Die französisch-iranische Ethnologin Fariba Adelkhah über den Aufstand in Iran
Hände weg von Iran!

Keine revolutionäre Vision treibt die Iranerinnen und Iraner zum Protest auf die Strasse, sondern eine doppelte Hoffnungslosigkeit.

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WIDERSTAND: Fariba Adelkhah, politische Ethnologin, kämpfte im Gefängnis per Hungerstreik für die Freiheit der Forschung. (Bild: work)

Dr. Adelkhah!»: Am 5. Juni 2019 wird sie von Revolutionswächtern verhaftet und ins berüchtigte Teheraner Evin-Gefängnis gebracht. Dort erfährt sie, dass sie der Spionage angeklagt ist. Absurd. Darauf steht die Todesstrafe. Doch Fariba Adelkhah nervt sich darüber, dass man ihre Forschungsarbeit unterbricht: «Man hat mir mein Terrain weggenommen. Also habe ich das Gefängnis zum neuen Terrain meiner Forschung gemacht. Es ist ein Mikrokosmos der iranischen Gesellschaft.» Sie sagt es lachend. Im Frauentrakt der politischen Gefangenen sitzt sie an der Quelle, sie schreibt Briefe, Eingaben, Rekurse für die anderen Frauen. So ist Fariba Adelkhah:

immer mittendrin, ganz nahe dran, dort, wo es wehtut, im Gespräch mit allen, auch und gerade den Schurken.

In Teheran aufgewachsen, politische Ethnologin am Pariser Think-Tank CERI, Forschungsdirektorin der Elite-Uni Sciences Po, Ehrendoktorin u. a. der Uni Genf. Ihr wissenschaftlicher Blick ist unbestechlich scharf, ihr Gehör für das Ungesagte fein, ihr (multi)kulturelles Gepäck immens. So hat sie uns seit bald 40 Jahren einige der besten Bücher zum 90-Millionen-Vielvölkerstaat Iran geschenkt. Im Evin-Gefängnis kämpfte sie per Hungerstreik für die Freiheit der Forschung, wurde zu fünf Jahren verurteilt und solidarisierte sich nach dem Tode von Mahsa Amini im Herbst 2022 mit der Protestbewegung «Frau Leben Freiheit». 2023 begnadigte sie der Staatschef, Ayatollah Ali Chamenei. Ein Freispruch, sagt sie, wäre ihr lieber gewesen.

work: Frau Adelkhah, der laufende Aufstand hat im Teheraner Basar begonnen. Die Basare galten bisher als ein sicherer Pfeiler des Systems.

Fariba Adelkhah: Das sind sie. Aber schauen wir genauer hin. Die ersten, die auf die Strasse gingen, waren die Betreiber des Handy- und Informatikbasars. Ihr Business war quasi eine Lizenz zum Gelddrucken, in wenigen Monaten erhöhten sie etwa die Handypreise um 1500 Prozent. Eine Form von Banditentum, das nun durch die Wirtschaftskrise und die Austeritätspolitik der Regierung eingebrochen ist. Eine wachsende Zahl Iranerinnen und Iraner lebt inzwischen unter dem Existenzminimum…

60 Prozent, lesen wir bei der Weltbank

… und die Hilfen für die Ärmsten wurden gekappt. Die Mittelschicht ihrerseits ist in kurzer Zeit verarmt. Ein explosiver Fakt. Die Inflation ist gigantisch, weil der Rial, die Landeswährung, stark entwertet ist…

… als Folge der US-Sanktionen und des gesunkenen Ölpreises

… und nun alles am Dollar gemessen wird. Sogar der Preis von Dingen wie Wassermelonen, die lokal produziert werden, explodiert mit dem Dollarkurs. Das ist die absurde Praxis einer Handvoll Krisengewinnler.

Handelt es sich also um eine Hungerrevolte?

Diese Sicht ist zu simpel. Hinter den ökonomischen Daten wie der hohen Jugendarbeitslosigkeit steckt das Entscheidende, das alle Aspekte des iranischen Alltags prägt: die doppelte Hoffnungslosigkeit. Die Mehrheit der Bevölkerung ist unter 27 und meist gut ausgebildet, aber ihre Entfaltungschancen sind gering. Wer keinen ordentlichen Job hat, kann keine Wohnung finden, kann nicht heiraten, hängt in den Fängen der Familie fest.

Sie haben von einer doppelten Hoffnungslosigkeit gesprochen?

Niemand bietet eine glaubhafte Vision zum Ausstieg aus der schlimmen Lage an. Weder das erstarrte Regime noch die fürchterlich zerstrittenen oppositionellen Kräfte oder eine Diaspora, die sich zunehmend trumpisiert. Die Zukunft scheint abgesagt. In den Slogans und Äusserungen des Protests findet sich, im Unterschied etwa zur grünen Bewegung von 2009, nichts als der blosse Fall des Regimes. Ein paar Linke rufen immerhin «Weder oberster Führer noch Schah». Doch das ist noch kein Programm.

In Ihrem Gefängnistagebuch beschreiben Sie, welchen politischen Gefangenen Sie in Evin begegnet sind. Das geht von diversen Linksgruppen, Gewerkschafterinnen, Frauenbewegten über Sekten bis zu drei verfeindeten monarchistischen Fraktionen.

Und manche davon existieren nur in einer perversen Osmose mit dem Regime.

Hat die Bewegung Frau Leben Freiheit denn nichts verändert?

O doch, wie jede Gesellschaft bewegt sich die iranische ständig. In vielen Kämpfen haben die Frauen heute starke Positionen im öffentlichen Raum erstritten, und in den Universitäten dominieren sie sogar. Bei Frau Leben Freiheit ging es gegen Diskriminierung, also um rechtliche Gleichstellung. Der Schleier stand nicht im Zentrum, aber die Kleidervorschriften werden seither nicht mehr durchgesetzt. Als ich aus dem Gefängnis kam, habe ich am Teheraner Busbahnhof den Nachtbus nach Mashad genommen. Eine lange Fahrt. Allein, einzige Frau unter Soldaten und anderen Männern. Ich trug weder Kopftuch noch Tschador. Niemand nahm daran Anstoss, auch nicht die Kontrollen der Polizei und der Revolutionswächter. Aber als ich an der Tür meiner Cousine in Mashad klingelte, sagte sie: Warte, ich bringe dir den Schleier.

Gilt, was Politiker und Kommentatoren im Westen verbreiten: Derzeit kämpfe, so sagen sie, eine laizistische, demokratische Zivilgesellschaft (das gute Iran) gegen die islamistische «Diktatur der Mullahs» (das böse Iran)?

Wer seine Iran-Politik auf ein solch armseliges Verständnis baut, macht gefährliche Fehler. Dieses Land ist heute sehr viel komplexer als 1979, dem Jahr der Revolution. Die Gesellschaft ist inzwischen stark säkularisiert. Nicht der radikale Islam bestimmt das Handeln des Regimes, sondern ein virulenter Nationalismus samt allen fremdenfeindlichen Nebenwirkungen. Ayatollah Chamenei ist mächtig, aber kein Diktator im Sinne des Alleinherrschers: Etliche Gruppen, darunter auch antiklerikale, teilen sich die Herrschaft in einer immer wieder neu austarierten Balance. So sind etwa die Reformisten eingebunden, manche sitzen im Gefängnis, aber sie stellen derzeit den Regierungschef, Masoud Pezeshkian, einen früheren Herzchirurgen. Drei Themen bestimmen diese Auseinandersetzungen: das Verhältnis zum Westen, der Islam und die Rolle des Revolutionsführers.

Meldungen sprechen von Hunderten von Toten und sehr, sehr vielen Verhafteten. Jetzt hören wir aus Shiraz und Mashad, dass viele ein noch grösseres Blutbad fürchten.

Ich teile diese Furcht. Nicht, weil man allen Nachrichten trauen sollte, es zirkulieren viele Fake News. Die Furcht ist älter, und sie ist die Furcht einer ganzen Nation.

Eigentlich nicht verwunderlich, nach all den Kriegen, Millionen von Toten und zuletzt den israelischen und US-amerikanischen Bombardierungen des Zwölf-Tage-Krieges im vergangenen Sommer.

Das ist das eine. Aber die Iranerinnen und Iraner wissen auch nicht, wie sie aus dieser Lage ohne Explosion rauskommen. Es hat sich einiges angestaut. Hier liegt wohl der Kern: Die repetierte Unterdrückung sozialer Bewegungen hat die Menschen zum Rückzug ins Private gezwungen. Sie machen nicht mehr Gesellschaft. So konnten keine Strukturen, Organisationen, Gewerkschaften entstehen, mit denen Chamenei oder Pezeshkian nun verhandeln könnten.

Erleben wir die letzten Tage der Islamischen Republik?

Ich werde die Spekulationen, die sich dieser Tage überschlagen, nicht nähren. So oder so ist klar: Eine Lösung kann nur aus dem Inneren kommen. Egal, wie schwierig dies im Moment scheint, allein den Iranerinnen und Iranern steht es zu, über ihre Zukunft zu entscheiden. Versuchen die USA oder das Gespann Trump-Netanjahu eine erneute Intervention, setzen sie die ganze Region in Brand. Von Kabul bis Beirut.

Das Gefängnistagebuch von Fariba Adelkhah (Prisonnière à Téhéran, Seuil, Paris 2025) enthält Dutzende funkelnder soziologischer Miniaturen.

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