Eine neue Webmaschine namens KI
«Künstliche Intelligenz» pflügt gerade die Welt um. Radikal und schnell. 

Macht die KI-Revolution die Welt zu einem viel besseren Ort? Oder zu einem ganz schlechten? Und wenn ja, für wen? Die Technologie ist neu. Doch die Fragen bleiben die alten.

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DIE KI ÜBERNIMMT: Was bedeutet das für die Arbeiterinnen und Arbeiter auf dem Planeten? (Foto: Shutterstock)

Als Joseph-Marie Jacquard 1801 in Lyon einen Webstuhl vorstellt, der Muster von Lochkarten liest statt aus dem Kopf eines Ziehjungen, lachen die Handwerker. Die Maschine webe unsauber, sei mechanischer Unsinn eines Bastlers. Innerhalb weniger Jahrzehnte verschwindet ein ganzer Berufsstand. Gut zweihundert Jahre später wiederholt sich die Szene, nur schneller. Viel schneller. Extrem viel schneller.

Als Open AI am 30. November 2022 Chat GPT auf die Welt loslässt, ist der Spott gross. Die Maschine halluziniert, erfindet Quellen, kann «nicht einmal richtig rechnen». KI-Bildprogramme produzieren Menschen mit sechs Fingern. Oder drei. Kritiker sehen eine Spielerei, ein beeindruckendes Partytrick-Programm, das an jeder ernsthaften Aufgabe scheitern werde. Zwei Jahre später schreibt dieselbe Technologie Verträge, analysiert Bilanzen und löscht Stellen in Branchen, die sich für unersetzbar hielten. Und das ist erst der Anfang.

Flucht in den Aufstieg

Die Wirtschaftsgeschichte seit der Indus-trialisierung lässt sich auch als eine Serie von Fluchten erzählen. Immer wenn die Maschine ein Feld besetzte, wich der Mensch in eine neue menschenexklusive Domäne aus. Das hat bei allen Verwerfungen bislang nicht schlecht geklappt.

Die erste Flucht: Als Dampfmaschine und Webstuhl die handwerkliche Muskelkraft überflüssig machten, wich der Mensch in die Bedienung und Überwachung der Maschinen aus. Aus dem Weber wurde der Fabrikarbeiter. 

Die zweite Flucht: Als Fliessband und Computerisierung die repetitive Routine automatisierten, floh der Mensch in die Wissensarbeit. Aus dem Fabrikarbeiter wurde der Sachbearbeiter, die Analystin, der Be-rater. Jedes Mal brauchten die Menschen neue Jobs. Und die neuen Jobs Menschen.

Die dritte Flucht findet so wohl nicht mehr statt. Denn KI scheint die erste Technologie, die sich genau in den Tätigkeiten verbessert, in die verdrängte Arbeitnehmer bisher ausgewichen sind. Es gibt keinen höheren kognitiven Raum mehr, der nicht bereits von KI-Agenten besetzt ist oder bald besetzt wird. Der Fluchtweg ist versperrt. 

Und ich?

Aus der individuellen Arbeitnehmenden-Sicht formuliert, bedeutet das aktuell: Wer KI-Werkzeuge einsetzt, um kodifizierbare, also in Regeln fassbare Routinearbeit schneller zu erledigen, steigert seine kurzfristige Produktivität, macht sich aber langfristig ersetzbarer, denn genau diese Routinearbeit wird als nächstes vollständig automatisiert. Wer KI einsetzt, um das eigene Erfahrungswissen zu «boosten», etwa um schneller an relevante Informationen zu kommen, Hypothesen zu testen oder komplexere Analysen durchzuführen als bisher möglich, baut einen Vorsprung auf. Der Wert von Erfahrung steigt in einer KI-durchdrungenen Arbeitswelt. Aber nur für jene, die KI als Verstärker ihres Erfahrungswissens einsetzen, nicht als Ersatz für dessen Erwerb. Vorerst jedenfalls noch. Darum gehören Spezialistinnen und Spezialisten, die ihr Wissen für KI-Systeme aufbereiten, diese also quasi ausbilden, derzeit zu den bestbezahlten. Doch auch hier stellt sich individuell und gesellschaftlich die drängende Frage: Für wie lange?

Die Engels-Pause

Es ist nicht das erste Mal, dass Produktivitätsgewinne nicht bei jenen landen, die sie erwirtschaften. Das ist eine Grundlage der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Als die ersten Fabriken Englands ihre Maschinen anwarfen, explodierte die Produktion. Doch bei den Arbeitenden kam davon lange kaum etwas an. Friedrich Engels beschrieb «die Lage der arbeitenden Klasse» 1845 mit scharfer Feder: eine Wirtschaft, die immer reicher wurde, während ihre Arbeiter in Elendsquartieren lebten. Wirtschaftshistoriker nennen diese Phase unterdessen die Engels-Pause. Erst Jahrzehnte später, mit stärkeren Gewerkschaften und politischen Reformen, begannen auch die Reallöhne zu steigen. Der Unterschied heute: Die Pause dauert keine Jahrzehnte mehr. Die Absaugung läuft in Echtzeit.

Die Gretchenfrage

Hier hört die Technologiedebatte auf und beginnt die politökonomische. Die entscheidende Frage ist nicht, ob die Maschine funktioniert. Sie funktioniert. Noch nicht überall, aber in dramatisch mehr Bereichen, als vor zwei Jahren, einem Jahr, sechs Monaten, drei Wochen jeweils noch denkbar schien. Die Frage ist: Wem gehört sie?

Jacquards Webstuhl gehörte den Fabrikbesitzern. Die Dampfmaschine auch. Das Fliessband auch. Jedes Mal entschied die Eigentumsfrage, wer von der Produktivität profitierte und wer nur die Kosten der Verdrängung trug. Die KI von 2026 ist im Kern eine Kapitalkonzentrationsmaschine. Ihre Infrastruktur – Rechenleistung, Energie, Cloud – gehört einer Handvoll globaler Plattformen. Wer diese Basis kontrolliert, kontrolliert den Stecker der gesamten Weltwirtschaft.

Besonders perfid ist die Selbstverstärkung: Produktivere Firmen adoptieren KI schneller. Sie werden noch produktiver, vergrössern den Abstand zu den weniger produktiven weiter und investieren die Gewinne sofort in die nächste Generation der Infrastruktur. Eine Rückkopplungsschleife ohne natürliche Bremse. Der Abstand wächst nicht linear, er wächst exponentiell.

Die Wertschöpfung wandert ab. Wenn eine Anwältin in Zürich oder ein Finanzanalyst in Genf durch ein Plugin von Anthropic ersetzt wird, wandert sie direkt nach San Francisco. Nicht geografisch – das wäre lösbar –, sondern in die Bilanzen weniger Konzerne und ihrer Besitzer. Die sozialen Kosten hingegen bleiben lokal: Die Arbeitslosigkeit, der Lohnverfall, die überlasteten Sozialsysteme tragen die Gesellschaften vor Ort. Gewinne privat, Kosten vergesellschaftet. Auch dieses Modell ist nicht neu. Neu ist nur die Geschwindigkeit.

Der 3. Februar 2026

Jede technologische Revolution hat ihre Momente der Verdichtung. Für die KI-Ära war es nicht der Launch von Chat GPT. Es war der 3. Februar 2026. An diesem Tag veröffentlicht Anthropic ein Automatisierungs-Plug-in für Rechts- und Finanzanwendungen. Kein grosser Launch, kein Medienauftritt, sondern «einfach mal so rauslassen». Was folgt, ist Panik beim Kapital. Innerhalb eines Handelstages werden 300 Milliarden Börsenwert ausradiert. «Der Markt» begreift an diesem Tag etwas, was er vorher verdrängt hat:

KI ist nicht einfach ein weiteres hilfreiches Werkzeug, das die Arbeit ergänzt. Es ist ein Werkzeug, das ganze Branchen ersetzt.

Investoren suchen seither nicht mehr «AI Exposure», sondern «AI-Immunität». Der «AI Scare Trade» – eine von Angst getriebene Kapitalverschiebung, bei der Anleger potentielle KI-Verlierer abstrafen und erwartete Gewinner aufpumpen – frisst Branche um Branche und führt geradewegs in die SaaS-Apokalypse. SaaS (Software als Dienstleistung; bekannte Beispiele sind SAP, Oracle, Adobe) meint dabei den laufenden Zugriff auf zentral betriebene Software gegen wiederkehrende Gebühren. Lange galt dieses Modell wegen seiner planbaren Abo-Einnahmen als Goldesel. Mit dem Aufstieg der KI wird mancher dieser Konzerne zum lahmen Gaul: Einzelne Funktionen werden automatisiert, ganze Tools von generativen Systemen «aufgefressen». Wer nur bestehende Software vermietet, verliert. 

Versicherungsmaklerinnen, Broker oder Immobiliendienstleister lebten lange davon, dass sie mehr wussten als ihre Kundinnen und Kunden. Und dieses Wissensgefälle zu Geld machen konnten. Genau dieser Vorteil bröckelt nun rasant. KI-Systeme liefern heute vielen Menschen in Sekunden ähnliches Wissen. Was früher ein knappes Gut war, wird breit verfügbar und damit weniger profitabel. Die «Prämie» auf Wissen und Denken, die menschliche Arbeit so lange ausgezeichnet hat, schrumpft.

Geister-BIP und … 

Das klassische Versprechen der Ökonomie lautet: Höhere Produktivität führt zu höherem Wohlstand für alle. Und das Versprechen an die Lohnabhängigen lautet: Bessere Qualifikation bringt bessere Löhne. Die beiden Autoren James van Geelen und Alap Shah haben in einem langen Blog-Beitrag unter dem Titel «The 2028 Global Intelligence Crisis» einen Ausblick in die Welt im Jahr 2028 gewagt. Sie spekulieren darin nicht wild, sondern schreiben nachvollziehbar die Entwicklungen der letzten Monate fort. 

KI-Agenten erledigen Aufgaben in Sekunden, für die Menschen Wochen brauchen. Das BIP steigt, weil der Output massiv zunimmt. Aber da diese Arbeit keine menschlichen Löhne mehr generiert, versiegt der Konsum. Ein Algorithmus kauft kein Brot, geht nicht in den Ausgang und zahlt keine Miete. Was auf dem Papier als Wirtschaftswachstum erscheint, zirkuliert nicht mehr in der Breite. Es ist das «Ghost GDP» – ein Geister-BIP. Wohlstand, der statistisch existiert, aber bei niemandem ankommt ausser bei den Besitzern der Infrastruktur.

… Plattform-Übermacht

Die verdrängten Experten drängen in den Niedriglohnsektor, fluten den Markt und drücken die Löhne für alle nach unten. Am unteren Ende dieser Abwärtsspirale wartet eine bizarre Umkehrung: Plattformen wie «Rent a Human» vermitteln Menschen als Hilfskräfte für KI-Agenten. Der Mensch erledigt die haptischen Aufgaben, für die ein Algorithmus keinen Körper hat.

Das Versprechen der Automatisierung lautete stets:

Die Maschine arbeitet, damit der Mensch frei(er) ist.

Die Realität, die sich 2026 abzeichnet:

Der Mensch arbeitet, damit die Maschine läuft. Er ist nicht mehr der Herr, sondern der haptische Fortsatz einer Infrastruktur, die er nicht besitzt.

Die eigentliche Machtfrage der neuen KI-Revolution ist die alte Infrastrukturfrage. Wer die Rechenleistung, die Energie und die Cloud kontrolliert, kontrolliert die operative Macht der Weltwirtschaft. Das wahrscheinlichste Szenario der im Februar erschienenen Studie «AI Geopolitics 2030» der Unternehmensberatungsfirma KPMG ist gleichzeitig auch das hässlichste: «Platform Supremacy», die Plattform-Vorherrschaft. Einige wenige Anbieter dominieren eine fragmentierte Welt, während staatliche Souveränität schrumpft.

Die Drei-Tage-Woche

Das Versprechen ist alt und schön: Die Maschine übernimmt die Arbeit, der Mensch gewinnt die Zeit. Die Drei-Tage-Woche als Frucht des Fortschritts. Technisch wäre sie heute möglich. Die KI-Webmaschine arbeitet schnell genug. Planen und steuern kann sie auch sehr effizient.

Wenn wir stattdessen über Geister-BIP und den schleichenden Abstieg breiter Schichten in das Dienstleistungsprekariat diskutieren, liegt das nicht an der Technologie. Es liegt an der politischen Entscheidung, wer diese Infrastruktur besitzt. Die Gewinne der Produktivität werden nicht verteilt, sie werden konzentriert.

Jacquards Weber haben das instinktiv gespürt. Deshalb zerstörten sie seine Webstühle. Es hat nichts geholfen. Weil Maschinenstürmerei noch nie wirklich geholfen hat. Was 1801 in Lyon begann, ist 2026 nur schneller, globaler und diesmal mit dem Unterschied, dass die Maschine nicht webt, sondern denkt. Oder zumindest sehr erfolgreich diesen Eindruck erweckt. Die entscheidende Frage bleibt dieselbe: nicht, ob die Maschine funktioniert – sondern wem sie gehört. 

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