Gastrobranche: Erste Betriebe wollen nur noch geimpfte Mitarbeitende

Die Nerven liegen blank

Christian Egg

«Die Ungeimpften machen es für alle komplizierter», sagt Koch Alexander Kroll. Und Servicefrau Luna Schmitz mag nicht ständig übers Zertifikat diskutieren. work hat sich im Gastgewerbe umgehört.

ENDLICH MASKENLOS? Wenn in einer Küche nicht alle geimpft sind, wird’s kompliziert. (Foto: Keystone)

Luna Schmitz seufzt. Anstrengend sei es gerade, sagt die 21jährige Servicemitarbeiterin aus Zürich. Jetzt, wo sie von allen Gästen ein Corona-Zertifikat verlangen muss. Nicht das Zertifikat sei das Problem, sondern ein Teil der Gäste: «Viele haben den Drang, mir mit­zuteilen, dass sie jetzt gezwungen seien, so ein Zertifikat zu haben. Und denken nicht daran, dass nicht ich das erfunden habe.» Und dass sie an ­einem langen Arbeitstag vielleicht keine Lust hat auf die immer gleiche Diskussion. Schmitz schüttelt den Kopf und sagt: «Ein paar haben sogar gefragt: Ah, macht ihr auch mit? Als wär’s eine freie Entscheidung, bei Corona mitzumachen oder nicht.»

«Immer mehr resignieren, versuchen zu verkaufen oder kündigen innerlich.»

EIN WOHLSTANDSPROBLEM

Der Berner Beizer Sellathurai Ulaka­na­than Sureskumaran (52), besser bekannt als Suresh, sagt es so: «Das Jammern über das Zertifikat verstehe ich nicht. Hier schwimmen wir im Impfstoff, andere Länder haben zu wenig! Das ist ein Wohlstandsproblem.»

Den Kopf schüttelt auch Küchenchef Alexander Kroll (47) aus dem Kanton Solothurn. Und zwar über diejenigen, die sich immer noch nicht impfen lassen wollen: «Wegen denen ist es jetzt so aufwendig. Und das ist nicht fair gegenüber allen, die sich an die Empfehlungen gehalten haben.»

BÜROKRATIE IM HOTEL

Noch komplizierter ist es in den Hotels. Daniel Siegenthaler, Direktor des Hotels Bern: «Ein Gast ohne Zertifikat darf bei uns übernachten, aber er darf weder ins Restaurant noch in die Bar.» Und Desirée Riner vom Hotel Orchidee in Burgdorf berichtet, es habe sich ein Stammgast angemeldet, und der sei nicht geimpft. «Ich weiss noch nicht, wie wir das machen. Entweder er nimmt alle Mahlzeiten im Freien ein, oder wir bringen sie ihm aufs Zimmer.» Eigentlich, sagt ein Hotelbetreiber, der nicht namentlich genannt werden will, sei es jetzt wie ein Impfzwang durch die Hintertür, «nur mit viel mehr Bürokratie».

Noch weiter geht Publizist und Hotelier Peter Bodenmann in seiner wöchentlichen Kolumne im «Walliser Boten»: «In den bereits bisher stark betroffenen Event-, Gastro- und Hotelbranchen liegen die Nerven blank. Immer mehr resignieren, versuchen zu verkaufen oder kündigen innerlich.» Was die Branche ökonomisch bräuch­­te, sei «mehr Sicherheit». Jedes Auto könne man mit einer Kaskoversicherung gegen fremde und eigene Blechschäden versichern. Aber gegen eine neue Pandemiewelle gebe es immer noch keine Versicherung, weder eine private noch ein staatliche. Stattdessen «posiert Bundesrat Ueli Maurer im Totenhemd der Freiheitstrychler. Obwohl alle wissen, dass neun von zehn Patienten auf den Intensivstationen nicht geimpft sind. Und jeder Vierte von ihnen stirbt.»

STELLEN NUR FÜR GEIMPFTE

Einfacher ist es, wenn alle geimpft sind. Was die Mitarbeitenden angeht, ist das bei einigen Betrieben schon der Fall. Etwa bei Suresh im Berner Mattequartier. Küchenchef Kroll sagt sogar, er habe seine jetzige Stelle nur antreten können, weil er geimpft ist: «Das war schon im Stelleninserat eine Bedingung. Weil wir jetzt ohne Maske ­arbeiten. Gott sei Dank!» Und Daniel Siegenthaler vom Hotel Bern schätzt, dass seine Mitarbeitenden zu mehr als 90 Prozent geimpft sind. Ungeimpfte müssen jetzt regelmässig ein negatives Testresultat vorweisen. Siegenthaler: «Vielleicht lässt sich der eine oder die andere dadurch noch zur Impfung motivieren.»

Weiter geht Tobias Burkhalter. Der Chef von fünf Restaurants in der Region Bern, darunter das bekannte «Della Casa», führt demnächst für alle Mitarbeitenden die Zertifikatspflicht ein. Das habe vor allem wirtschaftliche Gründe: «Es ist ein finanzielles ­Risiko, wenn ich den Betrieb runterfahren muss, weil Leute krank sind», so der Beizer gegenüber «10 vor 10». Bis am 1. November will Burkhalter sein Ziel erreichen. Schon hätten von denn 72 Mitarbeitenden alle bis auf 7 ein Zertifikat.

IMPF-ULTIMATUM IN ITALIEN

Kein Wunder, reagiert jetzt auch der Verband Hotellerie Suisse mit einer Impfkampagne: Auf seiner Website schreibt er: «Obwohl bei der Arbeit in Hotels und Restaurants häufiger Kundenkontakt dazugehört, steht unse­­re Branche bei der Impfquote unterdurchschnittlich da. Dem möchten wir gemeinsam entgegenwirken und alle Mitarbeitenden der Beherbergungs­branche zur Impfung motivieren.» Und präsentiert Mitarbeitende der Bran­che, die sich geimpft haben.

Mit Druck zu mehr Geimpften: In Italien hat das offenbar gut funktioniert. Ende August setzte die Regierung von Mario Draghi der Bevölkerung ein Ultimatum: Entweder es sind bis September 80 Prozent geimpft, oder es droht eine Impfpflicht. Und das Ziel ist in Griffweite: Aktuell liegt die Impf­quote der über Zwölfjähri­gen in Italien bei etwa 75 Prozent. Ein Wert, von dem die Schweiz nur träumen kann: Obwohl einige Impfzen­tren in den letz­ten zwei Wochen wieder mehr Andrang vermeldeten, liegt der Anteil der vollständig Geimpften gerade einmal bei 53 Prozent.

Die Unia empfiehlt: Testen, oder noch besser – impfen!

Am Tag eins der Zertifikatspflicht war ­Corona auch in der Unia Thema Nummer eins. An der Branchenkonferenz des Gastgewerbes. Dort diskutierten Mitglieder darüber, ob die Unia die Impfung empfehlen solle oder besser nicht.

Ein Mitglied outete sich als ungeimpft und beklagte den Druck auf die Ungeimpften. Andere gaben zu bedenken, dass gerade im Gastgewerbe viele Junge arbei­teten und unter dieser Altersgruppe besonders viele nicht geimpft seien – und warnten davor, dass die Unia mit einer Impf-Empfehlung Sympathien verlieren könnte.

KLARES JA. Da platzte José Moreno der Kragen. «Es ist wichtig, dass wir zur ­Impfung aufrufen», sagte der Waadt­länder, der seit zwei Jahren im Gast­gewerbe arbeitet. «Sonst hört diese Krise nie auf!» Und seine Genfer Kollegin Nora Blakaj doppelte nach: «Denkt auch an unsere Kolleginnen und Kollegen in der Pflege. Sie sind im Dauerstress, viele ­bekommen ein Burnout. Gerade wir als Gewerkschaft müssen die Impfung empfehlen!» Damit war die Sache klar, die Gastro-Mitglieder verabschie­deten eine entsprechende Resolution mit ­grosser Mehrheit.

Auch für Unia-Präsidentin Vania Alleva ist die Impfung der beste Ausweg aus der Pandemie. Zum Zertifikat sagt sie: «Wer sich nicht impfen lassen will und bisher das Glück hatte, nicht an Covid zu erkranken, kann sich testen lassen. Noch besser wäre es, er oder sie würde sich impfen lassen.»


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