Jean Ziegler ist in «Trotz alledem!» kritisch und kämpferisch wie eh und je
Hoffnung als Widerstand

Mit «Trotz alledem!» legt der Soziologe und work-Kolumnist Jean Ziegler auch mit über 90 Jahren kein versöhnliches Altersbuch vor, sondern eine kämpferische Anklage und ein unbeirrtes «Ändere die Welt! Sie braucht es».

EINE BESSERE WELT IST MÖGLICH: Autor Jean Ziegler gibt die Hoffnung dank Gewerkschaften, Klimajugend und Menschenrechtsinitiativen nicht auf. (Foto: Keystone)

Das neuste auf deutsch erschienene Buch von Ziegler bündelt Motive aus fast drei Jahrzehnten publizistischer Arbeit und ist getragen von Zieglers zentraler Haltung: Eine andere, eine bessere Welt ist möglich. In diesem Sinn trifft der französische Originaltitel «Où est l’espoir?» Ton und Haltung des Buches präziser als das deutsche «Trotz alledem!». Denn Ziegler behauptet Hoffnung nicht trotzig oder beschwörend. Er sucht sie glaubend, tastend, insistierend und widerständig.

Der Ausgangspunkt ist altbekannt, aber nicht abgenutzt: der c in ­einer Welt des Überflusses. Milliarden Menschen haben keinen Zugang zu lebenswichtigen Gütern, obwohl diese vorhanden wären. Alle fünf Sekunden stirbt ein Kind unter zehn Jahren an Hunger oder seinen unmittelbaren Folgen. Das ist keine Naturkatastrophe, sondern ein Ver­brechen namens «kannibalische Weltordnung», einer glo­balen Wirtschafts- und Machtstruktur, die Profit über Menschenleben stellt.

Die apokalyptischen Reiter

Das Buch lebt von der Verbindung aus Fakten, biografischer Erfahrung und politischer Ankla­­­ge. Seine Reisen, insbesondere nach Afrika und Lateinamerika, seine Arbeit als Sonder­bericht­­­erstat­ter der Uno für das Recht auf Nahrung, sei­­ne Besuche in Gaza oder in europäischen Flüch­­t­lingslagern bilden das Erfahrungsfundament. Ziegler weiss, wovon er spricht. Er hat gesehen, was er beschreibt: Es ist die strukturelle Gewalt des Kapitals, die Hunger, Krieg und Vertreibung produziert. Die «vier apokalyptischen Reiter» Hunger, Durst, Epidemien und Krieg sind für Ziegler keine Naturgewalten, sondern politisch erzeugte Zustände, die auch politisch bekämpft werden können.

Hier zitiert Ziegler zustimmend den fran­zösischen Soziologen Pierre Bourdieu, der den Neoliberalismus als eine «Eroberungswaffe» ­beschrieben hat, als Ideologie eines ökonomischen Fatalismus, gegen den jeder Widerstand zwecklos erscheinen soll. Ziegler führt diesen Gedanken weiter, wenn er schreibt:

Indem die Diktatur des Kapitals sich hinter blinden und anonymen Marktgesetzen versteckt, zwingt sie uns die Vision einer geschlossenen und unbeweglichen Welt auf. Sie verweigert sich jeder menschlichen Initiative, jeder historischen Aktion, die aus der subversiven Tradition des noch nicht Existierenden, nicht Abgeschlossenen, kurz: der Utopie, erwächst.

Mit anderen Worten: Was diese Diktatur blockiert, ist nichts weniger als die Vorstellung einer möglichen bes­seren Zukunft an sich.

Detailliert und schonungslos

Besonders scharf fällt Zieglers Analyse dort aus, wo er die Ohnmacht der Vereinten Nationen thematisiert. Ob Ukraine oder Gaza: Die Uno erweist sich gegenwärtig als unfähig, die Prinzipien ihrer eigenen Charta durchzusetzen. Der Einsatz von Hunger als Waffe, die systematische Verletzung des humanitären Völkerrechts, die Straffreiheit der Täter – all das beschreibt Ziegler detailliert und schonungslos. Und doch hält er am Multilateralismus fest. Nicht aus Naivität, sondern aus Notwendigkeit. Eine funktionierende normative internationale Ordnung ist für ihn keine Option unter vielen, sondern eine Überlebensfrage.

Im Zentrum des Buches steht deshalb nicht nur die Kritik des Bestehenden, sondern die Frage nach den Trägerinnen und Trägern der Hoffnung. Ziegler findet sie in Gewerkschaften, Kleinbauernvereinigungen, Menschenrechtsinitiativen, in der Klimajugend­bewegung. «C’est ici que réside l’espoir.» Trotz alledem!

Jean Ziegler: Trotz alledem!, Bertelsmann-Verlag, 208 Seiten, ca. 28 Franken.

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