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Fahrerin & Reinigerin Michelle Niederberger macht das, wovor sich andere ekeln

Michelle Niederberger schaut, dass die Kompotoi-Toiletten am richtigen Ort stehen und sauber sind. Immer mit dabei ist Hündin Lucy.

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Michelle Niederberger (35) bringt die Toiletten zu den Leuten. (Foto: Raja Läubli)

Auf dem Werkgelände an der Autobahn bei Winterthur Töss stehen die holzigen Toilettenhäuschen von Kompotoi in Reih und Glied. Hier werden sie im Winter zwischengelagert, geflickt und jetzt, im Frühling, für die nächste Saison bereitgemacht.

In den nächsten Wochen wird Michelle Niederberger die Häuschen wieder in den Parks von Zürich, St. Gallen, Schaffhausen und in weiteren Städten aufstellen. Aber auch an Schwingfesten, in Schrebergärten, für Pfadilager oder an Festivals sind die Kompotois gefragt. Zu Spitzenzeiten sind bis zu 1500 Häuschen in der Schweiz und Deutschland im Einsatz.

Hund als Begleiter

Jeden Morgen fährt Niederberger mit ihrem roten Subaru-Sportwagen von Schaffhausen nach Winterthur. Auf dem Beifahrersitz sitzt ihre Hündin Lucy. Auch bei der Arbeit darf Lucy dabei sein, immer an der Leine. Das hat Niederberger mit ihrem Arbeitgeber so abgemacht. Sie sagt:

Seit fast drei Jahren bin ich Fahrerin und Reinigerin bei Kompotoi, und das gefällt mir sehr gut.

Wichtig sei ihr vor allem, dass sie mit ihrem Job draussen und auf der Strasse unterwegs sei und dass sie eine Festanstellung habe.

STETIGE BEGLEITERIN: Michelle Niederberger mit Hündin Lucy. (Foto: Raja Läubli)

Ihre Touren erhält Niederberger jeweils am Vorabend aufs Handy geschickt. Im Sommer beginnt sie mit der Arbeit bereits um sieben Uhr: «So habe ich weniger Stau nach Zürich.» Niederberger macht dann vor allem die Auslieferungen der Toi­lettenhäuschen für Events. Die Kompotois kann sie alleine ausliefern und mit dem Kran am Lieferwagen am richtigen Ort plazieren. Mit Keilen sorgt sie dafür, dass die Häuschen stabil sind und nicht wackeln. Die meisten Häuschen werden vermietet, aber immer mehr Kompotois werden auch verkauft und bleiben das ganze Jahr über aufgestellt.

Von Hand und ökologisch

Für die Reinigungstour geht Niederberger an jedem Standort von Häuschen zu Häuschen. Sie sagt: «Wir putzen das Innere der Toiletten mit einem kleinen Kärcher, pumpen den Urin ab, wechseln die Kübel und füllen Einstreu auf.» Anders als bei der Reinigung der blauen Toi-Toi arbeitet Niederberger nur von Hand und mit biologisch abbaubaren Reinigungsmitteln. Gerade bei grösseren Festivals sind Kompotois deshalb zwar aufwendiger in der Pflege als die Toi-Toi, dafür aber ansprechender.

Wachstum, aber nicht beim Lohn

Der Betrieb von Kompotoi ist in den letzten Jahren stark gewachsen, aber man könne immer noch gut miteinander reden und habe genug Zeit für die Touren, so dass die Arbeit nicht zu stressig sei, findet Niederberger. Einzig beim Lohn sieht Niederberger zurzeit Verbesserungsbedarf. Der Einstiegslohn liegt bei ihr im Team bei 4914 Franken brutto. Sie sagt:

Ich bin jetzt seit fast drei Jahren hier und habe noch keine Lohnerhöhung erhalten.

Beim letzten Jahresgespräch hat Niederberger nach einer Lohnerhöhung von 200 Franken gefragt, bis jetzt noch ohne Erfolg.

Weil sie nicht nur die Touren machen wollte, arbeitet Niederberger jetzt auch im Lager. Und hier macht sie das am liebsten, was sonst fast niemand gerne macht: das Leeren der Kübel und Urin-Tanks. Ihr Arbeitskollege sagt: «Das Kübelleeren ist speziell, da siehst du die Hinterlassenschaften von Hunderten von Leuten. Für manche ist es optisch schwer, andere können den Geruch nicht leiden.» Aber für Niederberger ist das kein Pro­blem. Vielleicht liege es daran, dass sie auf dem Land aufgewachsen sei und den Geruch der Gülle seit Kindesalter gut kenne. Auch die Maske findet Niederberger für ihre Arbeit unnötig. Es finde ja auch alles draussen an der frischen Luft statt. Der Fäkalientank muss dann auch noch von Zigarettenfiltern, Bierdeckeln und anderem nichtkompostierbarem Material gereinigt werden. Dann wird die Ware nach Uster ZH in eine Kompostieranlage geliefert, die den «Human Output» zu Komposterde verarbeitet.

Einmal im Monat hat Niederberger eine Teamsitzung, im Sommer gibt es gemeinsame Grillabende. Die Stimmung im Betrieb findet Niederberger auch sehr kollegial, man könne seine Ideen einbringen. Sie hat auch einen Freund in den Betrieb gebracht, der früher am Fliessband in einer Fabrik arbeitete und jetzt sehr glücklich über die Freiheit als Fahrer ist.


Michelle NiederbergerTuning und ­Tattoos

Michelle Niederberger wohnt in Wunderklingen SH im ehemaligen Zollhaus, direkt an der deutschen Grenze. Niederberger liebt Autos. Bereits mit 17 Jahren kaufte sie sich ihren ersten Subaru und bleibt der Marke bis heute treu. Sie liess sich die Subaru-Sterne, einen Motorkolben und ihre zwei Autos auch auf den Unterarm tätowieren. Besonders cool findet sie den Sound und das Aussehen der älteren Subaru-Modelle.

Airbrush

Aufgewachsen ist Niederberger im Kanton Luzern, wo sie eine Lehre als Autolackiererin begann. Aus gesundheitlichen Gründen musste sie die Lehre abbrechen. Doch mit Airbrush kennt sie sich noch heute gut aus. Ihre Autos spritzt und repariert sie ebenfalls selber. Bei den Tuningtreffen seien die «Ladies» ­inzwischen immer ­präsenter.

AC/DC

Mit ihrer Hündin geht sie oft spazieren im Wunderklinger Wald. Zu Hause oder im Auto hört sie gerne Hardcore Metal oder Schweizer Musik: Stubete Gang, Trauffer, Megawatt. Für ein AC/DC-Konzert ist Niederberger vor zwei Jahren sogar nach München gefahren. Der Internetempfang in ihrem Zuhause ist langsam und instabil. So kommt Niederberger mehr zum Basteln. Aus altem Wachs giesst sie neue Kerzen, die sie im nächsten Winter am Weihnachtsmarkt verkaufen wird.

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