Frauensession: Emine Sariaslan ist eine der 246 Frauen im Bundeshaus

«Wo sind Frauen, die im Service arbeiten oder in der Reinigung?»

Patricia D'Incau

Am 29. und 30. Oktober findet im Bundeshaus die zweite Frauensession statt. work wollte von Teilnehmerin Emine Sariaslan wissen, was sie da macht.

FRAUEN INS BUNDESHAUS. Unia-Gewerkschafterin und Sozialarbeiterin Emine Sariaslan. (Foto: Franziska Scheidegger)

work: Emine Sariaslan, wer sind die Frauen, die an der Frauensession teilnehmen?
Einerseits sind das gewählte Politikerinnen, also National-, Stände- und Regierungsrätinnen. Andererseits konnten alle, die sich für die Frauensession interessieren, bei einer offenen Onlinewahl kandidieren und mit abstimmen. Grundsätzlich finde ich das super! Wen ich unter den Teilnehmerinnen allerdings vermisse, das sind Frauen, die im Service arbeiten, in der Reinigung oder als Pflegerin in einem Privathaushalt. Also Frauen, die nicht zum Mittelstand gehören und ohnehin schon weniger Möglichkeiten haben, sich politisch einzubringen.

Und wenn sie schon nicht unter den Teilnehmerinnen vertreten sind, dann hätte ich schon ­erwartet, dass sie als Betroffene eingeladen werden und zumindest so zu Wort kommen. Daher würde ich für eine nächste Frauensession empfehlen, Quoten einzuführen und zu sagen: Wir ­möchten Frauen aus bestimmen Branchen und Sektoren dabeihaben. Und dann wird auch aktiv nach diesen Frauen gesucht.

«Wir sollten immer wieder unbeliebte Themen diskutieren!»

Wie liefen die Vorbereitungen bisher?
Durchaus positiv. Jede Teilnehmerin ist Mitglied in einer Kommission, die für uns Frauen ­relevante Themen diskutiert. Lohngleichheit, Stimm- und Wahlrecht für Migrantinnen und Anerkennung der unbezahlten Care-Arbeit zum Beispiel. Ich bin in der Kommission für Arbeit und Absicherung. Bisher hatten wir zwei Sitzungen mit Kennenlernen, Expertinnen-Referaten und Diskus­sionen über unsere Forderungen. Jetzt erarbeiten wir Anträge, die wir an der Frauensession einbringen und adressiert an das Parlament verabschieden wollen. Wir diskutieren die Schaffung eines Fonds zur Finanzierung und zum Ausbau der externen Kinderbetreuung. Und die Einführung ­einer Elternzeit, die die Mutterschaftsversicherung und den ­Vaterschaftsurlaub ergänzt. Ausserdem fordern wir, dass Beschäftigte in Privathaushalten auch dem Arbeitsgesetz unterstellt werden. Daneben: Eine unabhängige Bundesbehörde, die die Lohngleichheit durchsetzt. Und ein Bundesamt für Gleichstellung und Familie. Diese Themen wurden von der Kommissionsleitung vorbestimmt. Wir konnten aber auch eigene einbringen.

Was haben Sie pesönlich ­eingebracht?
Von mir stammt ein Antrag zu den Lohnanalysen in den Betrieben. Er fordert, dass nicht nur die Lohndifferenz zwischen Mann und Frau analysiert wird, sondern auch, ob es Unterschiede aufgrund des Aufenthaltsstatus gibt. Studien zeigen nämlich, dass Mi­grantinnen in der Arbeitswelt einer Doppeldiskriminierung ausgesetzt sind – einerseits als Frau, andererseits als Ausländerin. Das müssen wir berücksichtigen, wenn wir Gleichstellung tatsächlich für alle schaffen wollen und nicht nur für einen Teil der Frauen. Daher ist Solidarität auch unter uns Frauen wichtig.

Wird die Frauensession denn überhaupt konkrete Resultate bringen?
Die angenommenen Anträge der Frauensession kommen später ins Bundesparlament. Bei bestimmten Themen sind wir uns relativ einig: etwa beim Ausbau der externen Kinderbetreuung oder bei der Forderung, dass die Arbeit in Privathaushalten dem Arbeitsgesetz unterstellt wird.

Leider wird schon jetzt geschaut, dass wir vor allem Forderungen verabschieden, die Chancen haben, auch im Parlament durchzukommen. Das halte ich für eine falsche Strategie. Wir müssen auch Themen einbringen, die gerade weniger «beliebt» aber für Gleichstellung relevant sind. Und zwar immer und immer wieder. Wie damals beim Frauenstimmrecht! Nur so erreichen wir echte Fortschritte und können die Gesellschaft verändern.

Und wo sind sie sich uneins?
Bei der AHV etwa: Die bürgerlichen Frauen wollen das Rentenalter erhöhen, wir linke Frauen stellen uns dagegen. Das ist in der Frauensession nicht anders als im Parlament.

Gewerkschafterin und Feministin

Emine Sariaslan (57) ist langjährige Unia-Gewerkschafterin und Sozial­arbeiterin. Daneben engagiert sie sich im Berner Frauenstreikkollektiv in der Arbeitsgruppe Migration. Dazu sagt sie: «Ich möchte etwas ändern in dieser Gesellschaft. Und ich fühle mich auch verantwortlich dafür. Als Frau, als Migrantin und als Gewerkschafterin.»

FLUCHT. Geboren und aufgewachsen ist Sariaslan in der Türkei. 1988 floh sie nach dem Militärputsch in die Schweiz. Heute lebt sie in Bern Bümpliz.


50 Jahre Frauenstimmrecht  Parlament in Frauenhand

Über 1000 Frauen haben für diese ­Frauensession kandidiert.

JUBILÄUMS-ANLASS. 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimmrechts gehört das Bundeshaus dem Frauen. (Foto: Alliance F)

Die ersten Frauen kamen nicht ganz im Dutzend: Zehn Nationalrätinnen und eine Ständerätin waren es, die im Oktober 1971 die Wahl ins Parlament schafften. Wenige Monate nachdem die Männer endlich Ja gesagt hatten zum nationalen Frauenstimmrecht. Damit hatte das lange Ringen ein Ende: Endlich durften auch in der Schweiz die Frauen politisch mitbestimmen.

Jetzt, 50 Jahre später, ist das Bundeshaus ganz in Frauenhand: Am 29. und 30. Oktober diskutieren 246 Teilnehmerinnen an der Frauensession eine Vielzahl von For­derungen, die sie im Vorfeld in ­thematischen Kommissionen erarbeiten. Neben Themen wie Lohn, Rente und Care-Arbeit gehören dazu auch Fragen zur Gleichstellung in der Wissenschaft, der Landwirtschaft und der Medizin. Oder im Zusammenhang mit Digitalisierung, Gewalt und Mitbestimmungsmöglichkeiten für Frauen ohne Schweizer Pass. Allesamt Probleme, die unter der Bundeshauskuppel oft eher am Rande eine Rolle spielen. Obwohl die in der Verfassung festgeschriebene Gleichstellung noch längst nicht erreicht ist: Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer, haben tiefere Renten, schultern den Grossteil der unbezahlten Haus- und Sorgearbeit, erleben Gewalt und sexuelle Übergriffe.

Auch Unia-Chefin Vania Alleva ist dabei.

GROSSER ANSTURM

Kein Wunder, dass die Organisatorinnen von Anmeldungen überrollt wurden: Mehr als 1400 Kandidaturen gingen online ein. Für 200 Plätze, die zu besetzen waren, verteilt auf alle ­Landesteile. Rund 12’000 Stimmende haben in Onlineabstimmung die Ses­sionsteilnehmerinnen gekürt. Ein Unterschied zur ersten Frauensession 1991, als nebst den ehemaligen Parlamentarierinnen in erster Linie Frauen aus Frauenorganisationen und Verbänden eingeladen waren.

Die Organisatorinnen damals: eine parlamentarische Kommission, bestehend aus sieben Frauen aus verschiedenen Frak­tionen und unterstützt von den Parlamentsdiensten. Die Organisatorinnen heute: der Frauendachverband Alliance F, zusammen mit dem Bäuerinnen- und Landfrauenverband, dem Katholischen Frauenbund und weiteren Organisationen. Allesamt aus dem eher bürger­lichen Lager. Während zu den grossen Sponsoren unter anderem der Wirtschaftsdachverband Economie­suisse gehört.

Die Gewerkschaften hingegen beteiligen sich inhaltlich. Die Unia mit Präsidentin Vania Alleva als Expertin in der Kommission für Arbeit und Absicherung. Und mit Martine Docourt, Leiterin der Politikabteilung der Unia, als Expertin in der Digitalisierungskommission. Neben Unia-Mitglied Emine Sariaslan (siehe oben) nehmen mit Isabelle Lüthi und Judith Venetz zwei weitere Unia-Frauen an der Session teil.

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