Nach dem Streik: Plötzlich taucht ein Gesamtarbeitsvertrag auf
Der Hinterrücks-Vertrag von Syndicom mit Smood

Der Essenslieferdienst Smood schmückt sich neu mit einem Gesamtarbeitsvertrag. Und der geht sogar noch hinter die Empfehlungen der Schlichtungsbehörde des Kantons Genf zurück.

LOHN-TRICK, FEHLENDE SPESEN UND GRATISARBEIT: Der Smood-GAV im Überblick. (Grafik: work)

Smood-Fahrer Paulo Almeida* traute seinen Augen nicht, als er am 19. Mai eine Nachricht seines Arbeitgebers auf sein Handy bekam. Mit der Frage: «Sind Sie für den Gesamtarbeitsvertrag, den Syndicom und Smood ausgehandelt ­haben?» Ein GAV mit Smood? Woher tauchte der plötzlich auf?

Zur Erinnerung: Fünf Wochen hatte Almeida letzten Winter gestreikt, zusammen mit Kolleginnen und Kollegen in elf Städten. Es war der grösste Arbeitskampf im Land seit längerer Zeit. Mutig machten die streikenden «Smoodeurs» publik, wie mies ihre Arbeitsbedingungen beim Essenslieferdienst sind. Und verlangten bessere Löhne, faire Spesen usw. Dabei stützten sich die Streikenden auf den GAV Gastgewerbe (siehe Box unten und Tabelle oben). Am Ende des Streiks mischte sich die Schlichtungsbehörde des Kantons Genf in den Arbeitskonflikt ein und empfahl Smood, zen­trale Forderungen der Fahrerinnen und Fahrer umzusetzen (work berichtete: ­rebrand.ly/smoodfolgen). Doch es passierte nichts.

Und jetzt hat Smood plötzlich einen GAV abgeschlossen? Noch dazu mit der Gewerkschaft Syndicom? Wo doch rund 160 Fahrerinnen und Fahrer der Gewerkschaft Unia das Mandat gaben, sie zu vertreten? Tatsächlich haben Smood und Syndicom den GAV in aller Heimlichkeit geschrieben. Hinter dem Rücken der Unia und ohne Wissen der allermeisten Fahrerinnen und Fahrer (siehe Interview unten). Damit nicht genug: Dieser GAV ist nicht mal gut. In wichtigen Streitpunkten geht er hinter das zurück, was die Schlichtungsbehörde des Kantons empfiehlt oder der Gastro-GAV regelt (siehe Tabelle). Kein Wunder, dass auch das Genfer Unterstützungskomitee für die Streikenden, zu dem auch Grüne und SP-Mitglieder gehören, den Smood-GAV scharf kritisiert: «Nein zu einem GAV, der prekäre Verhältnisse verankert!»

«Das Papier hat den ­Namen GAV nicht ­verdient.»

Hier die Eckwerte im Smood-GAV:

DER LOHN-TRICK. Die Schlichtungsbehörde erachtet einen Basis-Mindestlohn von 23 Franken pro Stunde als angemessen, plus Zuschläge für Ferien und Feiertage. Smood brüstet sich nun mit diesem Mindestlohn – aber die Zuschläge sind darin bereits enthalten. Der Basislohn im GAV beträgt nur 20 Franken 56. Und das ist exakt so viel, wie Smood heute schon bezahlt.

DAS MINI-MINIMUM. Smood zerstückelt die Arbeit in Schichten. Es gilt: Wer sich zuerst für eine Schicht meldet, bekommt sie, die anderen gehen leer aus. Die kantonale Schlichtungsbehörde aber empfiehlt ein garantiertes Minimum von 17 Einsatzstunden pro Woche. Im GAV sind es jetzt nur 4 Stunden. Das ergibt ein gesichertes Einkommen von 356 Franken Basislohn pro Monat.

GRATISARBEIT KOMMT NICHT VOR. Wer beim Smood-Subunternehmen Simple Pay unter Vertrag ist, leistet täglich Gratisarbeit (work berichtete). Denn für Wartezeiten und Rückfahrten gibt’s ­keinen Lohn. Die Schlichtungsbehörde fand das «nicht akzeptabel». Die «Smoodeurs» hätten Anrecht auf Lohn während der gesamten Schicht. Doch der Smood-GAV sagt dazu nichts. Simple Pay ist gar nicht Partnerin des Vertrags.

WO SIND DIE SPESEN? Die meisten «Smoodeurs» sind mit dem eigenen Auto unterwegs. Der GAV sieht dafür jetzt eine Entschädigung pro Kilometer vor, auf Basis der TCS-Richtlinien. Immerhin. Er lässt aber offen, welche Kilometer zählen: Nur die Lieferungen oder auch die Rückfahrten? Syndicom versichert auf Anfrage: «Sämtliche Kilometer, die während der Schicht gefahren werden.» Ob Smood dies auch so sieht, wissen wir nicht. Die Firma hat auf die Anfragen nicht reagiert.

Im GAV enthalten ist auch ein Lohnzuschlag für Sonntagsarbeit: Fünf Prozent. Fahrer Almeida hat dafür nur ein Wort: «Lächerlich.» Zum Vergleich: Bei Coop liegt der Sonntagszuschlag zwischen 50 und 75 Prozent. Für Almeida ist klar: «Das Papier hat die Bezeichnung Gesamtarbeitsvertrag nicht verdient.»

* Name geändert

Smood-GAV: Das sagt Syndicom

Den Syndicom-GAV hat Zentralsekretär David Roth unterschrieben, der auch SP-Vizepräsident ist. Auf die Fragen von work antwortet aber Mediensprecher Matthias Loosli. Er sagt, nicht Syndicom habe die Vereinbarung zur Zusammenarbeit mit der Unia gebrochen, sondern die Unia. Dann nämlich, als diese «versuchte, Smood dem GAV Gastgewerbe zu unterstellen».

Über diese Darstellung der Dinge kann Unia-Geschäftsleitungsmitglied Véronique Polito nur lachen. Sie sagt: «Das war nicht die Unia, die das entschieden hat, sondern die zuständige Aufsichtskommission des Gastgewerbes. Die Unia hat Syndicom lediglich vor langer Zeit auf die Tatsache aufmerksam gemacht, dass die Mindestregelungen des Gastro-GAV gemäss Geltungsbereich auch für Essenskuriere gelten.»

GROBER UNSINN. Zur Anwendung des Gastro-GAV sagt Syndicom-Mediensprecher Loosli weiter: «Mit ­einer Unterstellung unter den Gastro-GAV hätten wir die Arbeitsbedingungen der Kurierfirmen massiv unterboten.» Man habe das der Unia mitgeteilt und damit die Zusammenarbeit beendet.

Auch über diese Behauptung kann Unia-Geschäftsleitungsmitglied Polito nur den Kopf schütteln: «Das ist grober Unsinn! Der Smood-GAV von Syndicom ist insgesamt schlechter als der Gastro-GAV, das ist das Problem.» Das ­zeigten schon nur die zentralen Schlüsselwerte (siehe Tabelle rechts), auf denen auch die Forderungen der streikenden «Smoodeurs» basierten. Polito weiter: «Abgesehen davon ist es durchaus möglich, einen Firmen-GAV auszuhandeln, der besser ist als der entsprechende Branchen-GAV.» Und beim Smood-GAV handle es sich genau um so einen Firmenvertrag.

KEIN HEBEL. Bleibt die Frage an Syndicom, wieso die Gewerkschaft einen GAV abgeschlossen hat, der noch schlechter ist als die Empfehlungen der kantonalen Genfer Schlichtungsbehörde CRCT (siehe ebenfalls Tabelle rechts). Dazu Mediensprecher Loosli: «Die Schlichtung ist gescheitert und bietet ­damit keinen Hebel für die Durchsetzung von Forderungen.»


Unia-Geschäftsleitungsmitglied Véronique Polito zum Smood-GAV von Syndicom:
«Das ist ein Vertrauensbruch»

Die Gewerkschaften Unia und Syndicom hatten eine Vereinbarung, dass sie in Sachen Smood zusammenarbeiten. Nun hat Syndicom einseitig einen unbefriedigenden GAV mit dem Kurierdienst abgeschlossen. Die Unia ist konsterniert.

Christian Egg

work: Smood und Syndicom ­haben einen Gesamtarbeitsvertrag abgeschlossen. Was sagen Sie als Zuständige in der Unia-Geschäftsleitung zu diesem Coup?
Véronique Polito: Dieser GAV löst kein einziges Problem. Die Kurierinnen und Kuriere haben vor allem bei den Spesen und der bezahlten Arbeitszeit Verbesserungen verlangt. Und diese Punkte sind in diesem GAV überhaupt nicht zufriedenstellend geregelt. Syndicom hat zugelassen, dass in diesem Vertrag jetzt einseitig die Interessen von Smood verankert sind – und nicht jene der Fahrerinnen und Fahrer.

Unia-Geschäftsleitungsmitglied Véronique Polito. (Foto: Manu Friedrich)

Aber die haben ihm mehrheitlich zugestimmt …
Die Umfrage ist nicht demokratisch verlaufen: der Absender war der Arbeitgeber, und die Umfrage ist über die Smood-App abgewickelt worden, das heisst ohne Datenschutz. Viele haben sich gar nicht getraut, ihre Meinung frei zu äussern. Gemäss GAV-Text kann nämlich eine Ablehnung des GAV zu einer Kündigung führen. Das ist abschreckend. Und zudem haben auch nicht alle Kurierinnen und Kuriere die Nachricht bekommen, wie unsere Mitglieder berichtet haben.

Hat die Unia gewusst, dass ­Syndicom und Smood GAV-Verhandlungen führen?
Nein, wir wussten nichts davon. Am Tag, als der GAV verkündet wurde, haben wir nicht einmal eine Kopie der Medienmitteilung erhalten, wie das sonst unter Gewerkschaften üblich ist. Auch die vielen Fahrerinnen und Fahrer, die mit uns in Kontakt stehen, haben im Vorfeld nichts gewusst. Offenbar wollten Smood und Syndicom uns möglichst lang im Dunkeln lassen.

Während des Smood-Streiks im letzten Winter hatten wir erfahren, dass es informelle Diskussionen zwischen Syndicom und Smood gab für einen eventuellen GAV. Wir nahmen dann mit Syndicom Kontakt auf und unterschrieben schliesslich eine gemeinsame Vereinbarung. Sie besagt, dass Unia und Syndicom in Sachen Smood zusammenarbeiten. Unia-seitig haben wir diese Vereinbarung eingehalten und Syndicom in die Verhandlungen und im Schlichtungsverfahren mit Smood einbezogen. Danach aber hat Syndicom plötzlich jede weitere Zusammenarbeit mit uns verweigert. Dass Syndicom jetzt hinter dem Rücken der Fahrerinnen und Fahrer und ohne uns einzubeziehen diesen GAV ausgehandelt hat, ist unglaublich und ein Vertrauensbruch.

Mitte Mai reichten die ersten Smood-Fahrenden Klage gegen Smood vor Gericht ein, unterstützt von der Unia. Kurz darauf präsentieren Smood und ­Syndicom ihren GAV. Kann das Zufall sein?
Das ist in der Tat interessant! Smood war wohl unter Druck, auch von der Migros als Miteigentümerin von Smood. Ich kann mir gut vorstellen, dass Smood darauf gedrängt hat, diesen Vertrag schnell abzuschliessen. Und das möglichst ohne Einbezug der vielen Mitarbeitenden, die sich am Streik beteiligt hatten, damit die nicht noch ihre Forderungen einbringen können.

Und wie geht es jetzt weiter?
Es braucht nun sicher eine Klärung mit Syndicom. Im Interesse der Arbeitnehmenden ist es zentral, dass die relevanten Gewerkschaften miteinander reden und zusammenarbeiten. Das ist zumindest die Überzeugung der Unia.

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