Neuer Dokumentarfilm über das Schicksal der «versteckten Kinder»
Wie das brutale Saisonnierstatut Hunderte Familien zerriss

Sie mussten sich verstecken und lebten in permanenter Angst. Nun brechen die Saisonnierkinder von damals ihr Schweigen.

ZERBRECHLICHES GLÜCK: Weil sie nicht bei ihren Eltern hätten sein dürfen, lebten die Buben des Saisonnier-Paars Fragale im Versteckten. Jahrelang, in ständiger Furcht vor der Fremdenpolizei. (Foto: Filmstill «Im Land der verbotenen Kinder»)

Luigi Fragales Eltern kamen in den 1970er Jahren aus Kalabrien als Saisonniers in die Schweiz. Der Familiennachzug war verboten, Sohn Luigi musste zu Hause in Italien bleiben. So produzierte das Saisonnierstatut zerrissene Familien am Laufmeter. Fragale erzählt nun im Dok-Film «Im Land der verbotenen Kinder» von Jörg Huwyler und Beat Bieri seine Geschichte. «Ich hatte als Junge einen grossen Hass auf die Schweiz», sagt er.

Fragale ist eines der vielen Opfer des Saisonnierstatuts. Als ihn die Eltern heimlich in die Schweiz nahmen, musste er sich jahrelang zu Hause verstecken. Er durfte die Wohnung nicht verlassen, nicht draussen spielen und hatte kaum Kontakte zu Gleichaltrigen. Wie ein Vogel im Käfig. Zwar versorgt, aber eingesperrt und ohne Freiheit.

GESTOHLENE KINDHEIT: Aurora Pacheco war als Tochter spanischer Saisonniers ein verstecktes Kind in der Schweiz. (Foto: Filmstill)

VOM NACHBARN VERRATEN

Die Familie lebte in ständiger Angst vor der Fremdenpolizei und der sofortigen Ausweisung. Im Alter von acht Jahren konnte Luigi trotz allem zur Schule gehen. Das war einem verständnisvollen Schulratspräsidenten zu verdanken. Dieser setzte sich über die Vorschriften hinweg und erlaubte den Schulbesuch.

Doch die Sache flog auf. Ein Nachbar denunzierte die Familie bei der Fremdenpolizei. «Dann fing der Stress an», erinnert sich Fragale im Film. Er musste zurück nach Kalabrien. Trotzdem gab es für ihn ein Happy End: Der Chef der Baufirma, bei der Luigis Vater arbeitete, setzte sich für eine Aufenthaltsbewilligung ein. Aber nicht ganz uneigennützig. Denn er hatte Luigis Vater ein Darlehen für den Bau eines Hauses in der Heimat gegeben und fürchtete nun um das Geld, sollte dieser tatsächlich ausgewiesen werden. Heute ist Luigi Fragale ein erfolgreicher Coiffeurmeister in Solothurn. Den Hass hat er überwunden, aber rückblickend sagt er: «Das war keine schöne Zeit.»

Die Kinder konnten die Wohnung nicht verlassen, nicht draussen spielen und nicht zur Schule gehen.

MANÖVRIERMASSE

Schicksale wie dieses haben die beiden Innerschweizer Filmer Jörg Huwyler und Beat Bieri in ihrem Werk versammelt. Immer klarer kommt ans Licht, welches Leid das berüchtigte Statut unter den Saisonniers verursacht hat. Diese waren, wie der Film treffend erläutert, die Manövriermasse des schweizerischen Wirtschaftswunders. Sie sollten die Schweiz aufbauen und dann wieder gehen. Doch dieser fremdenfeindliche Plan blieb Theorie. Daran konnte auch die Hetze des rechtsextremen Ausländerfeinds James Schwarzenbach und seine Initiative im Jahr 1970 nichts ­ändern.

TRAUMATISIERTE KINDER

Die «versteckten Kinder» litten zweifellos am meisten unter dem Statut. Ihnen wurde die Kindheit geraubt.

Wenig bekannt ist, dass ita­lienische Padres in Domodossola (I) ein Internat führten. Dort lebten viele Kinder von Schweizer Saisonniers. Die Eltern konnten sie so nahe an der Schweizer Grenze öfter besuchen als etwa in Süditalien. Der Film macht auf diese Institution aufmerksam – und auch auf die Tränen der Kinder, wenn ihre Eltern jeweils wieder abreisen mussten.

Bereits 2014 interviewte work Aurora Pacheco. Auch sie wuchs als verstecktes Kind auf. Damals musste das Gespräch noch anonym unter dem Namen Aurora Lama erfolgen. Inzwischen weiss Pacheco: Dieses Unrecht kann nur wiedergutgemacht werden, wenn offen dar­über gesprochen wird. Und so legt sie jetzt im Film ein beredtes Zeugnis ihres Schicksals ab. Inzwischen gibt es auch den Verein Tesoro (siehe Seiten 10 und 11). Von Betroffenen gegründet, fordert er von der offiziellen Schweiz eine Entschuldigung sowie Entschädigungen für die Opfer. Endlich. Denn die Traumatisierung von Saisonnierkindern hätte mit einer menschlicheren, weniger wirtschaftsliberalen Politik gewiss vermieden werden können

Jörg Huwyler, Beat Bieri: Im Land der verbotenen Kinder. CH 2023, 80 min. Jetzt in den Kinos.


Tesoro-Podium: Wer sind die ­Täter?

Zwischen 1934 und 2002 wuchsen Tausende Kinder ausländischer Arbeiterfamilien im Geheimen auf. Weil das Saisonnierstatut den Familiennachzug verbot. Aber auch heute leben in der Schweiz unzählige Illegalisierte. Wie ­gehen die Betroffenen damit um? Was muss sich ändern? Und wie können die versteckten Täter hinter diesem Skandal zur Verantwortung gezogen werden? Darüber diskutiert am 9. Februar ein Podium in Luzern. Unter anderem mit Paola de Martin, Präsidentin Verein Tesoro und Tochter ­eines italienischen Saisonnierpaares, und Kelly Alves, Re­staurationsfachfrau und ehemalige Sans-papiers. Mehr ­Infos unter: rebrand.ly/tesoro-podium


work-Broschüre: Die Baracken-Schweiz

Mit der Einführung der Personenfreizügigkeit 2002 war – nach fast 70 Jahren – endlich Schluss mit dem Saisonnierstatut. Doch die SVP trauert dem Regime noch heute nach – und wollte es 2014 hinterrücks wieder einführen. Mit der Initiative gegen «Masseneinwanderung». work hielt dagegen, etwa mit dem Leseheft «Baracken, Fremdenhass und versteckte Kinder». Das kompakte und reich bebilderte Heft ist digital frei verfügbar: rebrand.ly/work-leseheft


Ausstellung:Geheim­schulen für Kinder

Bildung ist ein Menschenrecht. Doch den versteckten Kindern der Baracken-Schweiz blieb der Schulbesuch verwehrt – bis migrantische Vereine die Sache selbst in die Hand nahmen: 1971 eröffneten sie in Renens VD die erste «Sonderklasse» für ­papierlose Kinder. Schon ein Jahr später entstand auch in Neuenburg eine Untergrundschule. Dann in La Chaux-de-Fonds und so weiter. Heute ist diese Art der Selbsthilfe fast vergessen. Jetzt widmet ihr das Historische Museum La Chaux-de-Fonds die Sonderausstellung «Enfants du placard – à l’école de la clandestinité» («Schrankkinder und Geheimschulen»). Sie dauert noch bis am 19. März 2023. Infos: mhcdf.ch


Betroffene reden:«Wir, die Saisonniers …»

In der Ausstellung «Wir, die Saisonniers … 1931–2022» im Neuen Museum Biel kommen die Betroffenen selbst zu Wort. Persönliche Dokumente, Objekte und Zeugnisse lassen erahnen, was Saisonniers damals ertragen mussten. Aber auch, wie sie sich gewehrt und einander geholfen haben. Zeitzeuginnen und Zeitzeugen können zudem ihre eigenen Erinnerungen gleich vor Ort aufzeichnen – in einer Telefonkabine aus dem Jahr 1973. Infos: nmbiel.ch

 

 

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