Die wenigsten Ungeimpften sind Impfverweigernde

Impfen? Wer warum (noch) nicht – und wer wohl nie

Clemens Studer

Die Schweiz gehört beim Impfen zu den Schlusslichtern Europas. Doch wer sind eigentlich die Nicht- und Noch-Nichtgeimpften?

VORBILDLICH: In Portugal sind 85 Prozent der Bevölkerung gegen Corona geimpft. (Foto: Keystone)

Die überwiegende Mehrzahl der Epidemiologinnen und Epidemiologen sind sich einig: Bis in wenigen Monaten werden alle Menschen entweder mit Corona angesteckt sein oder geimpft. Und: Je höher die Impfquote, desto geringer die Belastung des Gesundheitswesens. Plus: Je schneller 80 Prozent der Bevölkerung eines Landes geimpft oder genesen sind, desto schneller können die Einschränkungen aufgehoben werden. Die Schweiz hat immer noch eine unterdurchschnittliche Impfquote von 58 Prozent. Die (Noch-)Nichtgeimpften bestehen grob gesagt aus folgenden unterschiedlich grossen Gruppen:

1. Die Impfverweigerinnen und -verweigerer

Es gibt Leute, die sich und ihre Kinder grundsätzlich nicht impfen lassen. Meist aus religiösen oder weltanschaulichen Gründen. Ihr Anteil an der Bevölkerung lässt sich am besten und näherungsmässig bei der Quote für die Masernimpfung ablesen: hier sind seit Jahren rund 92 Prozent der gesamten Bevölkerung geimpft. Für die Covid-Impfung heisst das: Der prozentuale Anteil dieser Impfverweigerinnen und -verweigerer an den Nicht- oder Noch-Nichtgeimpften steigt, je grösser die Impfquote in der Restbevölkerung steigt. Absolut aber bleibt er gleich. Und ist auch nicht ausschlaggebend für die angestrebte Covid-Impfquote von 80 Prozent, die eine Aufhebung der Pandemiebekämpfungsmassnahmen möglich machen würde.

Die Gruppe der ­Verwirrten ist nicht relevant für die angestrebte Covid-Impfquote von 80 Prozent.

2. Die (Noch-)Nicht-Impfbaren

Eine ganz kleine Anzahl von Menschen kann sich aus medizinischen Gründen mit den bisher in der Schweiz zugelassenen Impfstoffen nicht immunisieren lassen. Für sie ist in vielen Fällen ein auf klassischem Weg funktionierender Impfstoff eine Möglichkeit, die nächstens zur Verfügung steht (Impfstoff von Johnson & Johnson). Dazu kommen aktuell Kinder unter 12 Jahren, für die noch keine Impfempfehlung gilt. Und Schwangere im ersten Schwangerschaftsdrittel. Auch diese Gruppe ist nicht ausschlaggebend für die angestrebte Covid-Impfquote von 80 Prozent.

3. Die Verunsicherten, die Vergesslichen und die Verhinderten

Die grösste Gruppe der (Noch-)Nicht­geimpften ist sehr heterogen zusammengesetzt.

  • Die Verunsicherten und Skeptischen: Sie fühlen sich zu wenig informiert. Oft gehören sie zu jenen Eltern, die ihre Kinder nicht gegen alle Krankheiten impfen lassen. Und viele wissen nicht, ob den Aussagen der Pharmaindustrie und den Behörden jetzt in Sachen Covid-Impfstoffen zu trauen ist. Sie sind die wahren Impfskeptikerinnen und -skeptiker. Und sie werden weniger, weil Bund und Kantone an Kommunikation zugelegt haben. Und weil die Nebenwirkungen der Impfungen unterdessen auch über einen längeren Zeitpunkt beobachtet werden können. Viele in dieser Gruppe sagen, sie misstrauten speziell den mRNA-Impfstoffen von Pfizer/Biontec oder Moderna. Für sie werden bald auf klassischem Weg hergestellte Impfstoffe bereitstehen. Mal sehen, wie sich das auf die Impfquote auswirkt.
  • Die Vergesslichen: Sie haben nicht grundsätzlich etwas gegen die Impfung. Aber sie scheint oder schien ihnen bisher nicht dringlich. Gerade jüngere und fitte Menschen wollten sich nicht zu den ­Vulnerablen, den Verletzlichen, zählen. Schliesslich galt Corona in den ersten Wellen als Virus, das Vorerkrankte, Ältere und Alte traf. Das hat sich dramatisch geändert – auch dank der Impfung. Noch dramatischer geändert hat sich der Altersdurchschnitt derjenigen, die wegen einer Covid-Ansteckung in die Spitäler eingewiesen werden müssen. Die breiten Impfkampagnen, die Zertifikatspflicht in vielen Bereichen und die niederschwelligen Impfangebote machen das Vergessen der Impfung schwieriger.
  • Die Verhinderten: Zu ihnen gehören vor allem Menschen, die in Berufen arbeiten, die es ihnen bisher unmöglich machten, sich im Laufe des Tages immer wieder um einen Impftermin zu bemühen. Das war insbesondere beim Start der Impfungen aber quasi Bedingung, um an einen Termin zu kommen. Zu den Verhinderten und Gehinderten gehören aber auch Tausende, die nicht in ihrer Sprache informiert wurden oder werden. Und dazu ­gehören auch jene, die unter prekären ­Arbeitsbedingungen leben und sich davor fürchten, nach einer Impfung für zwei Tage auszufallen und entsprechend noch weniger Geld zu verdienen. Nicht hilfreich waren auch jene Arbeitgeber, die Impftermine von der Arbeitszeit abzogen – oder abziehen. Doch auch hier gibt es unterdessen etliche Verbesserungen.Diese Gruppe ist zentral für die angestrebte Covid-Impfquote von 80 Prozent.

4. Die Verwirrten und die Verwirrer

Das ist die lauteste Gruppe und wohl die kleinste. Es sind im wesentlichen immer die selben Leute, die quer durch die (Deutsch-)Schweiz an bewilligten und unbewilligten Demos rumpöbeln. Die Andersdenkende und Passantinnen beschimpfen und tätlich angreifen. Die das Bundeshaus stürmen möchten. Und die in ihren Chats Gewaltphantasien bis zu Mord verbreiten, gegen Politikerinnen und Ärzte, gegen Wissenschafter und ­Beamtinnen. Diese unappetitliche Mischung von SVP-Wählenden, Neonazis, Aluhüten und sonstigen Verschwörungsmystikern und «Freiheitstrychlern» hat eine grosse mediale Lobby. Die gleichen Redaktionen, die 15’000 Menschen an der nationalen Rentendemo der Gewerkschaften vom 18. September faktisch ignorierten, streamen quasi jeden Auftritt der «Covidioten». Und adeln sie als «Impf­skeptiker».

Geimpfte SVP-Politikerinnen und -Politiker höbelen den Pöblern, und SVP-Bundesrat Ueli Maurer posiert im «Trychler-Shirt» – es könnten ja Wählerinnen und Wähler sein. Ausser es trifft ein, was an den Anti-Impf-Demos die Runde macht: Mindestens die Hälfte der Geimpften würden noch im September tot umfallen. Das wäre ein bisschen blöd. Denn sie könnten dann von den Ungeimpften auch nicht mehr gewählt werden. Bis Redaktionsschluss dieser Ausgabe (29. September, 22 Uhr) blieb das Massensterben aus. work bleibt aber dran.

Diese Gruppe ist nicht relevant für die angestrebte Covid-Impfquote von 80 Prozent. Sie vergiftet aber das gesellschaftliche Klima.


Internationaler Vergleich: Schweiz im Rückstand bei Impfungen

In den Nachbarländern der Schweiz sind mehr Menschen geimpft als hier, ­dennoch gelten härtere Massnahmen. Anders in Dänemark: Dort sind 75 Prozent der ­Bevölkerung geimpft, und das Land erfreut sich einer fast vollständigen Lockerung. In der Schweiz könnte dies ab einer Impfquote von 80 Prozent der Fall sein. Noch sind aber nur 58 Prozent doppelt geimpft.

1 Kommentar

  1. Schtrizzi

    Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge, und wirst nicht gewahr des Balkens in deinem Auge?

    Mit Schimpfworten wie „Covidiot“ um sich zu werfen, SVP -Wählende als Teil einer unappetitlichen Mischung zu diffamieren und gleichzeitig von einer Vergiftung des gesellschaftlichen Klimas zu schreiben….

    Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, dass die verirrte Gruppe 4 sich aus ANGST gegen die Massnahmen auflehnen könnte? Statt die Hand zu reichen, Verständnis und Menschlichkeit zu zeigen, machen Sie in Ihrem Artikel genau das, was Sie dieser „unappetitlichen Mischung“ vorwerfen, nämlich das gesellschaftliche Klima noch mehr vergiften!

    Mögen sich die Impfverweigerer mit der hiesigen Ausgabe von Work ein Lagerfeuer machen. Selten so ein undifferenzierter und herablassender Artikel in der Work gelesen!

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