Studie über Männlichkeit
Linke Männer sehen Gleichberechtigung als Chance, rechte fürchten sich davor

Eine neue Studie zeigt: Konkrete Vorteile der Gleichberechtigung für Männer sehen vor allem die Frauen. Männer überschätzen meist, wie sehr Frauen von ihnen erwarten, Männlichkeitsnormen zu erfüllen. Und: Jeder fünfte Mann vertritt die Haltung, dass ein Mann seine Ehre verteidigen solle, notfalls mit Gewalt.

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«Was zeigen denn diese Zahlen?» – «Ach, es geht darum, dass die Rechten Angst vor starken Frauen haben.» (Montage: work)

Welche Vorteile bringt Gleichberechtigung eigentlich den Männern? Welche Art von Männlichkeit wird von Männern erwartet? Und was sind die Gründe für die aktuellen Rückschritte bei der Gleichberechtigung? Diesen Fragen ist eine Studie im Auftrag des Vereins «Geschlechtergerechter» nachgegangen. Für die Auswertung hat das Umfrageinstitut Sotomo die Angaben von knapp 3000 Personen in der Deutschschweiz und in der Romandie ausgewertet.

Vordergründig scheint nichts gegen mehr Gleichberechtigung zu sprechen. Die meisten Männer sehen darin keine Herausforderungen für sich selbst. Ganz anders schätzen das die Frauen ein: Mehr als die Hälfte der Befragten gehen davon aus, dass Männer stark mit der Unsicherheit über ihr Rollenbild und mit abnehmender Anerkennung traditioneller Leistungen zu kämpfen haben. Allerdings: Vor allem linke Männer sehen keine Schwierigkeiten. Männer, die politisch rechts orientiert sind, befürchten hingegen eher Konflikte in der Partnerschaft, fehlende Orientierung in der Familie und weniger Anerkennung ihrer traditionell männlichen Leistungen. Und ein Drittel dieser Befragten finden, dass Gleichstellung keinen Nutzen für Männer habe. 

Worin liegen für Sie als Mann die grössten Herausforderungen der Gleichstellung der Geschlechter? Und: Worin liegen für Männer die grössten Herausforderungen einer Gleichstellung der Geschlechter? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

Männer mit Humor

Bei der Frage, was denn Männlichkeit überhaupt sei, geht die Wahrnehmung zwischen dem gesellschaftlichen und dem privaten Männerbild auseinander. Eine deutliche Mehrheit geht davon aus, dass ein Mann aus Sicht der Bevölkerung belastbar, selbstsicher und durchsetzungsstark sein müsse. Bei den persönlichen Präferenzen hingegen zeigt sich ein ganz anderes Bild: Hier zählen zwischenmenschliche Werte wie Humor, Freundlichkeit, Fürsorge und Selbstreflexion weit mehr.

Die Ausnahme bilden Ältere und Rechte, die in ihren persönlichen Wünschen an den Mann eine auffallende Übereinstimmung mit dem geglaubten gesellschaftlichen Männerbild zeigen. Gleichzeitig sind es ältere und rechte Männer, die eine klare Vorstellung davon haben, was Mannsein bedeutet, während junge und linksgesinnte Männer diesbezüglich eher Unsicherheiten aufweisen. Deutlich an Bedeutung verloren hat die traditionelle Ernährerrolle. Und: Grundsätzlich überschätzen Männer, wie sehr Frauen von ihnen erwarten, Männlichkeitsnormen zu erfüllen.

Welche Eigenschaften schätzt die Schweizer Bevölkerung bei Männern? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)
Welche Eigenschaften schätzen Sie persönlich bei anderen Männern? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

Jung, SVPler, Macho

Breiter Konsens herrscht bei den Männern, dass Gleichstellung auf einer eher abstrakten Ebene mehr Gerechtigkeit für beide Geschlechter bringt. Konkrete Vorteile für die Männer sehen hingegen vor allem die Frauen: mehr Zeit für die Familie, die Befreiung von der Rolle des alleinigen Versorgers und weniger Druck, sich an traditionelle Männerbilder anzupassen. Das Argument der Gerechtigkeit folgt aus Frauensicht erst an vierter Stelle. Auch Männer unter 35 und solche im linken politischen Spektrum sehen praktische Vorteile in der Gleichberechtigung. Ganz anders junge SVP-Wähler. Sie haben kein Problem mit dem aktuellen Männerbild und sehen daher auch am wenigsten Vorteile bei mehr Gleichberechtigung. Jüngere linke Männer bringen Gleichberechtigung mit mehr persönlicher Freiheit und einer besseren Balance zwischen Beruf und Privatleben in Verbindung. 

Worin liegen für Sie als Mann die grössten Vorteile der Gleichstellung der Geschlechter? Und: Worin liegen für Männer die grössten Vorteile der Gleichstellung der Geschlechter? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

Obwohl die Gleichstellungspolitik sich zu Recht vor allem auf die Beseitigung von Nachteilen für Frauen konzentriert, sehen die meisten der Befragten nach wie vor die Männer klar im Vorteil: sei es beim Lohn, bei den Karrieremöglichkeiten oder beim Zugang zu Macht und Einfluss. 

In welchen Bereichen sind Männer gegenüber Frauen benachteiligt ? Und: In welchen Bereichen sind Männer gegenüber Frauen bevorteilt ? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

Autoritäre Frauenverächter

Weltweit gibt es deutlich mehr Männer in Führungspositionen als Frauen. Für die Mehrheit der befragten Frauen ist dies ein Problem, bei den Männern lediglich für 40 Prozent. Potentielle Wählerinnen und Wähler der SP und der Grünen sehen in der Dominanz von Männern in Führungspositionen klar ein Problem. Sympathisierende von Mitte und GLP tendieren dazu, eher ein Problem zu sehen, während Wählerinnen und Wähler von FDP und SVP mehrheitlich kein Problem sehen.

Autoritäre Frauenverächter haben wieder Hochkonjunktur. Das zeigt sich an Führungsfiguren wie Donald Trump, Wladimir Putin oder Benjamin Netanjahu, die sich als stark, hart, durchsetzungsstark und risikobereit zelebrieren. Dieser rechte «Backlash» geht mit der Abwertung von Frauen und Minderheiten einher: Frauenrechte, Gleichstellung oder Diversität werden als Bedrohung für den Mann dargestellt. In diesem Zusammenhang besonders besorgniserregend: Jeder fünfte Mann vertritt die Haltung, dass ein Mann seine Ehre verteidigen solle, notfalls mit Gewalt. 

Was sind die wichtigsten Gründe dafür, dass sich betonte Männlichkeit aktuell in der Politik vermehrt durchsetzt? (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

Die Gründe für das Wiedererstarken der «harten Hunde» in der Politik sehen Frauen und Männer unterschiedlich. 40 Prozent der befragten Frauen sehen den Grund bei rechten Bewegungen, die gegen feministische Anliegen mobilisieren. Und weil Gleichberechtigung männliche Privilegien in Frage stellt. Männer sind hingegen fast zur Hälfte der Meinung, dass der Feminismus mit seinen Forderungen zu weit gegangen sei. Diese Meinung ist vor allem im rechtskonservativen Lager weit verbreitet. Personen aus dem links-grünen Milieu hingegen geben als Erklärung an, dass Gleichstellungsbestrebungen männliche Privilegien in Frage stellten und rechte Gruppen gezielt gegen feministische Anliegen mobilisierten. Die Studie bestätigt: Fortschritte in der Gleichberechtigung kommen von linksprogressiven Bewegungen und Parteien. Denn richtig ist: Die feministischen Forderungen sind nie zu weit gegangen. Die ­Frauen haben nie zu viel gefordert, sondern lediglich Gleichberechtigung: in der Politik, beim Lohn, bei der unbezahlten Care-Arbeit.

Gründe dafür, wieso autoritäre Frauenverächter in der Politik wieder Hochkonjunktur haben – nach Parteipräferenz. (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)
Das glauben die Rechten, wieso betonte Männlichkeit sich in der Politik wieder vermehrt durchsetzt. (Grafik: Verein Geschlechtergerechter)

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