Technologiefirma Stoppani lässt Lernende länger chrampfen :

«Sie sprechen von Familie»

Patricia D'Incau

Die Metallverarbeiterin Stoppani in Neuenegg BE lässt länger arbeiten. Auch die Stiftinnen und Stifte. Doch nun hat sich Lehrling Beat B. gewehrt. Erfolgreich!

WIDERSPRUCH: Glänzende Technik, wenig glanzvolle Arbeitsbedingungen. (Fotos: PD)

Endlich wieder weniger schaffen! Gut ein Jahr musste Beat B.* bis zum Anschlag arbeiten. 45 Stunden in der Woche statt zuvor 40. Und das als Lehrling. Doch das ist nun vorbei. Zum Glück, wie der 23jährige betont: «Es ist mir in der Zeit wirklich schlechtgegangen», sagt er.

«SO EIN COOLER JOB!»

Neuenegg im Kanton Bern ist eine kleine Gemeinde von rund 5600 Personen. Hier ist Stoppani tätig, ein Unternehmen, das sich unter anderem auf Blechumformung und Oberflächenveredelung spezialisiert hat. Das 1913 gegründete Unternehmen beschäftigt mehr als 200 Personen. Und ist insbesondere in den Bereichen Halbleiterfertigung, Maschinenindustrie, Lebensmittel, Optik und Medtech tätig. Längst ist die früher einheitliche Firma in verschiedene Teile aufgegliedert, ist Teil der grösseren «Swiss Factory Group»-Holding geworden.

Bei Stoppani beginnt Beat B. im Jahr 2018 seine Lehre. Maschinen steuern, sie programmieren, auch selbst Hand anlegen beim Fertigen der Geräte: Die Arbeit hat es ihm angetan. Er sagt: «Es ist so ein cooler Job. Es kommt auf Präzision an, auch auf Ordnung.»

Doch nicht alles ist rosig bei Stoppani. Unia-Mann Ivan Kolak kennt die Firma näher. Auf finanziell schwierige Situationen habe Stoppani mehrfach mit der Erhöhung der Arbeitszeiten reagiert. Möglich ist das, weil der Gesamtarbeitsvertrag der Metall-, Elektro- und Maschinenindustrie einen Krisenartikel kennt. Dieser erlaubt es unterstellten Firmen, für eine begrenzte Zeit länger als die vereinbarten 40 Stunden arbeiten zu lassen.

«Fünf Stunden länger arbeiten? Zuerst hielt ich das für einen Witz.»

DRUCK AUF DIE PEKO?

Mitte 2020 ist es wieder einmal so weit: Stoppani will 45 Stunden chrampfen lassen. Dazu braucht sie die Zustimmung der Personalkommission (Peko). Die folgt den Argumenten der Firma und gibt ihr Einverständnis. Das bestätigt die jetzige Peko auch gegenüber work. Ganz sauber sei es dennoch nicht gelaufen, glaubt Gewerkschafter Kolak. Er sagt: «Stoppani hat Druck auf die damalige Peko ausgeübt.» Vier der fünf früheren Peko-Mitglieder seien 2020 entweder zurückgetreten oder hätten mittlerweile die Firma verlassen.

Stift B. bekommt von allem zunächst nichts mit. Während die Belegschaft informiert wird, ist er in der Berufsschule. Erst später erzählt ihm ein anderer Lernender, was los sei. Beat B.: «An einem Donnerstag hat er mir gesagt, dass wir ab Montag fünf Stunden mehr arbeiten müssten. Das habe ich erst mal für einen Witz gehalten.» Als ihm in den Wochen darauf vermehrt Minusstunden aufgeschrieben werden, wird ihm klar: Das war kein Spass.

Für Beat B. wird es eine harte Zeit. Er hat mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen. Verständnis von seinen Vorgesetzten erhält er kaum. Im Gegenteil: Sie machen ihm offenbar deutlich, dass er als junger Mann doch sportlich und belastbar zu sein hätte. Erstaunlich: Gleichzeitig hat das Unternehmen für manche Betriebsteile Kurzarbeit beantragt. Ein Teil der Beschäftigten lässt Stoppani also deutlich weniger arbeiten, während andere nun neun statt bislang acht Stunden am Tag chrampfen müssen.

LEHRLINGSAMT DÖST

Beat B. hat genug und sucht Hilfe. Er wendet sich an seine Eltern, seine Berufsschullehrer, spricht sogar mit dem Berner Lehrlingsamt. Doch Amt und Lehrer unterstützen ihn kaum. Beat B.: «Das Lehrlingsamt hat zwar mit meinem Vorgesetzten gesprochen, aber das war’s. Passiert ist nichts.» Mehrfach wird er von seinem Arzt krank ­geschrieben. «Am Ende», sagt der Lehrling, «hat mir mein Arzt den Tipp gegeben, mit der Unia reden.»

So gelangt Beat B. schliesslich an Unia-Mann Ivan Kolak. Und im April 2021 kommt etwas in Gang. Der Gewerkschafter bemerkt, dass die Firma die Arbeitszeit der Lernenden gar nicht nach oben hätte setzen dürfen: Denn der GAV, den die Firma anwendet, um die Arbeitszeiten zu erhöhen, gilt für sie gar nicht. Für sie gilt der Lehrlingsvertrag – und in dem sind 40 Stunden pro Woche verabredet.

Das hätte auch dem Lehrlings­amt auffallen müssen. Unia-Mann ­Kolak wundert der Fehler nicht: «Das Lehrlingsamt glaubt oft einfach den Arbeitgebern. Sie machen sich meist nicht die Mühe, die zugrunde liegenden Verträge zu lesen.» Aufgeschreckt durch die Gewerkschaft, handelt das Amt doch. Ende Juni setzen sich die Unia und Beat B. durch: Ihm und vier anderen Lernenden werden sämtliche Stunden rückwirkend vergütet.

B. WIRD ZITIERT

Doch dann zitieren die Chefs Stift B. zum Gespräch: «Man warf mir vor, der Firma viel Arbeit gemacht zu haben, weil nun alles zurückgerechnet werden müsse. Und in Zukunft solle ich mich nicht mehr an die Unia wenden. Schliesslich sei man bei Stoppani eine Familie.»

Beat B. lässt sich allerdings nicht einschüchtern. Er sagt, die von der Unia seien neben seiner Familie die einzigen gewesen, die ihm zugehört hätten. Was B. nach der Lehre machen wird, weiss er heute noch nicht. Von zwölf Lehrlingskollegen, die er bisher kennenlernte, haben neun Stoppani mittlerweile verlassen.

* Name der Redaktion bekannt.

Das sagt Stoppani: «Keinen Druck ausgeübt»

Auf Nachfrage von work hat sich Hans Gattlen, Verwaltungsratspräsident der Swiss Factory Group AG, zu den Vorgängen geäussert. Er bestätigt, dass Stoppani 2020 die Arbeitszeit erhöht und Kurzarbeit eingeführt habe. Die Pandemie habe dem Unternehmen schwer zugesetzt, mit längeren Arbeitszeiten habe man «die Herstellkosten reduzieren» wollen. Dem Unternehmen wie auch der Personalkommission sei nicht bewusst gewesen, dass Lernende nicht unter den Gesamtarbeitsvertrag fielen. Noch bis Mai 2022 sollen die längeren ­Arbeitszeiten gelten, die mittlerweile auf 42,5 Stunden reduziert wurden. Kurzarbeit werde nicht mehr genutzt.

Druck auf die Personalkommission habe Stoppani nicht ausgeübt, so Gattlen. Auch rate das Unternehmen seinen Beschäftigten nicht davon ab, den Kontakt zur Gewerkschaft zu ­suchen. VR-Präsident Gattlen: «Lediglich in der Sache mit den Lehrlingen habe ich persönlich in anständigem Ton gegenüber einem der Lehrlinge unser Bedauern ausgedrückt, dass dieser sich nicht zunächst an mich gewandt hat, nachdem die Nicht­anwendung des GAV bekannt geworden ist.»

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