Kriminal­romane um ­Jakob «Köbi» Robert erschienen im Krösus- und im Bilger-Verlag. Als Meister der kurzen Form schreibt Pörtner auch ­Kolumnen und Fortsetzungsromane. 

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