Dank der Unia flog der jahrelange Lohnbschiss überhaupt auf:

Gerüstbau Tscharner AG endlich verurteilt

Ralph Hug

Jahrelang hat der Chef der Gerüstbau Tscharner AG systematisch und raffiniert seine Mitarbeitenden um ihren Lohn betrogen.

AUFGEKLÄRT. Die Unia deckte die Machenschaften der Gerüstbaufirma Tscharner auf. Jetzt wurde der Ex-Chef verurteilt. (Foto: SRF)

20 Monate Gefängnis bedingt. Und dazu eine Geldstrafe von 175 Tagessätzen à 300 Franken, macht insgesamt 52’500 Franken. Ebenfalls bedingt. Doch die Busse von 10’000 Franken ist fällig. Das ist die Strafe für die jahrelangen Machenschaften des Geschäftsführers der Gerüstbaufirma Tscharner AG aus Domat/Ems. Der 54jährige stand Mitte Fe­bruar vor dem Bündner Regionalgericht Imboden, das für den Raum Chur zuständig ist. Das Urteil wegen Urkundenfälschung, gewerbsmässigen Betrugs, Verstössen gegen das Arbeitsgesetz und Ungehorsam gegen amtliche Verfügungen ist zwar noch nicht rechtskräftig. Doch der Mann wird sich nicht mehr viel leisten können.

Über längere Zeit hat Unia-Frau Juric die Fakten gesammelt.

GEFÄLSCHTE RAPPORTE

Dank der Unia flog der jahrelange Lohnbschiss überhaupt auf: Maja Juric von der Bündner Unia-Sektion erinnert sich noch gut: «Es kamen damals immer mehr Leute von Tscharner zu uns und beklagten sich, sie seien vom Chef betrogen worden: Arbeitszeiten seien falsch berechnet und zu wenig Lohn ausbezahlt worden.» Über längere Zeit hat Juric die Fakten gesammelt. Bald konnte sie belegen, wie Arbeitsrapporte durch falsche Zeitabrechnungen gefälscht waren. Immer mit dem Ziel, weniger Lohn auszahlen zu müssen. Um die Fakten hieb- und stichfest auf den Tisch zu bekommen, fotografierten die Betroffenen jeweils die Stempeluhr bei Arbeitsantritt und am Feierabend.

RACHEKÜNDIGUNGEN

Die nötigen Ermittlungen stellte die nationale paritätische Kommission Gerüstbau mit Hilfe eines Anwalts an, als ihr die Unia den schweren Fall aus Graubünden meldete. Es kam heraus, dass die Falschabrechnungen und Manipulationen bei der Zeiterfassung bis ins Jahr 2004 zurückgingen. Es sei bisher kein Fall bekannt, bei dem so raffiniert und systematisch vorgegangen worden sei, hiess es aus der Kommission. Einstimmig entzog die Branchenkommission 2015 der Tscharner AG die GAV-Konformität. Das heisst, diese musste für eine gewisse Zeit auf Aufträge der öffentlichen Hand verzichten. Zudem brummte ihr die Kommission eine Busse von mehr als einer halben Million Franken auf – die bis dato höchste Strafe gegen eine Gerüstbaufirma.Die betroffenen Büezer machten viel durch. Die Unia ging mit dem monströsen Fall 2015 an die Öffentlichkeit, um den Machenschaften endlich einen Riegel zu schieben. Der Geschäftsführer reagierte darauf prompt mit der Entlassung von sieben Mitarbeitenden – ein klarer Fall von Rachekündigung. Die Unia organisierte für die missbräuchlich geschassten Kollegen eine Solidaritätsaktion mit Kaffee und Gipfeli.

Und Unia-Frau Juric suchte für sie neue Stellen. Sie war dabei erfolgreich: «Wir fanden für praktisch alle einen neuen Job», sagt sie. Vor zwei Jahren kam es zu einer aussergerichtlichen Einigung zwischen elf geprellten Mitarbeitenden und der Firma Tscharner. Diese erstattete ihnen mehrere Hunderttausend Franken an geschuldetem Lohn zurück. Ein weiterer sechsstelliger Betrag ging darüber hinaus an die Sozialversicherungen. Diese gehörten ebenfalls zu den Geprellten. Denn die Firma hatte teils Löhne bar in die Hand ausbezahlt, ohne Sozialabzüge. Aber auch ohne Überstundenzuschläge von 25 Prozent.

Die Firma Tscharner gibt’s zwar noch. Aber sie ist seit letztem Jahr unter dem Dach der Bündner Baufirma Zindel.

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