Editorial

Die Elefanten

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Eigentlich sind sie überhaupt nicht für diese Jobs gemacht. Jedenfalls nicht als Reittiere. Ihr Rücken hält’s auf die Dauer nicht aus. Und sie sind Wildtiere. Stattdessen werden sie gewaltsam gezähmt: die dressierten Elefanten. Zwischen 3000 bis 4000 leben und arbeiten allein in Thailand. Und was sie alles schon mussten: Kriegselefanten sein im Dienste des Königs. Holzarbeiter-Elefanten sein und mithelfen, just jenen Dschungel abzuholzen, der einst ihre Heimat war. Und heute müssen sie Lastesel spielen für die Touristinnen und Touristen. Diese ergötzen: Fussball spielen, «Männchen machen», Wasser spritzen oder zeichnen. Mit ihrem Rüssel. Mit diesem rund 60’000 Muskeln starken Allzweckorgan. Umgerechnet bis zu 900 Franken im Monat spielen die Dickhäuter ihren Halterinnen und Haltern so ein. Besser gesagt: sie spielten. Denn seit Corona sind die Strände von Pattaya & Co. leer. Und die Elefanten arbeitslos.

work ist die Zeitung der Arbeitenden, manchmal sogar der vierbeinigen.

ERST DAS FRESSEN. Schon warnen die Wildtierexperten der Universität Chiang Mai: «Die Elefanten haben zu wenig Bewegung, und sie hungern.» Vor Corona marschierten die Dick­häuter 5 bis 10 Kilometer pro Tag. Und bekamen dauernd Goodies. Jetzt stehen sie nur noch herum. Angekettet. Man hat sie zurück in ihre ­Heimatdörfer gebracht. Zum Beispiel ins Elefantendorf Ban Taklang im Osten von Thailand. Vor der Pandemie lebten dort und in der Umgebung 300 Tiere. Jetzt sind es doppelt so viele. Und fressen ihre Meisterinnen und Meister zu armen Tagen. Zuckerrohr, Gras, Früchte: 300 bis 400 Kilo pro Tag – und Tier! Die Verzweiflung unter den Besitzern steigt: kein Einkommen, kein Geld fürs Futter und keine Arbeitslosenversicherung. Einfach freilassen können sie die Tiere nicht. Diese würden alleine nicht überleben. Und Freilassen ist in Thailand sowieso verboten. Was tun?

DANN DIE MORAL. Die Hilfe- und Spendenaufrufe auf Youtube und Facebook jagen sich. Auch viele Thais haben ein Herz für Elefanten, spenden Geld und Futter. Ananas, Mango und Melonen: Statt mageres Gras mampfen die immer hungrigen Elefanten nun Fruchtzucker. Zu viel Fruchtzucker. Werden dicker und dicker, bekommen Diabetes. Kein Wunder, sind sie schlecht gelaunt, wie ihre Meisterinnen auf den sozialen Medien beklagen. Ausgerechnet diese Rüsseltiere, die doch so kümmerig und feinfühlig sind. Sie, die jetzt schon 7 Millionen Jahre überlebt haben. Ausgerechnet sie!

Warum diese Geschichte ins work kommt? Das fragen Sie sich jetzt bestimmt, liebe Leserinnen und Leser. Weil es eine besondere Geschichte ist. Und weil work die Zeitung der Arbeitenden ist. Manchmal sogar der vierbeinigen.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Erst das Fressen, dann die Moral. Gilt auch für Gewerkschaftsfunktionäre. Inkl. Diabetes. Wobei die natürlich durch Moralgetröte aus ihren 735 Muskeln das Fressen verdienen. Noch. Bis die GAV- Geldquellen versiegen.

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus.