«Primitivo» ist der Büezer-Roman 2020
Leute, lest Lenz, laut!

«Arbeiterliteratur» im Jahr 2020, geht das? Ja – wenn man Pedro Lenz heisst!

NEUES WERK. «Primitivo» hiesst Pedro Lenz‘ aktueller Mundart-Roman. (Foto: ZVG)

Es gab Zeiten, da haben die meisten begeisterten Lesenden einen grossen Bogen gemacht, wenn auf einem Buch das Sigel «Arbeiterliteratur» klebte. Zuviel Murks, zu wenig Rock ’n’ Roll. Und es gibt auch heute noch Autoren, die in ihrer Klappentextbiographie sämtliche mehr oder weniger originellen Broterwerbe aufzählen: gerne Handlanger, Hilfs­bestatter oder Rheinschiffer. Das alles hat ­Pedro Lenz nicht nötig.

Denn er ist gelernter Maurer, hat jahrelang auf dem Beruf gearbeitet. Und ist auch heute noch ein Chrampfer. Wenn auch jetzt von der Pandemie ausgebremst, reist er seit Jahren durchs Land und liest aus seinen Texten. Bei den Leuten. Und ihnen schaut er auch aufs Maul, ohne ihnen nach dem Mund zu reden.

ENTWICKLUNGSROMAN

So wie das Charly bei Primitivo macht. Der 17jährige Maurerstift und der weitgereiste alte Maurer aus Spanien freunden sich an. Bei der Büez. Aber vor allem auch beim Reden über Bücher. Denn Primitivo weiss: «Bücher helfen beim Nachdenken.» Das Buch beginnt mit ­einem tödlichen Arbeitsunfall und endet mit einer Beerdigung. Dazwischen liegen ein Polo-Hofer-Konzert in der bernischen Provinz, viel Büez, viel Wein und noch mehr Gedanken und Geschichten. Denn Primitivo ist «ein alter Philosoph», wie sie auf der Baustelle halb spöttisch, halb bewundernd sagen. Und damit der richtige Begleiter für Charly, den literaturbegeisterten Mittelschulabbrecher.

DRECKIG WERDEN

Die Geschichte spielt in den frühen 1980er Jahren im Oberaargau. Gebügelt wird in der erweiterten Region Langenthal beziehungsweise «Langetu», wie sie dort sagen. Stift Charly und Arbeiter Primitivo arbeiten oft Seite an Seite. Aber noch näher kommen sie sich an jenen Samstagen, an denen sie bei einem kalten Plättchen in Primitivos Arbeiterzimmer sitzen und über das Leben reden. Also vor allem Primitivo redet. Denn der hat viel zu erzählen. Vom Leben als Kinderarbeiter in den asturischen Kohlenminen. Vom Spanischen Bürgerkrieg, in dem er als junger Mann für die Republik und gegen die Faschisten gekämpft hat. Von seiner Zeit in Uruguay, wo er sein Erspartes bei einem Banken-Crash verlor. Und sogar dem Auschwitz-Arzt und Nazi-Kriegsverbrecher Josef Mengele ist er einmal begegnet.

LEBENSWEISHEITEN

Ob alles wahr ist? Wer weiss? Wahr sind dagegen die Lebensweisheiten, die der Alte dem Jungen mit auf den Weg gibt. Über die Liebe, an der der Postpubertäre leidet. Aber auch über Geld und die Sehnsucht nach Heimat, die Primitivo nicht mehr teilen mag. «Der, der geht, verliert seine Heimat. Die Heimat kannst du mit einer Frau vergleichen. Die kannst du auch nicht einfach schnell mal für vierzig Jahre verlassen und dann meinen, wenn du nach vierzig Jahren zurückkommst, sei sie noch die gleiche, die du mal gekannt hast, und sie habe auf dich gewartet.» Charly schaut zu Primitivo auf: zu ihm als Maurer und als Denker.

Eines Tages fällt ein Schalungselement auf Primitivo runter, und er stirbt. Da ist Charly grad auf einer anderen Baustelle. Mauert Sanitärschlitze zu, weil das «dr Lehrbueb» schon selbständig kann. Primitivos Tod ist ein Schock für ihn. Und dann geht Charly ein paar Tage später bei einem Polo-Hofer-Konzert auch noch auf, dass er sich die schöne Laurence abschminken kann, weil die jetzt mit dem Streber Graber um die Häuser zieht. Aber, wie sagte ihm Primitivo einst: «Erwachsen ist man nicht in ­einem bestimmten Alter. Erwachsen ist man dann, wenn man versteht, dass man nicht durchs Leben kommt, ohne dreckig zu werden.» Eine ­Flasche Rum und ein Bad in der Aare helfen gegen den Schmerz.

LAUT LESEN

Schreiben wir noch vom Elefanten im Raum: «Primitivo» ist der dritte Roman von Lenz. Und im Oberaargauer Dialekt geschrieben. Das ist für viele gewöhnungsbedürftig, vor allem östlich der Reuss. Ein Hörbuch ist zurzeit noch nicht erhältlich. Aber das sollte kein Hindernis sein, sich diesen wunderbaren Büezer-Roman zu besorgen. Kleiner Tipp: Es hilft jenen, die mit der oder dieser Mundart Mühe haben, sich den Text laut oder halblaut vorzulesen. Und keine Angst, das ist kein Dialekt des bluemete Tröglis, sondern die Sprache, die man spricht, wenn man Sanitärschlitze zumauert. Oder über Bücher redet. Oder über das Leben.

Pedro Lenz, Primitivo. Cosmos-Verlag, ca. CHF 29.–.

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