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Kaminfeger Mike Campagnari (37): «Die Arbeit wird uns nicht ausgehen»

Kaminfeger sind als Glücksbringer bekannt. Als Präsident des Gesellenverbands ist Mike Campagnari aber keine Phantasiefigur.

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Mike Campagnari (37) geht mit ­Zylinder zur Kundschaft. (Foto: Raja Läubli)

Mike Campagnari ist als «Chämifäger» oft in der Altstadt von Bülach ZH unterwegs. Dort gibt es noch viele alte Häuser mit Holzheizungen. Wenn Campagnari durch die Strassen geht, fällt er auf. Er ist bei der Arbeit nicht nur schwarz gekleidet, er trägt auch immer einen schwarzen Zylinder. Campagnari sagt mit verschmitzter Miene: «Das macht einen Unterschied aus bei der Kundschaft, und auch die Leute auf der Strasse reagieren anders: Ich werde angesprochen, und die Italiener rufen mir hinterher: Spazzacamino!» Auch für die Trinkgelder sei der Hut noch gut.

Handwerk im Wandel

Manchmal wird Campagnari auch zu einer Hochzeit oder an eine Gewerbemesse eingeladen. Er sagt:

Die Leute kennen mich als Glücksbringer, vor allem die ältere Generation.

Der traditionelle Handwerksberuf ist aber auch im Wandel. Es gibt immer weniger Kachelöfen und Öl- oder Gasheizungen. Aber Holzheizungen mit Pellets und Schnitzeln oder auch Abgasanlagen von Fernwärmesystemen geben weiterhin genügend Arbeit. Bei solchen Grossanlagen arbeitet Campagnari meist nicht alleine, sondern mit seinen Kollegen der Oesch und Weber AG, eines kleinen Kaminfeger- und Dachdeckerunternehmens, das bereits seit 1921 im Geschäft ist.

Weniger Dreckig

Auch wenn die Kaminfeger bei der Arbeit meistens nicht mehr schwarz im Gesicht werden, garantiert der GAV jeden Tag eine halbe Stunde zum Duschen als Teil der Arbeitszeit. Die Firma stelle ihnen auch die besten Werkzeuge zur Verfügung, sagt Campagnari. Das mache die Arbeit nicht nur einfacher, sondern auch weniger dreckig. Campagnari arbeitet mit Spezialwerkzeugen je nach Heizungstyp oder auch mit einem «Snaplock», einer Bürste an einer langen Stange, die mit der Bohrmaschine gedreht wird und so die Seitenwände des Kamins putzt. Früher reinigte man noch mit dem Luftzug, heute macht das der Staubsauger. Doch auch traditionelle Werkzeuge sind bei Campagnari weiterhin im Einsatz. So zum Beispiel eine 20 Meter lange Rute mit einem Metallbesen oder auch «die Kugel», die im Kamin vom Dach her zum Einsatz kommt. Ein sehr altes Werkzeug ist auch die Stahlrute, die bei Kaminbränden eingesetzt wird. Bei einem Brand im Kamin wird der Russ aufgebläht, was zu einem gefährlichen Hitzestau führen kann. Campagnari sagt:

Dann muss ich das Pech mit der Stahlrute abschlagen und schauen, dass das Kamin möglichst rasch wieder frei wird.

Normalerweise dauert Campagnaris Arbeitstag von 7 Uhr bis 17 Uhr. Am Freitag hat er jede zweite Woche frei. Ganz selten gibt es auch einen Pikett­diensteinsatz am Abend oder am Wochenende wegen eines Kaminbrandes. In solchen Fällen hilft Campagnari der Feuerwehr.

Nur noch Tiefgarage

Campagnari mag es, dass er in seinem Beruf in persönlichem Kontakt mit den Kundinnen und Kunden ist. Er sagt:

Einige der Haushalte, die ich besuche, sehe ich über viele Jahre: Ich sehe, wie sich die Familien entwickeln und wie die Kinder grösser werden.

Doch in den neueren Wohnblocks kommt er nicht mehr in die Wohnung, nur noch in die Tiefgarage. Manchmal gebe es auch unfreundliche Kunden. Und auch die körperliche Belastung durch die Arbeit beginnt der 37jährige zu spüren. Auch wenn er eine Schutzmaske trage, blieben Feinstaub oder auch Asbest ein Risiko. Er kenne einige ältere Kaminfeger, die an Krebs erkrankt sind.

Präsident der Gesellen

Über seinen Lohn will Campagnari nicht klagen: Mit seinem 100-Prozent-Pensum verdient er monatlich 7797 Franken brutto. Das war nicht immer so. Nach seiner Lehre zum Kaminfeger verdiente Mike Campagnari jahrelang weniger als den im kantonalen GAV garantierten Mindestlohn. Erst als er den Arbeitgeber wechselte, realisierte er, dass er zu wenig Lohn erhalten hatte. Damit es seinen jüngeren Berufskollegen nicht gleich ergeht, will Campagnari mit dem Gesellenverband des Kantons Zürich und der Unia dafür sorgen, dass alle Kaminfeger ihre Rechte kennen. Seit kurzem ist Campagnari deshalb auch Verbandspräsident der Gesellen, so heissen bei den Kaminfegern die Angestellten. Er sagt:

Mein Ziel ist es, dass wir etwa zehn aktive Gesellen im Verband haben, die sich regelmässig treffen und auch eine ­gemeinsame Haltung für die Lohn- und GAV-Verhandlungen entwickeln.

Auch für den Weiterbildungstag der Zürcher Kaminfeger, der einmal pro Jahr stattfindet, will er mit seinen Berufskolleginnen und -kollegen Vorschläge machen. Bei den neueren Heizsystemen mit Wärmepumpen gibt es keine Verbrennung mehr. Campagnari sagt: «Wir hatten auch eine Weiterbildung, bei der wir eine mögliche Umorientierung und die Jobs in diesem Bereich angeschaut haben.» Aber solche Wartungsarbeiten an neueren Heizsystemen interessieren Campagnari nicht ­besonders: zu wenig Handwerk. Als Kaminfeger werde ihm die Arbeit in den nächsten Jahren auch nicht ausgehen, ist Campagnari überzeugt.


Mike CampagnariVom Clown zum «Chämi-Fäger»



Als Jugendlicher wollte Mike Campa­gnari Clown werden. Doch die Eltern fanden das keine gute Idee. Die Mutter wünschte sich, dass er eine Coiffeurlehre mache. Der Vater sah in ihm den Hand­werker. Campagnari arbeitete schon während der Schule in einem Ferienjob bei einem Bäcker. Auch Metzger und Zimmermann hat sich Campagnari genauer angeschaut. Dann kam er auf die Idee des Kaminfegers, fand nach dem Schnuppern aber keine Lehrstelle. Deshalb machte er zuerst ein Praktikum als Kleinkindererzieher, bis es mit der Lehre als Kaminfeger doch noch klappte.

Familie

Heute lebt Campagnari mit seiner Frau und drei Kindern im Primarschulalter in einem 200jährigen Haus im Zürcher Tösstal. In der Mitte ihres Wohnzimmers steht ein grüner Kachelofen, der im Winter jeden Tag eingefeuert wird. Wenn die Kinder im Bett sind, spielt Campagnari gerne Arcraiders, ein Online­game, bei dem die Welt von feindlichen Robotern erobert wurde und die Menschheit aus dem Untergrund Widerstand leisten muss. Campagnari sammelt auch Action-Figuren und liest gerne Comics und die Bibel

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