Ex-UN-Entwicklungsökonom räumt mit dem Selbstbild des Westens auf
Anklage mit Bergpredigt und Gramsci

Das neuste Buch des deutschen Ökonomen Patrick Kaczmarczyk handelt vom Zerfall der Weltordnung, von der Ignoranz des Westens und dem Aufstand des Globalen Südens. Es ist eine faktenreiche Streitschrift.

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MÄR DER WESTLICHEN ERFOLGSGESCHICHTE: Die Globalisierung und der freie Markt haben Milliarden Menschen nicht aus der Armut befreit. (Foto: Pixabay)

Patrick Kaczmarczyk ist Ökonom an der Universität Mannheim und arbeitete unter anderem für die Welthandels- und Entwicklungsorganisation der Vereinten Nationen (Unctad). Täglich analysiert er Finanzmärkte, beobachtet Währungskrisen, Kapitalflucht, Schuldenkatastrophen in Entwicklungsländern. Aus dieser Position heraus räumt er mit dem Selbstbild des Westens beziehungsweise des Globalen Nordens radikal auf. Er folgt dabei einem doppelten methodischen Kompass, der ebenso ungewöhnlich ist, wie er bestechend wirkt.

  • Der erste Kompass ist die Bergpredigt. «Zieh zuerst den Balken aus deinem Auge, dann kannst du zusehen, den Splitter aus dem Auge deines Bruders herauszuziehen.» Kaczmarczyk macht diese Mahnung zum Programm. Bevor der Westen auf China im speziellen und den Globalen Süden im allgemeinen zeigt, soll er seine eigene Heuchelei erkennen.
  • Der zweite Kompass ist Antonio Gramsci. Der italienische Marxist beschrieb Übergangsphasen zwischen historischen Ordnungen als «Interregnum» – ein Stadium, in dem das Alte stirbt und das Neue noch nicht geboren ist. In solchen Zeiten, schrieb Gramsci, «treten die unterschiedlichsten Krankheitserscheinungen auf». Eine Zeit der Monster. Kaczmarczyk erkennt unsere Gegenwart in diesem Begriff wieder: die Rückkehr des Autoritarismus, das Wiederaufflammen nationalistischer Ressentiments, die reaktionären Parteien vor den Toren der Macht oder mancherorts bereits in den Regierungsbüros.

Die kannibalistische Ordnung

Was dabei sichtbar wird, nennt Kaczmarczyk mit Jean Ziegler die «kannibalistische Ordnung». Ihre Grundpfeiler: die mörderische Herrschaft des Stärksten, die Willkür des entfesselten Marktes, strukturelle Ungleichheit, systematisches Elend.

Die zentrale These: Der Westen predigt regelbasierte Ordnung und freie Märkte, praktiziert aber das pure Gegenteil. Die USA verschulden sich ins Astronomische, während der Internationale Währungsfonds (IWF) ärmeren Ländern knallharte Sparprogramme aufzwingt. Europa feiert seine Exportüberschüsse und verurteilt China für exakt dasselbe Verhalten. Der Westen fordert Klimaschutz vom Süden, will seine Wirtschaft aber nicht wirkungsvoll dekarbonisieren.

Diese Widersprüche sind keine Zufälle, keine Betriebsunfälle. Sie sind strukturell. Der IWF hat seinen Sitz in Washington, wird politisch und intellektuell von den USA dominiert. Seine neoliberalen Empfehlungen gelten für die ganze Welt. Nur nicht für die USA. Die Macht des Globalen Nordens liegt nicht nur in Waffen und Kapital, sondern in der Kontrolle über ökonomische Ideen und dem Privileg, sich selbst nicht an sie halten zu müssen.

Beispiel CFA-Franc

Offen brutal und offiziell akzeptiert, funktioniert die neokoloniale Kontinuität in Afrika. 14 Staaten, fast alle ehemalige französische Kolonien, nutzen bis heute den CFA-Franc. Eine Währung, die fest an den Euro gekoppelt ist und deren Geldpolitik faktisch in Paris gemacht wird.

Das System funktioniert so: Die Zentralbank der westafrikanischen Währungsunion BCEAO in Dakar muss mindestens 50 Prozent ihrer Devisenreserven bei der Banque de France in Paris deponieren. Dort erhält sie einen minimalen Zins, und Paris «arbeitet» mit dem Geld. Die BCEAO kann keine eigenständige Geldpolitik betreiben. Die Zinssätze orientieren sich an der Europäischen Zentralbank. Abwertung zur Ankurbelung der Wirtschaft? Ausgeschlossen. Die Währung bleibt fest an den Euro gekettet.

DER AUTOR: Patrick Kaczmarczyk. (Foto: zvg)

Der togolesische Ökonom Kako Nubukpo nennt den CFA-Franc «Afrikas letzte Kolonialwährung». Die Zahlen geben ihm recht: Über 40 Prozent der Menschen in der westafrikanischen Währungsunion leben in extremer Armut. Das sind mehr als doppelt so viele wie im afrikanischen Durchschnitt. Und das, obwohl die Region reich ist an Rohstoffen wie Gold, Uran, Öl und Baumwolle.

Kaczmarczyk legt die perverse Logik offen: Die CFA-Zone kann ihre Währung nicht abwerten, um wettbewerbsfähiger zu werden. Sie kann keine expansive Geldpolitik betreiben, um Investitionen anzukurbeln. Die Leistungsbilanzdefizite bleiben chronisch hoch. Denn die überbewertete Währung macht Importe billig und Exporte teuer. Die Kreditvergabe der Banken liegt unter 30 Prozent des BIP. Weil die Banken ihr Geld lieber in Paris anlegen, wo die Rendite sicher ist.

Währungskriege: 7,5 Billionen Dollar täglich

Das CFA-System ist allerdings nur ein besonders offensichtliches Beispiel für ein umfassenderes Phänomen: die Herrschaft der Finanzmärkte über die Realwirtschaft. Jeden Tag werden Devisen im Wert von 7,5 Billionen Dollar gehandelt. Das ist das Hundertfache des weltweiten Güterhandels. Diese Zahl allein entlarvt das Märchen vom «dienenden» Finanzsektor.

2010 prägte der brasilianische Finanzminister Guido Mantega den Begriff «Währungskrieg». Die Industrieländer fluteten nach der Finanzkrise die Märkte mit billigem Geld. Das Resultat: Kapital strömte in Schwellenländer, trieb ihre Währungen nach oben, machte ihre Exporte konkurrenzunfähig. Als das Kapital später wieder abfloss – genauso plötzlich –, stürzten die Währungen ab, die Inflation explodierte, Schulden wurden unbezahlbar.

Falsche Theorie

Woher kommt diese Asymmetrie? Kaczmarczyk macht die vor einem Vierteljahrtausend in England entwickelte «Theorie des internationalen Handels» mitverantwortlich. Diese prägt bis heute den Glauben vom «Freihandel, der alle reicher macht». Das Grundproblem dieser Theorie: Sie ignoriert Machtverhältnisse. Sie tut so, als würden alle Länder unter gleichen Bedingungen handeln.

Die Geschichte zeigt das Gegenteil. England und die USA schützten ihre Märkte massiv, als sie selbst noch sogenannte Entwicklungsländer waren. Erst als sie stark waren, predigten sie anderen Freihandel. Der koreanisch-britische Ökonom Ha-Joon Chang nennt das «die Leiter wegkicken»: Wer oben angekommen ist, stösst die Leiter weg, damit niemand nachsteigen kann.

Kaczmarczyk zitiert den Ökonomen John Maynard Keynes, der schon 1926 schrieb:

Es ist nicht wahr, dass Individuen eine natürliche Freiheit besitzen, in ihren ökonomischen Aktivitäten zu tun, was immer sie wollen.

Und weiter:

Die Welt wird nicht von oben so regiert, dass privates und soziales Interesse zusammenfallen.

Mit anderen Worten:

Der Markt schafft keine Gerechtigkeit. Er verstärkt Ungleichheit.

Der Mythos der Globalisierung

Einer der stärksten Teile des Buches widmet sich der Dekonstruktion der westlichen Erfolgsgeschichte der Globalisierung. Kaczmarczyk räumt mit dem Märchen auf, der freie Markt habe Milliarden Menschen aus der Armut befreit. Anhand detaillierter Daten zeigt er, dass der globale Rückgang der extremen Armut fast ausschliesslich ein chinesisches Phänomen ist. China jedoch hat sich gerade nicht durch die Rezepte des Westens entwickelt, sondern durch massiven staatlichen Interventionismus, Kapitalverkehrskontrollen und einen gezielten Aufbau von Schlüsselindustrien. Alles Massnahmen also, die der Westen dem Globalen Süden über Institutionen wie den IWF kategorisch verwehrt.

Rechnet man China und Indien aus der Statistik heraus, offenbart sich ein erschreckendes Bild: In vielen Regionen, insbesondere in Afrika südlich der Sahara, stagnieren die Lebensstandards seit den 1970er Jahren. Die «Erfolgsstory» entpuppt sich als regionale Dynamik Asiens, während weite Teile der Welt in einer Armutsfalle gefangen bleiben, die durch neokoloniale Handelsstrukturen zementiert wird.

Düster, nicht verzweifelt

Das Buch endet nicht mit Verzweiflung, aber mit düsteren Perspektiven. Kaczmarczyk sieht den Aufstieg reaktionärer Kräfte in Europa und den USA nicht als Zufall, sondern als logische Konsequenz des Marktfundamentalismus. Wenn die Politik nur noch das Prinzip «Jeder ist für sich selbst verantwortlich» kennt, zerbricht das soziale Band. Übrig bleibt Sozialdarwinismus nach innen wie nach aussen.

Die Debatten um die angeblich so unnütze Entwicklungszusammenarbeit sieht Kaczmarczyk in diesem Zusammenhang als Symptom eines «kruden Populismus», der von den tatsächlichen systemischen Ungerechtigkeiten ablenkt. Während Milliarden über Schuldendienstzahlungen, Gewinnabführungen multinationaler Konzerne und Steuerflucht in den Norden fliessen, empört man sich über Entwicklungshilfeprojekte und korrupte lokale Eliten.

Eine andere Ordnung?

Kaczmarczyk belässt es nicht bei der Anklage. Im letzten Kapitel skizziert er «Grundzüge einer neuen Weltordnung». Er fordert eine «asymmetrische Globalisierung», das heisst:

Sogenannten Entwicklungsländern müssten jene industriepolitischen Spielräume eingeräumt werden, die der Globale Norden für sich selbst beansprucht.

Konkret: Reform der Welthandelsorganisation (WTO). Ein Ende des Patentschutzes auf lebensnotwendigen Technologien und Medikamenten (TRIPS-Abkommen). Ein geordnetes Verfahren für Schuldenschnitte durch eine unabhängige «Global Debt Authority» unter UN-Mandat. Koordinierte Stabilisierung der Wechselkurse, um Spekulanten die Geschäftsgrundlage zu entziehen. Eine globale Wettbewerbsbehörde gegen Monopole und Steueroasen.

Ist das realistisch? Kaczmarczyk selbst ist skeptisch. Er zitiert Gramsci: «Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens.» Die Analyse der Krise ist der erste Schritt – auch wenn die Politik gerade im Autopilot-Modus auf den Abgrund zusteuert. Schlafwandler nennt er sie, in Anlehnung an Christopher Clarks Beschreibung der Entscheidungsträger vor 1914.

Doch es gibt einen Unterschied zu damals: Heute sind die Machtverhältnisse nicht mehr eindeutig. Der Globale Süden formiert sich. Der BRICS-Bund erweitert sich. Neue Institutionen entstehen: Die asiatische Infrastruktur-Investitionsbank steht als Gegenentwurf zur Weltbank. Regionale Währungsabkommen sollen Alternativen zum Dollar schaffen. Der Aufstand findet statt. Noch ist er leise, schleichend, scheint aber unaufhaltsam.

Faktenstarke Streitschrift

Patrick Kaczmarczyk hat ein faktenreiches Buch geschrieben. Er liefert Zahlen, Namen, Fälle. Und Kaczmarczyk hat eine leidenschaftliche Streitschrift geschrieben: mit Gramsci im Kopf und der Bergpredigt im Herzen.

Zum Buch

Patrick Kaczmarczyk: Der Zerfall der Weltordnung. Mit einem Vorwort von Heiner Flassbeck, 224 Seiten, Westend-Verlag, ISBN 978-3-9879134-5-7, Fr. 33.60

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