Editorial

Die Operation ­Pollinator

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Syngenta ist ein bisschen wie die Vogelwarte Sempach: kümmert sich um Vögel, Nistplätze, Bienen und Biodiversität. Und gibt uns jene natürlichen Lebensräume zurück, die wir zerstört haben. Hä? sagen Sie jetzt vielleicht, liebe Leserin, lieber Leser. Wie bitte? Ausgerechnet dieser Agrokonzern, der mit giftigen Pestiziden nur so um sich wirft. Ausgerechnet Syngenta – und ein Herz für Vögel und Bienen!

KLEE. Und doch ist es so. Ein Blick in das doppelseitige Inserat des Konzerns, das derzeit kursiert, genügt: Schauen Sie nur, wie schön der Klee da auf dem Foto blüht und wie zart die hellgelben Margeriten! Sehen Sie den himmelblauen Himmel über dem grasgrünen Gras? Und da hat’s noch ein Gratis-Briefchen voller Wild­blumensamen ein­geklebt. Zum Selberaussäen: «Machen Sie mit bei der Operation Pollinator!» steht da drauf. Und weiter: «Wir bei Syngenta Group sind überzeugt: Wer die Welt nachhaltig ernähren will, muss bei unseren Böden beginnen.» Und weiter: «Wir verwandeln Brachland und erodierte Ackerränder in blühende Lebensräume für Bienen, Vögel und viele weitere Nützlinge, die alle zur Wiederherstellung des biologischen Gleichgewichts beitragen.»

Gesundheit kommt vor Profit.

PEPERONI. Was für ein Brain- und Greenwashing! Was für eine Dreistigkeit! Ausgerechnet jener Agrokonzern, der Leben monopolisiert und natürliche Ressourcen privatisiert. Der Saatgut patentiert, Tomaten, Broccoli und Peperoni, auch solche aus konventioneller Züchtung. Und damit den Zugang zum Basismaterial der Pflanzenzucht einschränkt. Der die Bäuerinnen und Bauern weltweit abhängig macht von seinem überteuerten Saatgut. Und wenn sie sich Patentverletzungen schuldig machen, werden sie strafrechtlich verfolgt. Ausgerechnet dieser Multi spielt sich jetzt als unser Retter auf!

MENSCHENRECHTE. «Patente kübeln!» Die Forderung, die sich aus der work-Titelgeschichte dieser Ausgabe ergibt, ist hart umstritten. Besonders die Schweizer Pharma weist sie rabiat zurück. Dabei führt uns gerade die Coronakrise dramatisch vor Augen, was es bedeutet, wenn wir alle abhängig sind von den Impfstofflieferungen von Pfizer & Co. Von ihrem Profithunger. Und von ihrem Machtgebaren. Der international renommierte Tessiner Onkologie-Professor Franco Cavalli sagt es im grossen work-Interview so: «Der Patentschutz auf Medikamenten schadet der Menschheit» (Seiten 10–11). Unsere Gesundheit sei «das höchste Gut überhaupt, ein Menschenrecht». Private hätten da nichts zu suchen. Cavalli: «Die Pharmaindustrie muss von der Allgemeinheit kontrolliert werden und soll dieser dienen. Gesundheit kommt vor Profit. Punkt.»

Genauso wenig haben die Patent-Haie der Agrarindustrie etwas zu suchen bei den Lebewesen und Pflanzen. Nicht beim Saatgut. Und auch nicht bei Tomaten, Broccoli und Peperoni. Denn Ernährungssicherheit kommt vor Profit. Punkt. Und Schluss.

1 Kommentar

  1. Kistler Eugen

    Ich teile die Meinung von Hr. Prof. Franco Cavalli voll und ganz.
    Syngenta und andere Chemiemultis die die Gesundheit der Menschen und Tiere (Lebewesen) dem Profit unterordnen gehören abgestaft.

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