Zu den grossen Stärken des Buches zählt seine methodische Redlichkeit. Bollinger erklärt nicht, was sich nicht erklären lässt. Sie verzichtet auf psychologische Zuschreibungen dort, wo die Quellen fehlen, und widersteht der Versuchung, aus Fragmenten eine geschlossene Erzählung zu formen. Zu dieser Redlichkeit gehört auch, dass Bollinger ein Kapitel nicht ausspart, das sie selbst lange umkreist hat: die sexuellen Übergriffigkeiten von Elsas ältestem Sohn, also dem Onkel der Autorin. Keine Anklage, sondern die nüchterne Frage, wie Elsa damit umging, was sie wusste, was sie verdrängte. Und die Einsicht, dass sich das aus den Quellen nicht beantworten lässt. Bollinger verzichtet konsequent auf nachträgliche Deutung. Sie schreibt nicht, warum etwas geschah, sie benennt keine Motive, sie rekonstruiert keine Täterpsychologie. Sie legt offen, wie begrenzt das Wissen selbst innerhalb der Familie war. Und wie stark das Schweigen als familiärer Schutzmechanismus wirkte. Der Text bleibt dabei stets auf der Seite der Betroffenen.