Arbeitszeitverkürzung: Medizinerin Danuser zu überlangen Arbeitstagen
«Zehn-Stunden-Tage auf Dauer machen krank»

In der Schweiz ­arbeiten wir europaweit am ­längsten. Jetzt drohen mit den Angriffen der Bürgerlichen auf das ­Arbeitsgesetz sogar 16-Stunden-Tage. Für Arbeitsmedizinerin ­Brigitta Danuser sind das schlechte Vorschläge.

ARBEITSMEDIZINERIN BRIGITTA DANUSER: «Eine Entlastung resultiert, wenn in weniger Zeit nicht mehr als zuvor gearbeitet werden muss.» (Foto: «Le Temps»)

work: Je länger die Arbeitszeit, desto mehr macht sie krank. Stimmt diese Gleichung?
Brigitta Danuser: Ab 45 Stunden pro Woche lässt sich statistisch ein Effekt für höhere Krankheitsrisiken feststellen. Gewisse Studien zeigen solche Schwellen schon bei 38 bis 40 Stunden. Es macht den Körper viel mehr fertig, wenn Sie vier Tage mit zehn Stunden arbeiten anstatt fünf Tage mit acht Stunden. Bei mehr als acht Stunden steigen die Fehler enorm an. Bei zwölf Stunden sind wir dann bei einer Verdoppelung.

Bei den jüngsten Angriffen der bürgerlichen Parteien auf das Arbeitsgesetz drohen sogar 16-­Stunden-Tage und 67-Stunden-Wochen …
Diese Vorschläge sind schlecht, weil sie zu intensiven Arbeitsphasen führen. Studien zeigen, dass es sehr darauf ankommt, ob man länger als zehn Stunden pro Tag arbeitet. Wer das fünfzig Tage im Jahr macht, hat ein viel grösseres Risiko, krank zu werden. Dies wäre gerade bei diesen Vorschlägen der Fall.

«Bei mehr als acht Stunden steigen die Fehler enorm an.»

Wir erleben überall eine Inten­sivierung und Verdichtung der Arbeit. Gibt es eine Grenze für «gesunde» Arbeit?
In fast allen Jobs fand eine Intensivierung statt. Die meisten Menschen leisten heute in der gleichen Arbeitszeit mehr als früher. Dabei muss man aber nicht nur die bezahlte, sondern auch die unbezahlte Arbeit in Betracht ziehen. Kinder aufziehen, Pflege- und Familienarbeit bleiben ebenso unberücksichtigt wie die Arbeit, die vermehrt auf die Kundinnen und Kunden verlagert wird, etwa Selfscanning im Supermarkt. Ich nenne das «graue Arbeit».

Nehmen die jobbedingten Krankheiten generell zu?
Die von der Suva anerkannten, klas­sischen arbeitsmedizinischen Krank­heiten sind rückläufig. Es gibt bei uns noch etwa 2000 bis 3000 Fälle pro Jahr. Hingegen nehmen Krankheiten wie Stress oder psychische Probleme eindeutig zu, auch solche mit negativen Folgen für Muskeln und Skelett.

Muss also die Suva-Liste für Berufskrankheiten erweitert werden?
Ja, Stress und Burnout sind in diesen Definitionen nicht enthalten. Stress ist an sich ja noch keine Krankheit. Aber wenn er zu psychischen Erkrankungen führt, muss dies berücksichtigt werden. In anderen Ländern wird dies bereits gemacht. Unser Suva-Katalog müsste offener sein.

Gibt es Berufe, in denen das Krankheitsrisiko besonders hoch ist?
Eine Liste dazu gibt es nicht. Aber man kann sagen, dass die psychischen Belastungen in den Dienstleistungs­berufen besonders hoch sind. In der Produktion sind es eher physische Belastungen. Mit der Ausbreitung des Dienstleistungssektors haben die psychischen Erkrankungen klar zuge­nommen.

Ein spezielles Problem ist die Erwartung von ständiger Erreichbarkeit, etwa durch E-Mails. Brauchen wir eine gesetzliche E-Mail-­Beschränkung wie in Frankreich?
Die erste Firma, die solche Beschränkungen erliess, war VW in Deutschland. Wer das Betriebsgelände verlässt, muss keine E-Mails mehr beantworten. Das macht Sinn. Die Vermischung von privat und Beruf ist ohnehin schon ungeheuer gross. Ob eine solche Beschränkung entlastend wirkt, ist jedoch unklar. Es fehlen dazu Studien.

In der Plattformökonomie eta­bliert sich eine Totalüberwachung der Arbeitnehmenden. Breitet sich diese Entwicklung aus?
Ich würde das nicht auf Plattformen reduzieren. Denken Sie etwa an Call-Center. Es hat diesbezüglich schon seit Jahren ein riesiger Schub stattgefunden, auch in der intellektuellen und kreativen Arbeit, die lange als eher frei galt.

Viele fordern eine Verkürzung der Arbeitszeit, Stichwort Vier-Tage-Woche. Ergibt das Sinn?
Wenn es darauf hinausläuft, dass man einfach in vier Tagen das machen muss, was vorher in fünf, so ist eine Verkürzung arbeitsmedizinisch unsinnig. Eine Entlastung resultiert, wenn in weniger Zeit nicht mehr als zuvor gearbeitet werden muss. Gerade für Frauen ergäbe sich eine Entlastung. In Frankreich hat die 36-Stunden-Woche keine Erleichterung gebracht. Das Regime, das umgesetzt wurde, hat teilweise zu mehr Stress geführt. Hier ein gutes Modell zu entwickeln ist nicht einfach. Wichtig sind dabei Kriterien, ob ich Gestaltungsmöglichkeiten habe und die Arbeitszeit und Pausen selber bestimmen kann.

Braucht es nicht eine spezielle Behörde, die sich um die Gesundheit am Arbeitsplatz kümmert?
Das ist die Aufgabe der kantonalen Arbeitsinspektorate. Sie müssen in den Betrieben nebst Sicherheits- auch Gesundheitsaspekte kontrollieren. Doch sie sind unterdotiert, und nur gerade in zwei Inspektoraten, in Genf und Neuenburg, gibt es Arbeitsmediziner. Das müsste sich schon längst ändern.

Brigitta Danuser: Preisgekrönte ­Forscherin

Brigitta Danuser (67) ist emeritierte Professorin für Arbeitsmedizin an der Universität Lausanne. Von 2005 bis 2015 leitete sie das Institut de Santé au Travail. Sie richtete dort auch eine Stress-Sprechstunde für Arbeitnehmende ein. Für ihre Forschungen zur Gesundheit am Arbeitsplatz erhielt sie zahlreiche Preise. Sie engagiert sich im gewerkschaftlichen Bündnis gegen Stress und Gratisarbeit gegen die von Bürgerlichen angestrebte Aufweichung des Arbeitsgesetzes.


Aktionstag Arbeits­zeit­verkürzung Mehr Zeit zum Leben!

MEHR ZEIT! Installation «Zeitfeld» des Künstlers Klaus Rinke in Düsseldorf. (Foto: Getty)

Die Unia ist mit dabei am kommenden Aktionstag der ­Allianz Strike for Future.

«Weniger arbeiten!» Das ist das Motto des Aktionstags, den die Klimabewegung und die Gewerkschaften für Samstag, 9. April, ausgerufen haben. Es braucht eine massive Arbeitszeitreduktion bei vollem Lohnauslgeich für untere und ­mittlere Einkommen – dies ­forderte die Unia-Delegiertenversammlung bereits letzten Dezember in einer Resolution. Die Reduktion der Arbeits­stunden trägt zudem zur ­Lösung anderer gesellschaftlicher ­Probleme bei: zu einer gerechteren Verteilung der ­bezahlten und der un­bezahlten ­Arbeit zwischen den ­Geschlechtern, zu weniger gesundheitsschädigendem Stress sowie zu weniger Unter­beschäftigung und Arbeits­losigkeit.

WENIGER PENDELN. Eine ­Arbeitszeitreduktion ist auch gut für das Klima: Wenn ­weniger gearbeitet wird, dann werden auch weniger Ressourcen verbraucht, und die Emissionen sinken. Weil Menschen zum Beispiel nicht mehr jeden Tag pendeln ­müssen und weniger produziert wird.

LANDESWEITE AKTIONEN. Im ganzen Land finden Demonstrationen, Aktionen und Veranstaltungen zum Thema statt, so in Bern um 17 Uhr eine Demo auf dem Bundesplatz oder in ­Zürich eine Demo um 15 Uhr auf dem Münsterplatz. Eine Übersicht gibt die Unia-Website www.unia.ch/St4F.

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