50/50/50: Foto-Ausstellung zu 50 Jahren Frauenstimmrecht

Frauen im Mittelpunkt

Anne-Sophie Zbinden

50 Jahre Frauenstimmrecht, 50 Fotografinnen, 50 Frauen-Portraits: Dies sind die Zutaten einer inspirierenden Ausstellung.

Seniorin Margrit Vögtlin posiert kokett mit Schlangenleder-Hut, passender Handtasche und Perlenkette. ­Munter klingt ihre Stimme aus dem Kopfhörer: «Ich wuchs in einem reichen Quartier auf. Da hatten die Frauen aus den Villen immer so schöne Hüte an. Mein Vater sagte damals: «Bei uns müssen alle einen Beruf erlernen, auch die Mädchen!» Und so wurde Vögtlin Hutmacherin. Ganz anders tönte es bei Mar­grit Bigler-Eggenberger. Sie lächelt auf dem Portrait gelassen in Schwarz-Weiss. Als sie zur ersten Bundesrichterin gewählt wurde, habe ihr Vater gesagt: «Was macht die wieder für einen Blödsinn!» Aber ihr Trotzkopf habe sie dennoch nach Lausanne ans Bundesgericht gebracht. «Das isch e chli mini Art.»

Eine lebendige Momentaufnahme der feministischen Schweiz.

AUS FRAUENOPTIK

Die angehende Schreinerin Leonie Wolf sitzt auf einem Stapel Holz und blinzelt verträumt in die Sonne. Hellwach erklärt sie: «Ich würde nicht behaupten, dass Schreinerin ein Männerberuf sei. Ich würde eher sagen, ein männerdominierter Beruf. Was sich auf mega viele Arten widerspiegelt.»

Uschi Waser richtet den Blick unerschrocken in die Kamera, im Hintergrund Kinderfotos. Sie sagt: «Ich wurde bis zu meinem 14. Geburtstag an 27 verschiedene Orte verschoben. Heim, Pflegefamilien, immer mal wieder zur Mutter. In diesen Pflegefamilien und Heimen wurden ganz viele Fahrende vergewaltigt oder missbraucht. Das ist eine Tatsache. Als ich meine Akte zum ersten Mal las, dachte ich: Das ist ein Stück Schweizer Geschichte.» Heute ist Waser Präsidentin der Stiftung ­Naschet-Jenische.

Diese vier Frauen sind Teil der Ausstellung 50/50/50. Das bedeutet: Vor 50 Jahren gestanden die Schweizer den Schweizerinnen endlich das Stimm- und Wahlrecht zu. Zu diesem Jubiläum haben 50 Fotografinnen 50 Frauen porträtiert. Die Berner Fotografin Yoshiko Kusano hatte das Fotografinnen-Kollektiv bereits 2019 ins Leben gerufen, um den Frauenstreik aus Frauenoptik zu dokumentieren und Fotografinnen mehr Sichtbarkeit zu verleihen.

Die neue Ausstellung zeigt audio-visuelle Portraits von Künstlerinnen, Aktivistinnen, Handwerkerinnen, Pflegerinnen, Wissenschafterinnen oder Sportlerinnen. So unterschiedlich die Portraits und die Porträtierten auch sind, haben sie doch einen gemeinsamen Nenner: Die Frau vor der Kamera inspiriert die Frau dahinter. So entstanden 50 lebendige Momentaufnahmen der feministischen Schweiz, die zeigen, wie vielfältig Frauenleben sind: Da ist die hundertjährige Tessinerin, die sich noch heute über die fremdenfeindlichen Schwarzenbach-Initiativen entsetzt. Die Künstlerin im ­Wallis, die aus den traditionsreichen Eringerkühen Zebras macht. Die Tierärztin, die sich beim «Kälberdrehen» im Appenzell behaupten muss. Und die Genfer Französischlehrerin mit kolumbianischen Wurzeln, die beim Lismen innere Ruhe findet. Die 50 Frauen sind nicht nur zu sehen, sondern auch zu hören. Übers Handy mittels QR-Code direkt vor Ort oder auf der Website: 50-50-50.ch.

Die Bilder werden in Schweizer Städten im öffentlichen Raum gezeigt. Die Portraits sind auf Metallständern angebracht, wie sie für Abstimmungsplakate oder politische Kampagnen verwendet werden. Die Ausstellung stellt also Frauen in den öffentlichen Mittelpunkt – auch heute noch keine Selbstverständlichkeit.

Basel: Vernissage am 1. September, Kaserne, Bern: 7. bis 28. August. Genf: 1. bis 30. Oktober. Infos unter: 50-50-50.ch

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