Beitrag vorlesen lassen.
0:00 / 3:49
Anne-Sophie Zbinden, Chefredaktorin

Künstliche Intelligenz (KI) ist die Zäsur unserer Zeit. Ähnlich wie die Sprache in der Steinzeit, das Aufkommen der Landwirtschaft, die Erfindung der Dampfmaschine oder des Webstuhls. Und auch KI führt zu grossen Verwerfungen. Denn eines ist klar: KI ist gekommen, um zu bleiben, für Gut oder Böse: Roboter in der Medizin, Apps für Pflegerapporte, Übersetzungs­dienste, Chatbots wie Chat GPT oder ­Claude, Systeme von Palantir zur präzisen Vernichtung von Menschenleben, Deepfakes zur Verbreitung von Kriegspropaganda…

Kontrolle

Wie bei allen grossen Ver­werfungen sind die zentralen Fragen: Wer profitiert, wer verliert? In Bezug auf KI heisst das: Wer kontrolliert sie? Ab wann kontrolliert sie uns? Die Antwort ist so simpel wie beunruhigend: Solange die ­Politik darauf hinsteuert, die KI-Kontrolle in den Händen einiger weniger Tech-Konzerne zu konzentrieren, wird eine Mehrheit der Menschen verlieren. Ohne Rücksicht auf Privatsphäre, Jobs, Löhne oder Menschen­leben (hier geht es zur Analyse).

Verlust

Via Apps, Videoüberwachung, Tracker & Co. hinterlassen wir eine Datenspur so breit wie die Milchstrasse, KI saugt sie gierig auf. Wir bleiben nackt zurück, bar unserer Privatsphäre. Die KI generiert zwar auch Jobs: Hinter der künstlichen Intelligenz steckt sehr viel Menschliches. Aber es sind hauptsächlich prekäre Jobs, die krank ­machen (zum work-Artikel). Gleichzeitig gefährdet KI zahlreiche Arbeitsplätze, insbesondere gutbezahlte Jobs in Europa und Amerika, wie die Internationale Arbeitsorganisation (ILO) schreibt. Frauen sind fast doppelt so stark betroffen wie Männer.

Angst

Kein Wunder, hat die Organisation Seismic Foundation in einer weltweiten Umfrage festgestellt, dass die Skepsis gegenüber KI massiv zugenommen hat. Die ­Befragten befürchten, dass KI fast alles, was ihnen am Herzen liegt, verschlechtern wird. Und dass sie die schwerwiegendsten Pro­bleme der Welt verschlimmern wird: Krieg, Terrorismus, Kriminalität, Gewalt, Arbeitslosigkeit und Desinformation. Einzig beim Zugang zur Gesundheitsversorgung und der Pandemievorsorge sehen die Befragten Vorteile. Eine Mehrheit hat das Gefühl, dass sich die KI zu schnell entwickelt, sie trauen den KI-Konzernen nicht zu, die Technologie zum Wohle der Menschheit weiterzu­entwickeln. Die Organisation fordert daher eine klare Regulierung der Branche.

Religion

Dieses Misstrauen steht in krassem Gegensatz zu den utopischen Visionen, die die KI-Branche selbst verbreitet. Und die sich in den gängigen Bildern zur KI niederschlagen, die in einlullenden Blautönen meist schöne weibliche Robotergesichter zeigen. Und die darin gipfeln, KI zur Reli­gion zu erheben. Blinder Glaube an die Macht von KI verdrängt die kritische Vernunft. Hinter dieser göttlichen Mystik ­stecken knallharte ökonomische Interessen, die Tech-Konzerne spielen bewusst mit dem Göttlichen – um Investoren zu überzeugen und ihre Weltherrschaft zu sichern (zum work-Beitrag).

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.