Alle aufs Velo! Denken wir die neue Welt von Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel doch etwas weiter

Autos raus aus den Städten. Überdeckte Strassen mit halbtransparenten Solarpanels. Und Bahnen wie Modelleisenbahnen. So schlagen wir gleich drei Fliegen auf einen Streich.

VOM LENKER ZUM DENKER: Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel sieht die Zukunft der Städte autofrei – der Verkehrsraum gehöre den Bikes. (Foto: Keystone)

Der marxistische Staatstheoretiker Nicos Poulantzsas (1936–1979) lehrte uns einst: Der Staat und seine Apparate haben eine gewisse Autonomie. Es gibt unterschiedliche Fraktionen des Kapitals. Und einige von ihnen bilden den Block an der Macht.

Grau ist alle Theorie. Tauchen wir in die Welt der real existierenden Schweiz ein. Am Beispiel des profanen Lärmschutzes: Wer in der Schweiz neue Wohnungen erstellen will, muss hohe Anforderungen in Sachen Lärmschutz erfüllen. Lange Zeit nahm das niemand so richtig ernst. Jetzt greift das Bundesgericht durch und stoppt mehrere Wohnbauprojekte, unter anderem in Zürich, weil die Lärmnormen überschritten wurden.

Alles etwas unübersichtlich. Wir haben zwar Normen. Diese Normen werden aber oft nicht eingehalten. Und ab und zu zieht das Bundes­gericht die Bremse. Und jetzt stehen sich eben zwei Fraktionen des Kapitals gegenüber. Die Bauwirtschaft ­will bauen, und die Automobilindustrie will blochen. Dazu kommt: In Zürich hat die Mehrheit der Einwohnerinnen und Einwohner kein Auto mehr. Es herrscht somit Regulierungsbedarf.

BAUSTEIN WEIBEL. Es ist ein permanenter Fehler auch vieler Linker, den technischen Fortschritt und die Wandlungsfähigkeit des Kapitals zu unterschätzen. Die Bausteine einer umweltfreundlichen und lärmarmen Stadt liegen auf der Strasse. Auch für den ehemaligen CEO der SBB, Benedikt Weibel. Er arbeitet inzwischen für eine österreichische Privatbahn. Und er schreibt Bücher. Auch über die Mobilität. Und für ihn ist klar: Autos haben in der Stadt nichts mehr verloren. Die Zukunft gehört den Velos und den Elektro-Bikes. Denken wir diesen Weibel-Baustein weiter.

BAUSTEIN LAUBEN. Die reichen Ber­nerinnen und Berner wandelten einst unter den Lauben, geschützt vor Regen und Sonne. Und alle in Bern tun das immer noch. Das noch reichere Mailand überdeckte einst seine Einkaufspassage mit Glaskonstruktionen. Vielleicht müssen wir die Stras­sen der Innenstädte mit halbtransparenten Solarpanels überdecken. Ziel 1: Produktion von Strom. Ziel 2: Schutz der Fussgänger und Velofahrerinnen vor Wind, Sonne und Regen. Ziel 3: Schneeräumungen überflüssig ma­­chen. Dies alles sollte nicht schwerfallen, nachdem Simonetta Sommaruga sogar die Autobahnen mit Solarzellen überdecken will.

BAUSTEIN GARAGEN WEG UND NUR NOCH ELEKTROAUTOS. Wir haben in der Schweiz 10 Millionen Parkplätze. Viel zu viele. Sobald sich selbst steuernde Elektroautos auf den Markt kommen, sind 8 Millionen von ihnen überflüssig. Sobald sich Elektroautos selbstgesteuert durch die Schweiz bewegen, wird das private Eigentum an fahrbaren Untersätzen schrittweise absterben. Eine Flotte von weniger als einer Million Autos mit maximal 2 Millionen Parkplätzen genügt dann, um alle Mobilitätsbedürfnisse abzudecken. Das Wett­rennen ist im Gang, wie einst beim Flug auf den Mond. Auch damals ging alles schneller als gedacht.

BAUSTEIN MODELLEISENBAHN. Der Transport von Personen muss gegenüber dem Transport von Gütern Priorität geniessen. Die Personenbahn kann und muss in diesem Prozess produktiver werden. Das Vorbild sind Modelleisenbahnen. Ihre Steuerungen sind raffinierter als jene der Bahn. Die Radarüberwachung des gesam­ten Bahnnetzes könnte die Zahl der Schienensuizide massiv senken. Das wäre auch für das Lokpersonal eine gute Nachricht.

All das wird den Widerspruch zwischen Bauwirtschaft und Auto­industrie aufheben. Im hinterlistigen dreifachen Wortsinn: Erstens gäbe es keine Verbrenner mehr. Zweitens müssten die Architektinnen und Archi­tekten nicht mehr lärmabgewandte Bauten erstellen; weil es keinen nennenswerten Strassenlärm mehr gäbe. Und drittens würde die Automobil­industrie zu einer umweltfreundlichen Mobilitätsdienstleisterin mutieren.

Links zum Thema:

  • nzz-libro.ch
    Im NZZ Libro Verlag erschien das neueste Buch von Benedikt Weibel. Der Titel: «Wir Mobilitätsmenschen».
  • derbund.ch
    Am 30. März 2022 titelte der Bund: «So­­­­lardächer über Autobahnen sollen AKWs ersetzen.» Ein Test kann nicht schaden. Aber das Winterloch von 25 Milliarden Kilowattstunden wird so nicht gestopft. Vielleicht zwingt die Idee die Städte we­­nigstens zum Nachdenken.

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