Migros lässt Smood fallen
Über 400 Jobs bedroht

Nicht rentabel: Der umstrittene Lieferdienst Smood will den Laden dicht machen. Mit einem Sozialplan fast ohne Inhalt. Die Migros als Eigentümerin spielt das üble Spiel mit.

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PROTEST: Streikende «Smoodeurs» vor der Migros im September 2024. (Foto: Unia)

Gut war es eigentlich nie, für den Essenslieferdienst Smood zu arbeiten. Miese Löhne, falsche Abrechnungen, Gratisarbeit: Die Schweizer Firma sah ihre Belegschaft, viele davon ohne Schweizer Pass und neu im Land, als Kostenfaktor, den es unter allen Umständen klein zu halten galt. Im November 2021 platzt den Kurierinnen und Kurieren in Yverdon VD der Kragen: Unterstützt von der Unia treten sie in den Streik. Das ist der Start für den grössten Arbeitskampf, den die Schweiz in den letzten Jahren gesehen hat: In elf Städten in der Westschweiz ist der Kurierdienst während gut vier Wochen lahmgelegt. Bis der Kanton Genf eine Schlichtung verfügt und damit den Streik stoppt. Doch weder Arbeitgeber noch Behörden noch ein «Hinterrücks-GAV» haben dafür gesorgt, dass die Fahrerinnen und Fahrer angemessen bezahlt werden (siehe «Die Smood-Saga»).

Mit dem Segen der Migros

Nun muss Smood selber zugeben: Trotz mieser Arbeitsbedingungen rentiert die Firma nicht. Deshalb will der Verwaltungsrat jetzt den Laden dicht machen. Am 20. Januar verschickte er eine Mitteilung mit dem Titel «Geplante Geschäftsaufgabe». Man habe ein Konsultationsverfahren eröffnet «im Hinblick auf eine mögliche Einstellung der Geschäftstätigkeit».

Uber Eats: Behörden schauen seit Jahren weg

Als Grund für das voraussichtliche Aus schreibt Smood, das Liefern von Essen sei ein «besonders umkämpfter Markt». Tatsächlich ist die Konkurrenz nicht nur knallhart, sondern auch unfair. Der Dumping-Anbieter Uber Eats beschäftigt Kurierinnen und Kuriere als Scheinselbständige, obwohl das Bundesgericht die Praxis für illegal erklärt hat.

Unia-Vizepräsidentin Véronique Polito kritisiert: «Die Behörden tolerieren seit Jahren, dass solche Akteure die Gesetze und den geltenden GAV des Gastgewerbes missachten und nach und nach die Branche zerstören.»

Geht es nach dem Willen der Firmenleitung, werden die mehr als 400 Fahrerinnen und Fahrer wohl alle die Kündigung erhalten. Der Entscheid fiel mit dem Segen des Detailhändlers Migros. Seit drei Jahren gehört Smood, via Migros Genf, zu hundert Prozent der Migros-Gruppe.

Die Entlassungen will Smood offenbar gemäss der gleichen Maxime durchziehen wie den Betrieb:

So billig wie möglich, auf Kosten der Mitarbeitenden. Dies legt ein Dokument nahe, das work exklusiv vorliegt.

Es ist der Sozialplan – oder das, was Smood als Sozialplan bezeichnet. Der Text ist so mager, dass er beinahe auf eine A4-Seite passt. Das Stellen-Massaker abfedern soll einzig eine Entschädigung in der Höhe von zwei Monatslöhnen – ohne Rücksicht auf Alter, familiäre Verpflichtungen oder andere Gegebenheiten.

Das soll ein Sozialplan sein?

Die anderen üblichen Massnahmen eines Sozialplans fehlen völlig. Etwa Unterstützung bei der Jobsuche oder Umschulungen, die Möglichkeit von Frühpensionierung oder Ausnahmeregelungen für Härtefälle. Für Unia-Vizepräsidentin Véronique Polito ist es schlicht «eine Frechheit, dieses Papier Sozialplan zu nennen.» Die Smood-Eigentümerin Migros müsse jetzt ihrer Verantwortung gerecht werden. Tatsächlich umfasst der nationale Sozialplan für den laufenden Migros-Umbau weit mehr Massnahmen, etwa auch eine Verlängerung der ordentlichen Kündigungsfrist um mehrere Monate, wenn Mitarbeitende noch keine passende Stelle finden konnten. Polito:

«Die Migros bezeichnet sich gerne als soziales Unternehmen, behandelt aber die Betroffenen bei Smood als Mitarbeitende zweiter Klasse. Das geht nicht!»

Gleichzeitig mit dem Konsultationsverfahren will Smood auch bereits über den Sozialplan verhandeln, so die Mitteilung vom Dienstag. Ob sie bereit sind, diesen zumindest dem Niveau der restlichen Migros-Gruppe anzupassen – das wollten weder die Migros noch Smood sagen. Während der Konsultation werde man keine Fragen beantworten, so die beiden Firmen übereinstimmend.

Die Migros ist gefordert

Die Gewerkschaft Syndicom sieht ebenfalls die Migros in der Verantwortung und fordert, die Eigentümerin müsse den Smood-Mitarbeitenden interne oder externe Alternativen zur Entlassung anbieten. Syndicom und Smood haben 2022 einen Firmen-GAV abgeschlossen. Erst vor wenigen Wochen hat sich Syndicom über die Erneuerung dieses Vertrags mit einigen Verbesserungen gefreut. Diese brächten den Kurierinnen und Kurieren «mehr Sicherheit und mehr Geld», so die Gewerkschaft am 11. Dezember 2025.

November 2019
In Genf kooperiert die Migros mit Smood. Die Unia kritisiert die prekären Arbeitsbedingungen beim Lieferdienst und fordert die Migros auf, die Kurierinnen und Kuriere direkt anzustellen.

April bis Juni 2021
Allo Service, ein Subunternehmen von Smood, meldet Konkurs an und entlässt die Kurierinnen und Kuriere. In Verhandlungen mit Smood erreicht die Unia, dass etwa 120 von ihnen wieder eingestellt werden, diesmal direkt von Smood.

Sommer 2021
Immer mehr Mitglieder beschweren sich bei der Unia über falsche und undurchsichtige Abrechnungen sowie zu tiefe Spesenentschädigungen.

2. November 2021
In Yverdon VD treten die Kurierinnen und Kuriere von Smood in den Streik. Sie fordern bessere Löhne, faire Spesen und ein Ende der Gratisarbeit. Rasch breitet sich der Streik auf elf Städte in der Westschweiz aus.

17. November 2021
Die Gewerkschaften Unia und Syndicom vereinbaren, im Smood-Arbeitskampf zusammenzuarbeiten.

23. November 2021
Grossaktion der Streikenden in Genf. Unia-Chefin Vania Alleva ist beeindruckt: «Eine solche Bewegung habe ich noch fast nie gesehen!»

8. Dezember 2021
Der Kanton Genf verfügt eine Schlichtung und stoppt damit den Streik. Es ist der bis heute längste Streik in der Plattformwirtschaft.

25. Januar 2022
Die Schlichtung scheitert. Die Schlichtungsstelle veröffentlicht 10 Empfehlungen. Sie nimmt dabei zentrale Forderungen der Streikenden auf. Smood zeigt sich stur. Die Unia fordert die Firma auf, endlich den GAV des Gastgewerbes einzuhalten.

28. März 2022
Die Unia zeichnet die Streikenden mit dem «Prix Engagement» aus. Im work sagt die Fahrerin Wassila Toumi über CEO Marc Aeschlimann: «Er fordert alles von uns. Ich sage ihm: Nimm es. Aber du wirst nicht siegen.»

11. Mai 2022
Unterstützt von der Unia, verklagen vier Smood-Fahrer ihren Arbeitgeber. Sie werfen der Firma vor, sie um hohe Beträge geprellt zu haben. Einer von ihnen ist Maher Bouazizi. Laut Klageschrift schuldet ihm Smood Löhne und Spesen in der Höhe von 61000 Franken. Die Fälle sind derzeit suspendiert, bis rechtskräftig entschieden ist, ob für Smood der GAV Gastgewerbe gilt.

MUTIG. Smood-Fahrer Maher Bouaziz.
(Foto: Sébastien Agnetti)

19. Mai 2022
Überraschend präsentieren Smood und Syndicom einen GAV, ausgehandelt in aller Heimlichkeit. In zentralen Punkten geht der Vertrag hinter die Empfehlungen der Schlichtungsstelle zurück. Trotzdem «begrüsst» die Migros Genf, mit 46 Prozent an Smood beteiligt, den Vertrag. Véronique Polito, Mitglied der Unia-Geschäftsleitung, kritisiert das Vorgehen von Syndicom als «Vertrauensbruch».

August 2022
Das Smood-Subunternehmen Simple Pay stellt den Betrieb ein und entlässt rund 220 Fahrerinnen und Fahrer. Smood stellt laut eigenen Angaben 150 von ihnen direkt an und will nicht mehr mit Subunternehmern zusammenarbeiten.

Mai 2024
Eine Reportage der Zeitung «La Côte» zeigt: Ein Smood-Kurier kommt im besten Fall auf einen Monatslohn von netto 2500 Franken. Dazu Millionär Aeschlimann: «Ich gebe zu, das ist kein Anwaltssalär. Aber mir scheint, es reicht zum Leben.»

1. Januar 2023
Gemäss Migros-Finanzbericht gehört die Smood AG neu zu 100 Prozent der Migros-Gruppe.

April 2025
Das Genfer Arbeitsgericht gibt den Sozialpartner des Gastgewerbes recht: Für Smood gilt der Gesamtarbeitsvertrag der Branche. Unter anderem haben Food-Kuriere somit auch während Wartezeiten Anrecht auf den vollen Lohn. Smood zieht das Urteil weiter.

20. Januar 2026
Smood gibt den Start eines Konsultationsverfahrens und von Sozialplan-Verhandlungen bekannt – beides «im Hinblick auf eine mögliche Einstellung der Geschäftstätigkeit». Der vorliegende Sozialplan ist ein schlechter Witz; die Unia fordert die Migros als Eigentümerin auf, ihre Verantwortung wahrzunehmen.

Damals müssen die Warnlampen bei Smood schon heftig geblinkt haben. In der aktuellen Medienmitteilung gibt das Unternehmen bekannt, die Finanzergebnisse seien «in den letzten Monaten» hinter den Zielen zurückgeblieben.

Klagen bleiben bestehen

Was bedeutet das alles für Smood-Mitarbeitende, die Ansprüche aus der Vergangenheit geltend machen? Derzeit sind mehrere Lohnklagen von Fahrern suspendiert – bis rechtskräftig geklärt ist, ob für Smood der GAV Gastgewerbe gilt. Könnten die Forderungen ins Leere laufen, wenn Smood verschwindet? Nein, sagt Regula Dick, Leiterin des Unia-Rechtsdienstes: Smood könne zwar den Betrieb einstellen. Aber. «Die Firma existiert weiter und kann erst im Handelsregister gelöscht werden, wenn alle Forderungen geklärt sind.»

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