Editorial

Der Teppich­klopfer

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Ein Teppichklopfer. Ein Teppichklopfer auf schwarzem Grund. Ein Teppichklopfer auf schwarzem Grund auf einem Abstimmungsplakat mit der Parole «Frauenstimmrecht Nein!». Das genügte vollends. Um den Schweizerinnen und Schweizern 1946 die männliche Postordnung durchzugeben: Politik ist Männer­sache, Frauen bleibt bei eurer Hausarbeit! Einmal mehr fand damals eine Abstimmung zum Frauenstimm- und -wahlrecht statt. Diesmal im Kanton Zürich. Das gegnerische Komitee beauftragte einen Grafiker mit dem Auftrag fürs Plakat. Und dieser enttäuschte seine Kundschaft nicht: In seiner minimalistischen Perfektion (Reduce to the max!) überzeugt sein Teppichklopfer heute noch. Deshalb lassen wir ihn zu 50 Jahren Frauenstimmrecht auf der Frontseite dieser Ausgabe nochmals aufleben. Um die Ängste der Stimmrechtsgegner zu zeigen. Zwischen den Zeilen will uns das Brun-Plakat nämlich auch noch sagen: Wenn die Frauen erst das Stimmrecht haben, dann müssen die Männer folgen. Sonst tätscht s!

Die Männer wollten einfach nicht.

SO SIMPEL. 123 Jahre regierten die Männer in der Schweiz solo. Und schlossen die Frauen aus der Politik aus. «Es war der reine Unwille der Männer», sagt zu dieser Chroni­fizierung eines Unrechts die Geschichtsprofessorin Caroline Arni im grossen work-Interview (Seiten 10 –11). Die Mehrheit der Männer habe ihre politischen Rechte einfach nicht mit den Frauen teilen wollen. So simpel sei das. Und Arni wird noch deutlicher: Das Frauenstimmrecht hätte auf verschiedenen Wegen eingeführt werden können, vom Bundesgericht auf dem Verfassungsweg oder vom Parlament auf Gesetzesebene. Doch die Männer wollten nicht. Sie entschieden sich für die allerhöchste aller hohen Hürden zur Einführung des Frauenstimmrechts: für einen Urnengang. Denn für sie stand viel auf dem Spiel.

STÜRZEN. Die Stimmrechtsgegnerinnen und -gegner hatten Angst vor der Auflösung der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung: dass die Frauen nach Erhalt des Stimmrechts plötzlich vermännlichen und die Hausarbeit vernachlässigen würden. Dass um­­gekehrt die Männer verweiblichen könnten. Dass also die Stimmrechtskämpferinnen diese «göttliche Ordnung» stürzen wollten. Und damit die Männer von ihrem Tabourettli. Im Rückblick gesehen: So unrecht hatten die Stimmrechtsgegner mit ihren Befürchtungen gar nicht. Immerhin sind wir mit dem Stürzen seit 1971 ein paar Runden und zwei Frauenstreiks weitergekommen. Vielleicht schon bald mit einem dritten?

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