Politikerpaar entlarvt Norwegens Steuerflüchtlinge

So stinkt die «Lachskarawane»

Florian Sieber

Um dem Zugriff des Fiskus zu entgehen, ziehen Norwegens Superreiche zunehmend in die Schweiz. Doch das mediale Getöse darüber ist lauter als nötig – und politisch motiviert.

WAREN FÜR IHR BUCH IN DER SCHWEIZ: Sofie Marhaug und Mímir Kristjánsson zeigen auf, dass die reichen Norweger, die in die Schweiz gezogen sind, ihren Lebensmittelpunkt meist ganz woanders haben. (Foto: Henrik Heldahl)

«Norwegerwelle» und «Lachskarawane» – wenn es um die Auswanderung reicher Norweger in die Schweiz geht, haben sich hiesige Medien ziemlich abstruse Namen ausgedacht. Anlass der Migration aus dem Norden ist die Steuerpolitik der sozialdemokratischen Regierung. Diese hat 2022 den maximalen Vermögenssteuersatz von 1 auf 1,1 Prozent ­erhöht. Leicht gestiegen ist auch der Satz für Dividenden und Kapitalerträge – von 35,2 auf 37,8 Prozent. Seither sind 88 Superreiche in die Schweiz ­ausgewandert – also eine Person etwa alle zwei Wochen. Unter den 2322 Norwegerinnen und Norwegern in der Schweiz machen sie zwar nur einen Bruchteil aus. Doch von den 400 Reichsten aus Norwegen leben zurzeit 47 in der Schweiz, also mehr als 10 Prozent. Deshalb haben Sofie Marhaug (33) und Mímir Kristjánsson (37) diese Steuerflucht genauer unter die Lupe genommen. Die beiden politisieren für die linke Oppositionspartei Rødt (die Roten) im Parlament und sind privat ein Paar. Ihre Recherchen haben sie jetzt in einem Buch publi­ziert. Mit «Hilfe, sie ziehen in die Schweiz!» hätte sein Titel ironischer kaum sein können.

URNER WOHNSITZ AUF PAPIER

Gegenüber work erklärt Marhaug: «Das ganze Theater begann im September 2022 mit dem Wegzug von Kjell Inge Røkke ins Tessin. Als er ging, war es wie ein Signal für die anderen Reichen: Jetzt können auch wir in die Schweiz.» Der in der Fischfang- und Offshore-Industrie reich gewordene Røkke (65) inszeniert sich gerne als «Selfmade-Milliardär» und Wohltäter. Als er ein WWF-Forschungsschiff finanzierte, erzählte er der Zeitung «Aftenposten», wie wichtig es ihm sei, der Gesellschaft «etwas zurückzugeben». Steuern waren da offenbar nicht mitgemeint – und das, obwohl der Fiskus einst weit mehr zulangte. Buchautor Kristjánsson sagt: «Vor der gegenwärtigen Regierung waren acht Jahre lang die Rechten an der Macht. Sie machten den Reichen viele Steuergeschenke. Heute sind wir noch nicht einmal auf dem Steuerniveau, das davor Bestand hatte!»

Für seine Recherchen hat das Politpärchen auch ausgedehnte Streifzüge durch die Schweizer Villenhügel, Seelagen und Reichenghettos unternommen. Die Bilanz daraus: Die meisten norwegischen Steuerflüchtlinge leben nur auf dem Papier hier. So habe Alf-Inge Haaland (51), der Vater des Manchester-City-Stürmers Erling Haaland (23), seinen Wohnsitz zwar in Andermatt UR, seinen Lebensmittelpunkt aber in England, wo er kräftig im Fussballzirkus mitmische. Auch von Milliardär Røkke habe im «Collina d’Oro» bei Lugano jede Spur gefehlt. Das Luxusresort dient ihm als offi­zieller Wohnsitz. Und die Millionenerbin und Influencerin Phoebe Hveem Lier (29) liege sowieso mehrheitlich an irgendwelchen Traumstränden herum oder lasse sich beim Shoppen in Paris ablichten. Hinter den Schlagzeilen der «Norwegerwelle» stecke denn auch weniger eine sich anbahnende Katastrophe als vielmehr eine gezielte Angstkampagne der Reichen selbst.

ANTI-PROPAGANDA: Das Buch zu den «Flüchtlingen». (Foto: ZVG)

EFFIZIENTER PROPAGANDA-APPARAT

Diese Kampagne solle die regierende Mitte-links-Koalition unter Druck setzen. Kristjánsson sagt: «In den letzten Jahren haben die Reichen einen enormen Propagandaapparat aufgebaut.» So kassierten Heerscharen von Anwältinnen und Anwälten hohe Geldsummen, um dafür die geplanten Anti-Steuerflucht-Gesetze zu bekämpfen. Auch die norwegischen Tageszeitungen spielten eine unrühmliche Rolle: «Sie zitieren diese Anwälte als Experten, obwohl sie nichts anderes als Lobbyisten sind.»

Wie aber will die rote Partei dieser Kampagne begegnen? Marhaug sagt: «Wir müssen die Vorstellung bekämpfen, dass man mit Steuern Reiche bestehle.» Schliesslich seien ihre Profite ja nur durch Ausbeutung der arbeitenden Allgemeinheit und der Natur erst möglich geworden. Zudem müssten die erhobenen Steuern auch ­effektiv dem Volk zugute kommen, nur so sei ihre ­Legitimation gesichert.

Aber letztlich, ergänzt Kristjánsson, müsse man eines klar sagen: «Der Wegzug von ein paar Reichen ist kein Weltuntergang.» Die Abwanderung gelte es zwar zu stoppen, aber nicht um jeden Preis. Denn Norwegens Reichtum basiere auf natürlichen Ressourcen, einer ausgezeichnet ausgebildeten Arbeiterschaft und einer starken Zivilgesellschaft. «Aber nicht auf Milliardären!»

* Florian Sieber hat Slavistik studiert und ist Redaktor beim Winterthurer Radio Stadtfilter und bei der Zeitung vorwärts.


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