Kurdin Dilek Aykan schlägt Alarm:
«Ich habe schreckliche Bilder aus Rojava bekommen»

Seit Wochen brennt der Norden Syriens wieder. Während Milizen vorrücken und Menschen fliehen, ringt Rojava um sein Überleben – und Europa schaut weg. Doch was, wenn dieser Krieg erst der Anfang ist? Die kurdische Exilpolitikerin und Unia-Aktivistin Dilek Aykan warnt.

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UNIA-FRAU DILEK AYKAN: «Mein Herz schlägt für die Menschen in Rojava.» (Foto: Thierry Porchet)

Seit Jahresbeginn schwebt über dem Nahen Osten wieder das Gespenst des Chaos. Dies, weil die syrische Übergangsregierung eine brutale Militäroffensive gegen Rojava gestartet hat. Rojava, so nennen die Kurdinnen und Kurden die Region im Norden und Osten Syriens. Seit sie den Islamischen Staat ab 2015 erfolgreich aus der Gegend zurückgedrängt haben, verwalten die im Gebiet lebenden Völker Rojava unabhängig von Damaskus.

Doch jetzt schlagen die neuen Machthaber Syriens mit voller Härte zurück. Die hiesigen Medien behandeln das Thema mit fast vollständiger Gleichgültigkeit. Die wenigen Bilder, die uns aus der Region erreichen, zeigen Übergriffe, Morde und eine massive Fluchtbewegung der Bevölkerung. Ins Visier genommen wurde diese vom syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa und seinen von der Türkei mitfinanzierten HTS-Milizen (Hayat Tahrir al-Scham, deutsch: Komitee zur Befreiung der Levante). Der 43jährige al-Scharaa kämpfte einst selbst als Jihadist in den Reihen der Al-Nusra-Front, eines Ablegers der Alkaida.

DER NEUE SYRISCHE MACHTHABER: Ahmed al-Scharaa. (Foto: Keystone)

Die neue Offensive gegen Rojava ist umso besorgniserregender, als einige Islamisten unverhohlen Vernichtungsphantasien hegen gegen Anders- oder Ungläubige. Aber auch, weil sie es bereits Hunderten inhaftierten Islamisten ermöglicht hat, aus den Gefängnissen zu entkommen. Diese mussten von den kurdischen Behörden unter dem Angriff der HTS-Milizen aufgegeben werden. Von Rakka bis Aleppo, von Deir ez-Zor bis zu einem Teil von al-Hasaka versinken jetzt weite Teile des multiethnischen und eigentlich befriedeten Landes erneut in Unsicherheit und Angst. Während der Westen tatenlos zusieht.

Von Erdogans Kerker ins Schweizer Exil

Eine, die diesen Zustand aus dem Exil heraus anprangert, ist Dilek Aykan (43). Sie kam in Diyarbakır zur Welt, der historischen Hauptstadt des türkischen Kurdistan. Bereits mit 15 Jahren engagierte sie sich politisch. Später wurde sie Journalistin und zog nach Izmir. In der 5-Millionen-Metropole am Mittelmeer wurde sie Co-Vorsitzende der lokalen HDP, der wichtigsten prokurdischen Partei des Landes. Doch Staatschef Recep Tayyip Erdoğan verfolgte die HDP von Anfang an und mit zunehmender Härte. Wie Hunderte ihrer Mitstreiterinnen und Mitstreiter wurde auch Aykan unter fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis geworfen. Nach mehreren Monaten Haft kam sie 2017 frei. Und entschied sich dann zur Flucht ins Exil.

IN DER SCHWEIZ EIN NEUES ZUHAUSE GEFUNDEN: Dilek Aykan. (Foto: Thierry Porchet)

Heute empfängt uns Aykan in einem Café ihrer Wahlheimat Delémont, wo sie sich niedergelassen hat, nachdem sie politisches Asyl erhalten hatte. Sie macht kein Hehl aus ihrer Ergriffenheit, wenn sie über die Ereignisse der letzten Monate spricht. Seit dem 6. Januar, dem Tag, an dem die Gewalt in Aleppo und Umgebung eskalierte, habe sie nicht mehr richtig geschlafen. «Mein Herz schlägt für die Menschen in Rojava. Ich habe schreckliche Bilder aus den Kampfgebieten bekommen und sie weitergeleitet, damit die Öffentlichkeit hier informiert wird und aufsteht.» Das sei dringend nötig. Denn es stehe viel mehr auf dem Spiel als die Kontrolle eines Territoriums.

Überlebt das Bollwerk der Demokratie?

Dieser Konflikt könne schnell internationale Ausmasse annehmen, wenn die HTS nicht gestoppt werde. Zudem erinnert Aykan an die Errungenschaften der Rojava-Revolution: Basierend auf einem Modell der direkten Demokratie, verwaltet sich eine ganze Region seit über zehn Jahren selbst. Und inkludiert dabei eine Vielzahl verschiedener Ethnien und Religionen. Den Frauen kommt im öffentlichen Leben eine zentrale Rolle zu. Auf allen Entscheidungsebenen der Demokratischen Selbstverwaltung Nord- und Ostsyriens (DAANES) gibt es autonome Frauenstrukturen. Die Gleichstellung der Geschlechter ist nach wie vor eine unerschütterliche Realität in der Regierungsführung von Rojava, ein Ziel, das durch die sogenannte Frauenrevolution verwirklicht wurde.

TEIL DES WIDERSTAND: Soldatinnen der rein weiblichen Miliz YPJ in Rojava. (Foto: Keystone)

Doch heute ist dieses fortschrittliche und weltweit einzigartige System gefährdet wie nie zuvor. Aykan erklärt: «Insbesondere das autoritäre Regime in der Türkei fasst das Modell als Bedrohung auf.» Und die USA, die im Kampf gegen den IS noch ein wichtiger militärischer Verbündeter gewesen seien, hätten Rojava heute fallengelassen. Aykan hält das für brandgefährlich. Denn in der Region sei Rojava heute ein Bollwerk gegen die Erben des IS und der Al-Nusra-Front. Dieses gelte es zu verteidigen. Geschehe das nicht, sei mit einer Massenflucht wie 2015 zu rechnen. Aykan kritisiert die europäische Politik: «Man will keine weitere Flüchtlingswelle, aber man hat nicht verstanden, dass man dann auch die laufenden Feindseligkeiten beenden muss.» Doch stattdessen werde dem neuen Machthaber al-Scharaa der Hof gemacht. Nicht zuletzt habe die Welt auch eine moralische Verantwortung für jene, die unter enormen Opfern den IS besiegt hatten.

Massaker zunächst verhindert

Doch bislang haben die Verhandlungen unter der Ägide des US-Gesandten Tom Barrack wenig Gutes gebracht. Ahmed al-Scharaa hatte zunächst vorgeschlagen, die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF), also die Streitkräfte Rojavas, aufzulösen und sie in die reguläre Armee zu integrieren. Dieses Szenario wurde von SDF-Oberbefehlshaber Mazlum Abdi entschieden abgelehnt. Aykan erklärt:

Eine Auflösung unserer Truppen hätte nicht nur die Kurden, sondern ganz Rojava schutzlos zurückgelassen.

Ende Januar wurde eine akzeptablere Lösung gefunden. Sie sieht die Schaffung eines konfliktfreien Klimas vor, um jegliche Gefahr eines Völkermords in Rojava zu verhindern. In Kobane wurde ein Gouverneur nach den Wünschen der SDF ernannt, und in anderen Regionen wie Hasaka, Derik und Deir ez-Zor wird die Sicherheit weiterhin von den kurdischen Streitkräften gewährleistet. Darüber hinaus sind Gefangenenaustausche vorgesehen. Ölfelder und Grenzübergänge sollen an Damaskus abgetreten werden.

Doch die kurdischen Frauenverteidigungseinheiten (YPJ) sollen ihre eigenen Strukturen behalten dürfen, ohne in die staatlichen Militärkorps integriert zu werden. Die restlichen SDF-Kampfverbände sollen dagegen integriert werden, aber, wie von den Kurden gefordert, als Untereinheiten bestehen bleiben. Dieser Kompromiss ist offenbar massgeblich durch Vermittlung des Kurdenführers und PKK-Gründers Abdullah Öcalan erfolgt. Obwohl der 77jährige seit 1999 auf der türkischen Gefängnisinsel İmralı festgehalten wird, bleibt sein politischer Einfluss enorm.

Unia-Frau Aykan kämpft weiter

Dilek Aykan wird sich jedenfalls auch von Delémont aus weiter einsetzen für Frieden Demokratie und Selbstbestimmung. Denn: «Wir Kurden brauchen endlich einen Status.»

SETZT SICH IN DER GEWERKSCHAFT EIN: Dilek Aykan. (Foto: Thierry Porchet)

In den letzten Jahren ist bei Aykan aber noch ein Betätigungsfeld hinzugekommen: der Kampf für die Rechte der Arbeitenden. Diesen führt sie bei der Unia Transjurane und im nationalen Zentralvorstand. Und Aykan dürstet es nach noch mehr:

Ich will mich künftig für den Schutz der Migrantinnen und Migranten einsetzen.

Dies wolle sie nicht nur, weil sie selbst eine Migrantin sei. Sondern auch: «Weil ich eine Frau, Feministin und Kurdin bin.» Aykan, die unermüdliche Kämpferin. Das nötige Rüstzeug dafür hat sie in ihrer DNA – und erweitert sie an der Hochschule für Soziale Arbeit in Freiburg, wo sie seit zwei Jahren studiert.
 
*Dieser Artikel ist zuerst in der Westschweizer Unia-Zeitung «L’Evénement syndical» erschienen und wurde von work übersetzt.

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