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GAV-Schutz: Die Schweiz hat Nachholbedarf!

Hans Baumann

Wie viel Prozent der Arbeitnehmenden profitieren von einem Gesamtarbeitsvertrag (GAV)? In der Schweiz sind dies rund 50 Prozent. Der Abdeckungsgrad mit Gesamtarbeitsverträgen ist ein wichtiger Masstab für das Niveau des sozialen Schutzes in einem Land. GAV gehen über die gesetzlichen Mindeststandards hinaus und beinhalten in der Regel auch Mindestlöhne. Der Abdeckungsgrad mit GAV ist abhängig von der Stärke und Tradition der industriellen Beziehungen, aber auch von staatlichen Regelungen, wie zum Beispiel den gesetzlichen Möglichkeiten, sozialpartnerschaftliche Vereinbarungen auf die ganze Branche und alle Unternehmen auszudehnen.

In den letzten 20 Jahren hat die Schweiz etwas aufgeholt, der Anteil der Arbeitnehmenden unter Gesamtarbeitsverträgen ist von 40 auf rund 50 Prozent gestiegen. Die meisten westeuropäischen Länder haben einen deutlich höheren Abdeckungsgrad als die Schweiz. So zum Beispiel unsere drei Nachbarländer, Frankreich, Italien und Österreich, wo zwischen 98 und 100 Prozent aller Arbeitnehmenden einem GAV unterstellt sind. Dies ist nur möglich, weil es dort staatliche Regelungen gibt, um GAV-Inhalte für alle Unternehmen verbindlich zu machen.

VIEL LUFT NACH OBEN

Im Durchschnitt aller EU-Länder ist der GAV-Abdeckungsgrad aber gesunken, weil er in den meisten mittel- und osteuropäischen Staaten, in Griechenland aber auch in Deutschland deutlich zurückgegangen ist. Deshalb macht die EU mit einer neuen Richtlinie nicht nur bei den (gesetzlichen) Mindestlöhnen Druck, sondern auch bei der GAV-Abdeckung. So werden jene Mitgliedsländer, deren GAV-Abdeckung unter 80 Prozent ist, verpflichtet, einen Aktionsplan vorzulegen, der spezifische Massnahmen zur deutlichen Erhöhung der GAV-Abdeckung beinhaltet. Davon ist eine Mehrheit der EU-Länder betroffen.

Genau das ist auch ein wesentlicher Streitpunkt bei den Gesprächen der Schweizer Sozialpartner in Hinblick auf ein neues Bilaterales Abkommen mit der EU. Beim kollektiven Schutz durch GAV hat die Schweiz noch viel Luft nach oben. Ein Massnahmenplan für die Erhöhung der GAV-Abdeckung ist deshalb auch hier nötig, um das Niveau der Schweizer Löhne und Arbeitsbedingungen in Zukunft erhalten zu können.

Hans Baumann ist Ökonom und Publizist.


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