Editorial

Die Verwirrung ist gross

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Immer noch verdienen die Frauen in der Schweiz rund 20 Prozent weniger als die Männer. Dieser Unterschied und seine grossen Folgen waren auch an diesem Frauenstreiktag wieder ein Thema.  Und wieder gaben die rund 20 Prozent Lohndifferenz zu reden. Selbst unter Feministinnen. Das geht dann etwa so: Sind diese rund 20 Prozent Differenz nur diskriminierend? Und wofür stehen sie schon wieder? So fragen die einen. Stehen sie für gleichwertige oder gleiche Arbeit? Und die anderen meinen: Aber der nicht erklärbare Lohnunterschied beträgt doch nur 8 Prozent! Das ist doch die wirkliche Lohndiskriminierung. Wir sollten also nur über diese nicht erklärbaren 8 Prozent reden. Weil der Rest ja erklärbar ist. Erklärbar durch Faktoren wie Ausbildung, Teilzeitbeschäftigung, Erwerbsunterbrüche, Karriereverlauf usw. Weil sonst machen wir uns doch unglaubwürdig beim politischen Gegner! Oder?

ERKLÄRBAR ODER NICHT. So und ähnlich geht das jeweils hin und her. Und zeigt vor allem eins: Der Zahlensalat und die Verwirrung sind gross. Und politisch gewollt. Das haben jene, die den systematischen Lohnbschiss an den Frauen grundsätzlich negieren, prima hinbekommen! Also, bravo Machopartei SVP! Bravo männertreue FDP, CVP und Grünliberale! Ihr, die ihr den Skandal stets wegdifferenziert und wegrechnet zusammen mit euren Arbeitgeber-Organisationen. Weil nicht sein darf, was nicht sein soll. Die beiden Kategorien «erklärbare» und «nicht erklärbare» Lohndifferenz sind nichts anderes als statistisch aufgepumpte Nebelpetarden. Als ob es, wenn wir’s erklären können, weniger diskriminierend wäre. Und als ob all die «erklärbaren» Faktoren, die Frauen weniger verdienen lassen, nicht ganz direkt mit der einen, systematischen Diskriminierung der Frauen in dieser Gesellschaft zu tun hätten: mit der geschlechtsspezifischen Verteilung der Arbeit.

Wir lassen uns den Lohnbschiss nicht wegrechnen!

WIEDER RÜCKWÄRTS. Immer noch leisten die Frauen die meiste Care-Arbeit. Und damit auch die meiste Gratisarbeit. Die Ökonomin Mascha Madörin hat diese mal berechnet und kapita­lisiert. Sie kommt auf einen Betrag von 100 Mil­liarden Franken. Pro Jahr! Diese ungerechte Verteilung von Arbeit und Geld macht auch nicht vor den Renten Halt. Frauen haben 37 Prozent weniger Rente als Männer. Und ein Drittel der pensionierten Frauen haben überhaupt keine Pensionskasse und leben nur von der AHV. Und solange wir diese Arbeitsverteilung nicht grundsätzlich hinter­fragen und auch grundsätzlich verändern, so lange wird es mit der Gleichstellung nicht wirklich vorangehen. Sondern sogar wieder rückwärts. Wie bei der Heraufsetzung des Frauenrentenalters auf 65, das die Rechten jetzt durchboxen wollen. Und über das wir im September abstimmen. Die Rechten verkaufen uns diese Rentenkürzung um satte 5,6 Prozent selbstverständlich als Gleichstellung. Dabei hat die Gleichstellung von nicht Gleichgestellten noch nie zu mehr Gerechtigkeit geführt. Sie vertieft nur die Ungerechtigkeit.

SAUEREI! Deshalb sagen wir Nein zur Herauf­setzung des Frauenrentenalters. Aber Ja zur Lohngleichheit. Und das ist auch kein Widerspruch, wie manche Medien meinen. Denn so­­wenig, wie wir uns den Lohnbschiss wegrechnen lassen, so sehr wehren wir uns auch gegen eine Schere im Kopf. Und drum bleiben wir dabei: Die Lohnschere zwischen Mann und Frau beträgt rund 20 Prozent. Sie ist systembedingt. Und sie ist da. Und das ist eine Sauerei!

3 Kommentare

  1. Max Brüllhardt

    Was die Löhne der Frauen betrifft gibt es auch die fiese Masche der Post die meist weiblichen Angestellten nicht angemessen für die nicht unwesentlichen Zusatzaufgaben die sie in den Postagenturen erbringen zu entlöhnen.
    Ich kenne Frauen die keinen Rappen mehr Lohn erhalten seit z.B. im SPAR eine Postagentur eingerichtet wurde. Ebenso ist es eine Verletzung des Arbeitsrechts dass die Arbeitsverträge nicht entsprechend aktualisiert wurden. Keine Kläger , kein Richter

  2. Beat Hubschmid

    Ach, dieses Gejammer. Die Linke selber will ja die Probleme NICHT lösen. Oh, ich hasse jene, die Menschen
    ausnehmen, unterdrücken. Oder die Verhältnisse dafür schaffen, wie „unsere“ Konkordanz (FDPMitteGrünliberaleSVPSPGrüne…).
    Ja, ich habe schon vielen Frauen zugehört, die sich unter ihrem Wert „verkaufen“ müssen(…). Und selber habe ich in den 80ern mit meinem Geld ein Taxigeschäft betrieben ohne Netz und doppelten Boden. Und ohne jede Diskriminierung (gleicher Lohn Mann/Frau – bester Lohn für beste Mitarbeiterin, Anstellung MitarbeiterInnen mit anderer sexuellen Orientierung, etc.).
    Bei Euch Uni-Linken ist doch der Arbeiter das Problem. Der Maurer oder Steinhauer, der statistisch mehr verdient, als die weibliche (fiktive) Kollegin. Es ist doch dieser üble Klassismus, den auch IHR zusammen den Bonzen betreibt (?!).

    • Beat Hubschmid

      …zusammen MIT den Bonzen

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