Frauen mobilisieren für den nächsten 14. Juni – auch via Konferenz per Zoom:

Die lila Welle rollt weiter

Patricia D'Incau

Dreissig Jahre nach dem ersten und zwei Jahre nach dem zweiten Frauenstreik diskutieren Aktivistinnen aus der ganzen Schweiz über eine Neuauflage.

DIGITALE POWER: Im Deutschschweizer und Tessiner Zoom-Raum trafen sich 200 Frauen, im Westschweizer sogar 300 zum Austausch. (Foto: Facebook)

50 Jahre Frauenstimmrecht, 40 Jahre Gleichstellung in der Bundesverfassung, 30 Jahre seit dem ersten Frauenstreik. 2021 ist definitiv ein Frauenjahr. Und dafür bündeln die Aktivistinnen, die 2019 den zweiten historischen Frauenstreik organisierten, gerade schweizweit ihre Kräfte.

Ja, die Frauenstreik-Kollektive sind noch da! Das ist am virtuellen Vernetzungstreffen Ende Januar nicht zu übersehen. Unzählige kleine Rechtecke drängen sich auf dem Bildschirm: Rund 200 Frauen haben sich in den Zoom-Raum eingewählt, in dem die Versammlung der Deutschschweizerinnen und Tessinerinnen stattfindet. Während sich zur selben Zeit, in einem anderen Raum, rund 300 Westschweizerinnen zum Austausch treffen.

Es ist das erste Mal seit rund zwei Jahren, dass sich so viele Frauen aus allen Landesteilen vernetzen. Damals, im März 2019, nahmen rund 500 Aktivistinnen in Biel gemeinsam Anlauf für den Frauenstreik, der mit rund einer halben Million Teilnehmenden schliesslich zur mächtigsten Demonstration der jüngeren Schweizer Geschichte wurde.

«Wir spüren bei vielen Frauen eine grosse Wut.»

HEISSE DISKUSSION

Der Elan von damals: Er ist noch zu spüren. Die Frage, ob es am kommenden 14. Juni wieder eine Massenmobilisierung geben soll, wird an diesem Samstagnachmittag heiss diskutiert. Denn: Es gibt durchaus auch Vorbehalte gegen einen dritten grossen Frauenstreik. Zumindest in diesem Jahr, wegen Corona.

Da kommt die Diskussion ins Rollen. Eine junge Frau sagt: «Es macht mich wütend, wenn ich das höre.» Schliesslich seien es gerade die Frauen, die die Folgen der Pandemie am härtesten zu spüren bekämen. Die Zahlen zeigen es: Weltweit stellen Frauen die Mehrheit derer, die wegen der Krise ihre Jobs verlieren. Obwohl gerade sie es waren, die die Grundversorgung am Laufen hielten, als sonst nichts mehr ging. In der Pflege etwa oder im Verkauf. Doch statt mehr Lohn gab’s Applaus, Schoggi und Kündigungen. Und: Wo Schulen und Kitas geschlossen wurden, waren es mehrheitlich Frauen, die die zusätzlich anfallende Betreuungsarbeit übernahmen. (work berichtete: rebrand.ly/corona-frauen).

Eine Aktivistin aus Basel stellt klar: «Wenn wir uns nicht wehren, dann wird sich nichts ändern!» Ausserdem wirke die Pandemie auch mobilisierend. Schliesslich hätten viele während der Krise zu spüren bekommen, dass Gleichstellung noch immer nicht existiere. Also: «Wann streiken, wenn nicht jetzt?!»

SCHWEIZWEITE AKTIONEN

Eine Stunde dauert die Diskussion. Sie wird leidenschaftlich geführt, aber nie gehässig. Schliesslich ist es nicht das Ziel, einen schweizweit bindenden Entscheid zu fällen. Sondern sich auszutauschen. Und sicher ist: Am 14. Juni wird es in der ganzen Schweiz kreative und vielfältige Aktionen geben. Wie die genau aussehen werden, bleibt den kantonalen und regionalen Streikkollektiven überlassen. Einen gemeinsamen Fixpunkt gibt es aber: Um 15.25 Uhr sollen Frauen im ganzen Land Lärm machen. Wie schon in den vergangenen beiden Jahren. Denn: Von da an bis Feierabend arbeiten Frauen im Vergleich zu Männern wegen der noch immer vorhandenen Lohndiskriminierung gratis. Und zwar jeden Tag.

Während die Deutschschweizerinnen ihr Treffen mit einem gemeinsamen Streiklied abschliessen, verabschieden die Westschweizerinnen eine gemeinsame Jahres­agenda. Dar­auf stehen: der Kampf gegen schlechtere Frauenrenten (siehe AHV-Appell, Seite 2) und gegen die SVP-Burka-Initiative, die Erarbeitung eines nationalen Aktionsplans gegen Gewalt an Frauen. Und eine femi­nistische Beteiligung am grossen Klima-Generalstreik am 21. Mai. Als Auftakt für den 14. Juni, der auch in der Westschweiz «wieder gross werden wird», wie Unia-Frauensekretärin Aude Spang sagt.

Und was plant die Unia für den 14. Juni? Spang: «Auch wir mobilisieren wieder! Gerade jetzt spüren wir bei vielen Frauen eine grosse Wut. Weil sie merken, dass die Probleme immer noch da sind. Und sich mit der Krise sogar noch verschärfen.» Für Spang ist deshalb klar: «Das ist ein Momentum für die feministische Bewegung. Und es ist Zeit, dass die Politik die Frauen endlich ernst nimmt.»

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