Editorial

Der Mensch ist, was er isst

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Was essen die Bauarbeiter eigentlich zum Zmittag? Diese Frage poppte plötzlich an unserer Redaktionssitzung auf. Es folgten vier weitere Fragen: Kochen ihnen die Frauen heutzutage noch vor? Holen sie sich was beim Takeaway? Oder gehen sie in die Beiz? Und wenn sie das vor dem Lockdown taten, was machen sie jetzt? work-Autor ­Johannes Supe schaute ihnen in die Teller und schrieb dann den grossen Bau-Zmittag-Report. Da ist zum Beispiel Stipa K. (59), der auf der Baustelle am Thuner Bahnhof baut. Heute isst er Penne al ragù. Im Tupperware. Vorgekocht von seiner Frau. Dabei war der Maurer selber mal Militärkoch. Musste 1000 Männermäuler stopfen. Oder Polier Fritz I. (58): Heute isst er Bohnen, ­Wienerli und Spiralen. Er hat selber vorgekocht.

Nahrungsaufnahme ist nur das eine.

DAS ESSEN: Schnell entfachen sich in den Baubaracken lebhafte Gespräche. Über ein Lammauflauf-Rezept mit Zwiebeln und Kartoffeln. Über selbstgemachte Knödel. Über improvisierte Kaffeeküchen und zu Esstischen umfunktionierte Werkbänke. Über das unbefriedigende Wurstangebot im Cervelat-Land Schweiz. Über den Onkel, der Metzger war. Und über Meisterköche wie Maurer Jacinto R. Der Portugiese kocht und grilliert manchmal für seine zehn Arbeitskollegen. Er kauft ein, alle sitzen zusammen, und dann teilt man sich
die Kosten.

DAS ESSEN: Nahrungsaufnahme ist das eine. Das Soziale dabei, das andere. Und Liebe geht bekanntlich auch durch den Magen. Das ist Kultur. Oder wie es der deutsche Philosoph Georg Simmel mal schrieb: «Von allem nun, was den Menschen gemeinsam ist, ist das Gemeinsamste: dass sie essen und trinken müssen.» Was die Menschen aber jeweils konkret essen und trinken, um zu (über)leben, unterscheide sich je nach Region, Kultur und Epoche. Und je nach Portemonnaie. Wie, wo und was der Mensch isst, sei deshalb soziokulturell geprägt. Wer hart arbeitet wie die Bauarbeiter, braucht am Mittag etwas «Rächts» zwischen die Zähne. Der «Baulüüt»-Burger XL, den sie im Bau-Ausbildungszen­trum in Sursee LU ­servieren, läuft deshalb am besten. 200 Gramm Rindfleisch sind da drin. Und dazu gibt’s Cocktailsauce und Pommes frites oder Salat.

DAS ESSEN: Der Mensch ist, was er isst. Das meinte einst Ludwig Feuerbach, ein anderer deutscher Philosoph. Und stellte sich damit gegen das idealistische «Ich denke, also bin ich»-Menschenbild. Gegen die Überhöhung des Kopfs und des Geistes gegenüber dem Bauch und dem Fleisch. Ja, der Materialist und Reli­gionskritiker Feuerbach stürmte los und dachte das menschliche Sein vom Bauche her: «Die erste Bedingung, dass du etwas in dein Herz und deinen Kopf bringst, ist, dass du etwas in deinen Magen bringst.» Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral: das Essen als die Essenz unserer Existenz.

3 Kommentare

  1. Toni Junker

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