Letzte Glasflaschenfabrik macht dicht

Streik bei Vetropack vorläufig unterbrochen

Iwan Schauwecker

Die Konzernleitung von Vetropack will die letzte Glasflaschenfabrik der Schweiz schliessen und 180 Mitarbeitende entlassen. Die Belegschaft von Vetropack kämpft mit Streikaktionen für einen anständigen Sozialplan. Mit ersten Erfolgen.

VEREINT: Gemeinsam mit den Vetropack-Büezerinnen und -Büezern ist Unia-Präsidentin Vania Alleva (vorne m.) durch Saint-Prex gezogen. (Foto: Unia)

Am vergangenen Sonntag zogen 750 Personen durch Saint-Prex VD und protestierten lautstark gegen die Konzernleitung von Vetropack. Der Verwaltungsrat des Konzerns hat alle Vorschläge zur Erneuerung der Fabrik verworfen und will den Produktionsstandort am Genfersee per Ende August defi­nitiv schliessen und 180 Mitarbeitende entlassen. Die Fabrik, die seit über hundert Jahren Glasflaschen produziert, sei nicht mehr rentabel zu betreiben, sagt Claude Cornaz, der Firmenerbe und Verwaltungsratspräsident von Vetropack. Es werde «eine sozialverträgliche Lösung» gesucht, doch der Konzern wollte vielen Mitarbeitenden bereits Ende Mai kündigen.

WUT IN DER FABRIK

Die Vetropack-Büezerinnen und -Büezer sind sehr enttäuscht und wütend über den Entscheid. Aus ihrer Sicht ist der Sozialplan völlig ungenügend. Deshalb sind sie letzte Woche in den Streik getreten. Eine Vetropack-Mitarbei­terin sagt: «Wir haben eine Geschäftsleitung, die von uns verlangt, bis zum Ende professionell und loyal zu sein, während sie genau das Gegenteil tut.» Zusammen mit den Gewerkschaften Unia und Syna fordert das Per­sonal die Aufnahme von echten Verhandlungen mit der Gewerkschafts­delegation und keine Entlassungen, bevor alle Leistungen des ­Sozialplans bekannt sind. ­Zudem sollen industrielle Arbeitsplätze erhalten bleiben.

Am vierten Streiktag konnte die Belegschaft einen ersten Erfolg erzielen: Bis Ende Juni wird es keine Entlassungen geben, und die Gewerkschaften und die Geschäftsleitung einigten sich auf einen Verhandlungskalender. Das Personal hat deshalb in einer Abstimmung ­einer teilweisen Wiederaufnah­­me der Arbeit zugestimmt.

STREIK FÜR EINE WOCHE AUSGESETZT

Gestern Donnerstag machte die Vetropack-Geschäftsleitung weitere Zugeständnisse: Sie gab der Belegschaft und den Gewerkschaften eine Garantie für die Verhandlung über den Sozialplan. Die Büezerinnen und Büezer haben daraufhin an einer Versammlung entschieden, die Arbeit noch am selben Tag wieder aufzunehmen. Die Glasflaschenfabrik ist somit wieder in vollem Betrieb. Für wie lange, hängt allerdings von den Verhandlungen ab. Die Mitarbeitenden haben den Streik nicht beendet, sondern für eine Woche unterbrochen.

«KOMPLETT VERÄRGERT»

João Ferreira (56) ist Präsident der Personalkommission und sagt: «Viele von uns sind zu jung für ­die Pensionierung und zu alt, um eine neue Arbeit zu finden. Das mindeste wäre ein würdiger So­zialplan.» Auch Unia-Präsidentin Vania Alleva und SGB-Präsident ­Pierre-Yves Maillard waren am Sonntag zur Solidaritätskundgebung in Saint-Prex. Maillard sagt: «Ich bin komplett verärgert. Wenn man sieht, wie diese Leute Tag und Nacht hart arbeiten, sich engagieren und gute Vorschläge machen, aber dieser Fabrikerbe alles missachtet: dégoûtant» («widerlich»)!

BUNDESRAT VERSAGT

Am Konzernhauptsitz in Bülach ZH spielt man die Bedeutung der Fa­brikschliessung auch hinsichtlich des Altglas-Recyclings herunter. Vetropack-CEO Johann Reiter sagt: «Im Bereich Recycling bleibt alles wie bisher». Doch Fakt ist: Wenn die Fabrik diesen Sommer schliesst, müssen 100 000 Tonnen Altglas, die bisher jährlich in Saint-Prex verarbeitet wurden, nach Italien exportiert und dann über Hunderte Kilometer in die Schweiz ­zurückgekarrt werden. Dafür ist auch Wirtschaftsminister Parmelin verantwortlich. Mit seinem ­Widerstand gegen eine Schweizer Industriepolitik (siehe unten) sabotiert er die Kreislaufwirtschaft in der Schweiz. Sie würde nicht nur industrielle Arbeitsplätze schaffen und erhalten, sondern die lokale Versorgung mit kurzen Transportwegen sicher-stellen. So wird Vetropack zum nächsten Mahnmal für das in­­dus­­triepolitische Versagen des Bun­desrates und den fehlenden Plan für eine ökosoziale Transformation der Schweizer Wirtschaft. Den Schaden haben die zukünftigen Generationen und die entlas­senen Büezerinnen und Büezer.


IndustriepolitikSchweiz muss handeln

Der Bundesrat an­erkennt in seinem neusten ­Lagebericht zur Schweizer Volkswirtschaft, dass in der EU und den USA eine aktive Indus­triepolitik zur Dekarbonisierung und zur Förderung ­grüner Industrien betrieben wird.

Mit dem Klima- und Innovationsgesetz sowie mit dem revidierten CO2-Gesetz kommen ab 2025 auch in der Schweiz Fördermassnahmen hinzu, aber auf eine Industriepolitik mit gezielten Subventionen will der Bundesrat dennoch weiterhin verzichten. Für die Klimabewegung ist dies ungenügend. Klimastreik Schweiz fordert in einem ­neuen Posi­tionspapier eine sozialökologische Industriepolitik: So könnten auch die Stahlwerke in Gerlafingen und Emmenbrücke überleben und in ­Zukunft den Stahl für die Schweizer Wind- und Sonnenenergieprojekte liefern.


Weitere Artikel zum Thema:

Schreibe einen Kommentar

Bitte fülle alle mit * gekennzeichneten Felder aus.