US-Wahlen: work-Autor Michael Stötzel ringt mit der Fassung
Es ist zum Verzweifeln!

Für work hat Journalist Michael Stötzel die Wahlnacht vor dem TV verbracht. Einen Gewinner gab es nicht. Dafür einen Verlierer: Die demoskopischen Institute, die mit ihren Prognosen schon wieder fürchterlich danebenlagen.

SCHLIPS: Deutscher Ami-Fan am US-Wahltag. (Foto: Getty)

Am Mittwochmorgen gegen sieben Uhr unserer Zeit wollte der demokratische Herausforderer Joe Biden noch an seinen Sieg glauben. Im Verlauf der Auszählung war das eine der wenigen wirklichen Überraschungen. Denn in den wahlentscheidenden Staaten hatte Trump gewonnen (Florida) oder lag zumindest klar in Führung. Auch wenn dort ein grosser Teil der vor dem Wahltag abgegebenen Stimmen noch nicht gezählt war. Wie schon 2016 fällt die Entscheidung erneut in den alten Industriestaaten Michigan, Wisconsin und Pennsylvania. Im Rostgürtel. Dass Biden dort gewinnt und damit den Trend der Wahlnacht noch brechen kann, ist eine fast atemberaubende Vorstellung.

Die Hälfte der US-Wählerinnen und -Wähler ­will den Irrsinn an der Macht.

FÜRCHTELICH DANEBEN

Wie Hillary Clinton 2016 scheint sich auch Biden als moralischer Sieger fühlen zu können, weil ihm die Mehrheit der Volksstimmen gehören dürften. Doch der Präsident wird in indirekter Wahl gewählt von 538 Elektorinnen und Elektoren, die allein der Sieger jedes einzelnen Staates nach Wash­ington schickt (winner-take-all). Das Volksmehr ist also nicht entscheidend.

Sicher ist bisher nur, dass die demoskopischen Institute, die 2016 durchweg Clinton und diesmal Biden ­einen klaren Sieg vorausgesagt haben, schon wieder fürchterlich danebenlagen.

Wenig überraschend die ersten Stellungnahmen der beiden Kontrahenten: Biden will warten, bis wirklich alle Stimmen ausgezählt sind. Also die Entscheidung der Wählerinnen und Wähler abwarten. Trump andererseits hält weitere Auszählungen für den Versuch, ihm den Sieg zu stehlen. Er erklärte deshalb, das Oberste Bundesgericht anrufen zu wollen, um die weitere Auszählung zu stoppen. Obgleich niemand ernsthaft daran zweifeln kann, dass viele Tausend möglicherweise entscheidende Stimmen noch nicht zugeordnet wurden. Sein Vize Mike Pence nannte das: «Die Inte­grität der Wahlen verteidigen.» Der Irrsinn geht weiter. Ohne Unterbrechung.

work-Autor Michael Stötzel.

DIE MONDSÜCHTIGE SEKTE

Und das ist die Realität der Vereinigten Staaten heute, des Imperiums, das der ganzen Welt seinen Willen aufzwingen kann: Die Hälfte der Wählerinnen und Wähler will den Irrsinn an der Macht. Auch wenn sie beim Blick ins eigene Portemonnaie erkennen müssen, dass die «grossartigste Wirtschaft der Geschichte» (Trump) sie wieder mal vergessen hat. Wahrscheinlich glauben auch viele Trump-Gefolgsleute nicht daran, dass ihr Präsident ihnen noch in diesem Jahr eine Impfung gegen Corona schenken und das Land schon im nächsten Jahr zur «Normalität» zurückkehren wird. Trotzdem: Auch sie spielen mit ihrem Leben, nur damit der Kerl weiter im Weissen Haus bleiben kann. So benimmt sich eine Sekte.

Andererseits der im Vergleich der Kandidaten farblose Joe Biden. Hat er wirklich daran geglaubt, dass er der Präsident aller Amerikanerinnen und Amerikaner, auch der Trump-Fans, werden könnte? Dann wäre er entweder unehrlich oder wirklich etwas blöde. Klar ist jedenfalls, dass er sein für amerikanische Verhältnisse richtig progressives Wahlprogramm in dieser Gesellschaft und mit diesem Kongress nicht durchsetzen könnte. Keine bessere Krankenversicherung, keinen verdoppelten ­Mindestlohn, keine Erleichterung für 11 Millionen illegal im Land lebende ­Migrantinnen und Migranten, kein wirksamer Klimaschutz, keine Steuerreform, die ein bisschen mehr von denen verlangen würde, die mehr als genug haben.

Trumps Hälfte will das nicht. Dafür wählten sie patriotische Unterweisung in den Schulen, vielleicht nach dem Vorbild des dicken kleinen Nordkoreaners, den Trump so sehr in sein verfettetes Herz geschlossen hat. Es stört sie offenbar nicht, dass sie weiterhin nicht zum Arzt gehen können, weil sie dafür kein Geld haben und auch mit zwei oder drei Jobs kaum über die Runden kommen. Dafür dürfen sie sich an der Aussicht erfreuen, dass Trump eine Raumstation auf dem Mond bauen und Landsleute zum Mars schicken will. Wenn das nichts ist!

Bei Redaktionsschluss war das definitive Wahlresultat in den USA noch nicht bekannt.

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