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Päcklikuriere und Reinigerinnen erzählen: Verstörende Berichte aus der Klassengesellschaft

Ralph Hug

Missachtet und schlecht bezahlt: Menschen in Tieflohnjobs. Jetzt lassen Soziologe Nachtwey und ­Soziologin Mayer-Ahuja sie in ­einem neuen Buch zu Wort kommen.

KNOCHENJOB FÜR WENIG LOHN: Eine Logistik-Mitarbeiterin scannt neue Ware ein. (Foto: Keystone)

Die im Dunkeln sieht man nicht: So dichtete einst Bertolt Brecht über Menschen, von denen nie jemand spricht. Die weder berühmt noch bekannt sind, sondern «nur» versuchen, anständig zu leben und jeden Tag ihr Bestes zu geben. Das sind heute vor allem Pflegerinnen, Kassierinnen, Saisonarbeiter, Paketzusteller, Tellerwäscher, Wachleute, Gebäudereinigerinnen, Kinderbetreuer.

Kurzum: all jene, die das Land am Laufen halten. Ohne ihre tägliche Knochenarbeit würde die Gesellschaft sofort zusammenbrechen.

Im neuen Buch «Verkannte Leis­tungs­trä­ger:innen» sprechen sich diese Menschen aus. Es sind Zeugnisse von unten. Dort, wo viel gearbeitet und wenig verdient wird. Herausgegeben wurde der Band vom Soziologen Oliver Nachtwey und von der Soziologin Nicole Mayer-Ahuja.

Erst seit der Pandemie sind die Kolleginnen und Kollegen aus den Tieflohnbranchen in den bürgerlichen Medien zum Thema geworden. Plötzlich bekommen sie viel verbalen Schmus zu hören – und sogar Applaus von Balkonen herab. Aber das, was sie am nötigsten hätten, nämlich anständige Löhne zum Leben, haben die meisten bis heute nicht.

Systemrelevanz müsste sich irgendwann im Lohn niederschlagen.

AUTHENTISCH, VIELFÄLTIG, VERSTÖREND

Erzieherin Sandra, die in einer Kita arbeitet, erzählt: «Abends bin ich ausgelaugt, wenn ich heimkomme. Da geht dann nichts mehr, dann ist nur noch Couch angesagt und fertig.» Oder Herr Tommé, er ist seit 19 Jahren Paketzusteller und ziemlich desillusioniert ob allem, was er erlebt hat: «Kann ja sein, dass die Post systemrelevant ist, dann müsste sich das aber auch irgendwie in den Löhnen niederschlagen.» Seit elf Jahren arbeitet Karl im Warenlager eines Online-Händlers. Er fühlt sich «verarscht» von denen da oben im Betrieb: «Die erzählen uns Sachen, und jeder weiss, es ist nicht so.» Karl stuft sich politisch als «halbrechts» ein. Ihn stört es, blöd dazustehen, wenn er sagt, er sei stolz, ein Deutscher zu sein. Schwere Kost also. Doch die «Berichte aus der Klassengesellschaft», wie der Band im Untertitel heisst, sind authentisch, vielfältig und teils so verstörend wie die Realität selbst. Nachtwey und Mayer-Ahuja lassen das moderne Dienstleistungsproletariat zu Wort kommen. Es ist zu grossen Teilen frauendominiert und migrantisch. Sie geben ihm eine Stimme und zeigen auch das grosse Leiden an und in der heutigen Arbeitswelt. Dabei wird klar: Wir leben nach wie vor in einer Klassengesellschaft, auch wenn die bürgerliche Wissenschaft diesen Begriff scheut wie der Teufel das Weihwasser.

POLITISCHER TEUFELSKREIS

Im Vorwort skizzieren Mayer-Ahuja und Nachtwey den politischen Teufelskreis, der zu den heutigen Missständen geführt hat. Denn diese kamen nicht über Nacht, sondern sind politisch gewollt. Leistung wurde auf einmal umdefiniert. Nicht mehr die Stahlarbeiter, die Kumpels in den Kohlegruben und die Facharbeiter in der Industrie waren diejenigen, die viel leisteten. Sondern die Manager, Bankenchefs und Finanzspekulanten, die immer reicher wurden. Seit den 1990er Jahren galten und gelten sie als wahre «Leistungsträger». Gleichzeitig setzte die bürgerliche Politik Steuersenkungen durch. Dies zwang den Staat, den Service public einzuschränken und abzubauen. Sogenannte «Reformen» im Arbeitsmarkt zwangen immer mehr Menschen in den wachsenden Tieflohnsektor. Nach der Finanzkrise ab 2008 und der Covid-Pandemie ab 2020 zeigt sich in aller Deutlichkeit, wie pervers diese Politik ist. Denn jetzt wird klar, dass die Arbeit am Fundament der Gesellschaft systemrelevant ist. Zugespitzt: Auf den Bankberater kann man verzichten, auf die Pflegerin im Spital und den Regalauffüller im Supermarkt nicht. Diese Menschen wollten nicht länger unsichtbare Opfer sein, halten Nachtwey und Mayer-Ahuja fest. Derzeit finde ein Kampf um Anerkennung und Aufwertung statt. Und dieser Kampf ist noch nicht entschieden.

Nicole Mayer-Ahuja und Oliver Nachtwey: Verkannte Leistungsträger:innen. Berichte aus der Klassengesellschaft. Edition Suhrkamp, Berlin 2021, ca. CHF 30.–.

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