Das denken Pflegende in der Unia
«Es kommt der Punkt, wo wir über Streik reden müssen»

Unzählige Aktionen, Demos, eine Volksinitiative mit 61 Prozent Ja-Anteil – und trotzdem hat sich die Situation in der Pflege nicht gebessert. Im Gegenteil, sagen drei Pflegende. Deshalb denken sie jetzt laut über das letzte Mittel nach: Streik.

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SIND BEREIT FÜR EINEN PFLEGE-STREIK: v.l. Christina Rohrer (54), Thalia Ender (21) und Hélène Fiedeldeij-Martini (61). (Fotos: che)

Sie wollen eine bessere Pflege und engagieren sich deshalb für bessere Arbeitsbedingungen. Am Samstag trafen sich die Pflegenden in der Unia-Zentrale in Bern und diskutierten über die nächsten Schritte. Sie informierten sich aus erster Hand über die Methoden und Folgen der rechten Sparpolitik, die auch von einer angemessenen Umsetzung der Pflegeinitiative nichts wissen will (zum work-Beitrag).

Im Verlauf der Branchenkonferenz in Bern kam immer wieder das Thema Streiken auf. Sei es der erfolgreiche Streik im Unispital Lausanne (mehr dazu unter diesem Link), aber auch der grosse Care-Streik, der für den 14. Juni 2027 geplant ist. Und die Pflegenden stellten sich der Frage: Dürfen, sollen, ja müssen auch wir streiken, wenn sich weiterhin nichts ändert?

work hat an der Konferenz mit drei Pflegenden gesprochen. Sie sind sich einig: Wir müssen uns jetzt mit dieser Frage befassen. Und die Frage lautet nicht nur «ob», sondern auch «wie». Und da niemand die Pflege so gut kennt wie die Pflegenden, haben die drei dazu auch schon ein paar Ideen.


Christina Rohrer, 54, Pflegefachfrau, St. Gallen

«Im normalen Betrieb sind wir bereits am Limit. Es braucht nur eine Kleinigkeit, zum Beispiel dass sich ein Bewohner im Heim erkältet – und schon ist die Belastung für das Team fast nicht mehr zu stemmen. Der Druck hat sogar zugenommen, seit die Pflegeinitiative angenommen wurde. Und die Politik tut nichts dagegen. Das ist frustrierend!

Ich würde die Politikerinnen und Politiker gern einladen, uns einmal zu begleiten. Damit sie am eigenen Leib erleben, wie es ist, eine ganze Schicht lang zu wenig Leute zu sein, weil jemand krankheitshalber ausfällt und einfach nicht ersetzt wird.

Bisher werden wir Pflegenden offensichtlich nicht gehört. Deshalb denke ich, wir werden streiken müssen. Und das geht auch im Pflegeheim. An Streiktagen wird nur das Minimum gemacht, dafür reicht ein reduziertes Team. Man kann auch die Angehörigen aufbieten, um etwa bei den Mahlzeiten zu helfen. Und alle anderen, die es dann nicht braucht, streiken.»


Thalia Ender, 21, Pflegefachfrau in Ausbildung, Zürich

«Ich habe mitten in der Pandemie die Lehre als Fachfrau Gesundheit angefangen – ich wusste, dass das happig wird. Aber dazu kam schon bald ein grosser Frust: Wir haben nie genug Zeit, um den Leuten gerecht zu werden. Nicht einmal, wenn jemand im Sterben liegt.

Womit ich nicht gerechnet habe: Dass ich diesen Beruf so gerne mache! Deshalb verbindet sich der Frust mit der Überzeugung: Es muss auch anders gehen. Besser.

Für eine Veränderung müssen wir Pflegenden uns besser organisieren. Es sind noch viel zu wenige in einer Gewerkschaft aktiv – obwohl alle spüren, dass der Druck zunimmt. Irgendwann kommt der Punkt, wo wir auch über Streik reden müssen. Auch wenn das Wort vielen vielleicht noch Angst macht.

Klar, wir wollen die Patientinnen und Bewohner nicht im Stich lassen. Drum müssen wir gut überlegen, wie wir das machen. Eine Idee wäre es, dass wir zwar weiter zu den Leuten schauen, aber unsere Leistungen nicht abrechnen. Das macht Druck auf die Betriebe, ohne dass wir Menschen gefährden.»


Hélène Fiedeldeij-Martini, 61, Pflegefachfrau, Bern

«In unserem Heim wurden in den letzten Jahren Stellen abgebaut. Der Betrieb findet auch kaum mehr qualifizierte Leute. Immer wieder kommen Temporäre und unterstützen uns. Dadurch geht etwas verloren, das gute Langzeitpflege ausmacht: Eine Bezugsperson zu sein für die Menschen in ihrem letzten Lebensabschnitt.

Dass wir Pflegenden alleine streiken, kann ich mir nur schwer vorstellen. Aber wenn wir uns mit anderen zusammenschliessen, mit Ärztinnen, Physiotherapeuten und so weiter – dann können wir als Kollektiv die Betriebe kontaktieren. Und ihnen aufzeigen, dass wir ein gemeinsames Interesse haben, nämlich bessere politische Rahmenbedingungen. Das bedeutet auch eine bessere Finanzierung – und Geld, das interessiert die Leitungen von Heimen, Spitälern und Spitexen. So können wir sie überzeugen, sich politisch zu engagieren. Dann werden sie uns auch beim Streiken unterstützen.»

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