Italien

Riace lebt! Bürgermeister Mimmo Lucano ist wieder frei

Oliver Fahrni

Weil er ein sterbendes kalabrisches Dorf mit Asylsuchenden in ein blühendes Wunder verwandelte, warf ihn Italiens Rechte ins Gefängnis. Jetzt will Mimmo Lucano das Modell «globales Dorf» nach Europa tragen und kandidiert für die EU-Wahlen.

IN FREIHEIT: Mimmo Lucano verlässt das Gefängnis voller Tatendrang und will nun im EU-Parlament wirken. (Foto: Keystone)

Als alle Welt begann, über den verblüffenden Erfolg des 2000-Seelen-Nestes Riace im tiefsten Süden Italiens zu sprechen und das US-Blatt «Fortune» dessen Bürgermeister Domenico «Mimmo» Lucano 2016 gar zu einer der «50 wichtigsten Führungspersönlichkeiten der Welt» kürte, kam die Polizei.

Riace durfte nicht sein, im Wahn des rechtsextremen Innenministers Matteo Salvini (heute Vizeregierungschef von Ministerpräsidentin Giorgia Meloni): 600 Asylsuchende hatten dem verwüsteten Ort neues Leben eingehaucht. Sie hatten Handwerksbetriebe und Läden gegründet, eine Ölmühle reaktiviert und brachliegendes Land kultiviert, jetzt gab es wieder eine Schule, reichlich Musik, einen Arzt. Kundschaft für die Cafés und neue Jobs für die Einheimischen. Abgewanderte kamen nach Riace zurück, etliche «gemischte» Ehen zeugen vom neuen Leben.

Also liess Salvini Bürgermeister Lucano am 4. Oktober 2018 verhaften und aus Riace verbannen. Gleichzeitig verfügte er, zahlreiche Migrantinnen und Migranten zu deportieren.

Begonnen hatte das «globale Dorf» 1998 mit 100 kurdischen Flüchtlingen, deren Boot vor Riace gesunken war. Der Kalabrese Mimmo Lucano, der eigentlich Arzt werden wollte, sich aber als Wirtschaftsflüchtling im Mailändischen verdingen musste, trieb Geld auf, um Dutzende zerfallender Häuser wieder bewohnbar zu machen. Kalabrien verliert jedes Jahr 15’000 Menschen durch Abwanderung innerhalb Italiens.

HUNGERSTREIK FÜRS LEBEN

Gegen diesen schleichenden Tod stemmt sich Lucano, ein Sympathisant der Proletarischen Linken, mit seiner ganzen Existenz. Mehrmals auch mit Hungerstreiks, wenn die rechtsextreme Regierung mal wieder die Mittel kappte oder mit polizeilicher Schikane das Modell zu ersticken suchte. Riace wurde zur sicheren Adresse für die Verdammten dieser Erde. Es kamen Afghaninnen, von den Taliban vertrieben, Syrer, Flüchtende aus diversen afrikanischen Ländern und aus dem Maghreb. Das funktionierte so gut, dass Salvini «Mimmo» zum Staatsfeind Nummer eins erklärte. Im September 2021 verurteilte ihn ein Gericht wegen «krimineller Verschwörung zur illegalen Immigration» und diverser Phantasiedelike in einem politischen Prozess zu 13 Jahren und 2 Monaten Gefängnis. Ein Skandalurteil. Ein Anti-Mafia-Staatsanwalt sagte damals: «Wenn Lucano das grösste Problem Kalabriens ist, hat die Mafia endgültig gesiegt.» Mafia und extreme Rechte können schon lange gut miteinander.

DIE MASSEN BEWEGT: Die Menschen gingen für Mimmo Lucano auf die Strasse. (Foto: Keystone)

Doch der politische Gefangene Lucano kämpfte weiter, nun unterstützt von zahlreichen Gruppen, Persönlichkeiten, Gewerkschaften aus ganz Europa. Die Mobilisierung lohnte, Ministerpräsidentin Meloni kam unter Druck. Ein Berufungsgericht kassierte jetzt den Richterspruch. Der Mann, inzwischen 65, ist frei – und er hat Pläne.

Auch wenn ihm die jahrelange juristische Guerilla für die «andere mögliche Welt» (Lucano) Spuren ins Gesicht geschrieben hat, will Lucano wieder Bürgermeister werden, um Riace neuen Elan einzuhauchen. Und das globale Dorf nach Europa tragen: Er kandidiert auf einer rotgrünen Liste für das EU-Parlament. Solidarität, lokal und global. Er sagt: «Es ist möglich. Aus dem Kleinen kann das Grosse wachsen.»

IN DEN KERKERN ORBANS

Auf derselben rot-grünen Wahlliste fällt ein weiterer Name auf: Ilaria Salis. Die 39jährige arbeitete als Lehrerin in Monza (Lombardei). Im Februar 2023 wurde sie in Budapest verhaftet, als sie mit europäischen Antifaschisten gegen den Aufmarsch von Neonazis aus aller Welt demonstrierte, die alle Jahre im Februar die Meucheltaten der Waffen-SS in der Schlacht um Budapest 1945 feiern. Der rechtsextreme Herrscher Viktor Orbán schützt ihre Aufmärsche. Salis drohen für ihren Protest nun 24 Jahre Gefängnis.

IN KETTEN: So wurde Ilaria Salis in Ungarn vorgeführt. (Foto: Keystone)

Sie hätte leicht in einem ungarischen Kerker verrotten können, hätten Orbáns Schergen nicht den Fehler begangen, sie in Ketten in den Gerichtssaal zu zerren. Die Bilder sorgten für Empörung, nicht nur in Italien. Sofort organisierte sich internationale Solidarität. Sie tat ihre Wirkung. Die neofaschistische Regierungschefin Giorgia Meloni sah sich genötigt, bei ihrem Mentor Orbán anzurufen. Jetzt steht Salis erst einmal in Budapest unter Hausarrest. Doch sie hofft, mit der EU-Wahl freizukommen.


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