Ems-Chemie: Am Anfang stand der Know-how-Raub aus der DDR

Der Kommunismus machte Blochers reich

Martin Kreutzberg

11 bis 12 Milliarden Franken schwer war das Vermögen des Blocher-Clans 2019. Jetzt zeigen ­brisante Recherchen: Der Reichtum der SVP-Kommunisten­fresser-Familie fusst ­ausgerechnet auf ­«Importen» aus der sozialistischen DDR.

EINE SCHRECKLICH REICHE FAMILIE: Markus, Silvia, Christoph, Magdalena, Rahel und Miriam Blocher (von links). Im Hintergrund eine Aufnahme der Emser Werke (damals Holzverzuckerungs AG) aus den 1950er Jahren. (Fotos: Sozialarchiv/ZVG)

Nylonstrümpfe «ohne Naht» und Perlonhemden «bügelfrei und pflegeleicht»: es war eine regelrechte Kulturrevolution in der Mode der 1950er Jahre. Entwickelt und zur Produktionsreife gebracht wurden die neue Wunderfasern Nylon und Perlon als Er­gebnis langjähriger aufwendiger und kostspieliger Forschungsarbeit der Konzerne Dupont in den USA und IG Farben in Deutschland. Der Beginn der modernen Kunststoffchemie. Und dann erscheint 1953 urplötzlich das Konkurrenzprodukt Grilon auf dem Weltmarkt. Hergestellt von einer in der Branche völlig unbekannten Holzverzuckerungs AG aus Domat/Ems, Graubünden, Schweiz. Die Welt staunte nicht schlecht. Denn Holzverzuckerung (also die Gewinnung von Glucose aus Holz) hat mit Kunststoffchemie ungefähr so viel gemeinsam wie eine Dampfmaschine mit einem Laptop. Trotzdem begann damals der steile Aufstieg der Ems-Chemie zum milliardenschweren Weltkonzern.

Mit dem Technologie-Klau war der Grundstein der späteren Ems-Chemie gelegt.

MÄRCHEN MADE IN SWITZERLAND

In Graubünden gibt es bis in die 1940er Jahre nichts als reine, unberührte Landschaft. Zwar hatte schon in den späten dreissiger Jahren der Industrielle Werner Oswald die Absicht, das in Graubünden reichlich vorhandene Holz mittels Verzuckerung zu Alkohol und dann zu Treibstoff zu verarbeiten. Technisch nichts Neues, ein einfaches chemisches Verfahren, jedoch kostenaufwendig und wirtschaftlich unrentabel. Das ändert sich schlagartig mit dem Ausbruch des Zweiten Weltkrieges.

Die Schweiz, ein Land ohne eigene Öl- und Kohlevorkommen, ist zu 100 Prozent auf den Import von Treibstoffen angewiesen. Und der ist jetzt nicht mehr garantiert. Für seine Armee braucht das Land aber unbedingt eine gesicherte Treibstoffversorgung. Und so bekommt Oswald seine Fabrik. Geld spielt keine Rolle, der Staat zahlt. In wenigen Monaten werden 1941 in Domat/Ems nicht nur die Fabrikanlagen für die Holzverzuckerung, sondern auch Wohnhäuser und Strassen aus dem Boden gestampft. Für Werner Oswald ein profitables Geschäft, dessen Ende bei Kriegsende allerdings absehbar ist: ein Auslaufmodell, ohne wirtschaftliche Perspektive, auf massive staatliche Unterstützung angewiesen. Und als in einer Volksabstimmung dann die Schweizer Stimmenden die «Gewährung einer Hilfe an die Holzvezuckerungs AG» wuchtig ablehnen, scheint das Aus für Oswalds Hovag AG und sein teures «Emser Wasser» unausweichlich. Doch der hatte vorgesorgt – als Geheimdienstler.

NUTZEN DER GEHEIMDIENSTE

Werner Oswald hat im Zweiten Weltkrieg eine wichtige Position im Schweizerischen Nachrichtendienst inne. Dessen Aufgabe ist unter anderem die ­Beschaffung von militärischen, aber auch wirtschaftlichen Informationen aus ­Nazi-Deutschland. Von besonderem Interesse für Oswald ist die Treib­stoffherstellung auf synthetischer Basis, ein Gebiet, auf dem die deutsche Chemie weltweit führend ist. Dabei stösst ­Geheimdienstler Oswald auf den Namen Johann Giesen. Dieser ist Generaldirektor der IG Farbenwerke Leuna, dem Zentrum der deutschen Synthesetreibstoffproduktion.

Während des Zweiten Weltkrieges ist Giesen oft auf Reisen. Meistens in Richtung Osten, ins nazibesetzte südpolnische Monowitz. Seine Aufgabe: Er soll dort eine neue Anlage zur Methanolherstellung bauen. Methanol ist kriegswichtig, unabdingbarer Grundstoff für die Herstellung von Flugzeug- und Raketentreibstoffen. Ohne Methanol keine «Messerschmidt 163» und keine «V2-Rakete».

1944 produziert das von Giesen geplante und in Sklavenarbeit von Häftlingen des Konzentra­tionslagers Auschwitz-Monowitz errichtete IG Farbenwerk 15 Prozent der gesamten deutschen Produktion. Für Generaldirektor Giesen ein Erfolg.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wird Giesen im Nürnberger «IG Farben»-Prozess vernommen: «Von Menschenvernichtungen oder ähnlichen Untaten an den Konzentrationslager-Häftlingen habe ich in Auschwitz nie etwas erfahren …», gibt er zu Protokoll!

Giesen wird darauf die Leitung des ehemaligen IG-Farbewerkes im westdeutschen Uer­dingen übertragen. Eine ganz normale Nachkriegskarriere eines deutschen Wissenschafters. Bis Ende 1949. Dann gibt es einen Knick: Giesen wird fristlos entlassen. Wegen «Verrats von Fabrikationsgeheimnissen». Giesen hatte Techniker zu Werner Oswald nach Ems geschickt, die dort die erste Produktionsanlage der Polymerchemie in Betrieb setzen. Für Giesen bedeutet seine Entlassung nur den Beginn einer zweiten Karriere. Denn kurze Zeit später siedelt er in die Schweiz um und wird von «Hovag AG»-Oswald im Bündner Schloss Haldenstein einquartiert. Der neue Forschungsleiter hat nur eine Aufgabe: Er soll den Wechsel von der primitiven Technologie der Holzvergasung direkt zur hochmodernen Kunststoffchemie herbeiführen – ein Quantensprung, und zwar schnell.

DIE RUCKSACKUNTERLAGEN

Doch dafür braucht’s Fachleute, Spezialisten auf allen Gebieten der Polymerchemie. Davon gibt es nicht viele. Schon gar nicht in der Schweiz. Aber Giesen weiss, wen er braucht und wo sie zu finden sind: in Halle-Leuna. Bei den Kommunisten in der DDR.

Nur ums Geld, nur um Profit ging es beim Aufstieg der heutigen Emser Werke. Hier wurden gezielt ostdeutsche Wissenschafter und Techniker abgeworben, um sich durch den «Verrat von Geschäfts- oder Betriebsgeheimnissen» wirtschaftliche Vorteile zu verschaffen. Eigentlich strafbar, auch in der Schweiz.

Als erstes holt Giesen Anfang der 1950er Dr. Kahr nach Ems, Leiter der Caprolactamfabrik in Halle-Leuna, und seinen Oberingenieur Karl Mayer. Beide bringen nicht nur ihr Wissen, sondern auch eine komplette Sammlung von Plänen mit. Quasi die Blaupausen für eine komplette Fabrik aus Leuna.

Diese Dokumente sind in Ems bis heute unter dem Namen «Rucksackunterlagen» bekannt. Unter der Leitung dieser beiden DDR-Fachleute werden in Ems zügig die technischen Anlagen zur Herstellung von Caprolactam, dem Grundstoff für Perlon, gebaut, das in Ems dann den Markennamen Grilon erhält. Mit diesem Technologie-Klau aus der DDR war der Grundstein der späteren Ems-Chemie gelegt.

Damit aber nicht genug. Denn Oswald und Giesen denken voraus: Wenn man schon durch den Import der ostdeutschen Experten in den Besitz der wissenschaftlichen Grundlagen zur Herstellung der neuen Wunderfaser gelangt war, warum dann nicht auch die Spezialisten für ihre Verarbeitung holen? Und die sitzen auch in der DDR, in Schwarza, Thüringen.

Experte auf diesem Gebiet ist zum Beispiel ein Dr. Köching. Mit ihm soll sich auch Ingenieur Johann Lesche auf den Weg nach Ems begeben. Doch diesmal klappt es nicht.

Die DDR-Behörden haben durchaus registriert, dass da eine gezielte Abwerbung aus der Schweiz stattfindet. Auch der Name von Ex-IG-Farben-Mann Johann Giesen ist ihnen natürlich nicht unbekannt. So kommt es, dass Lesche verhaftet wird beim Versuch, die DDR unter Mitnahme einschlägiger technischer Dokumente zu verlassen. Dies trotz offener Grenze. Er muss eine längere Zuchthaustrafe absitzen und kann so erst mit Verspätung das ostdeutsche Wissenschafter-Kontingent in Ems verstärken.

Die nächste Welle im Knowhow-Transfer aus der DDR beginnt schon 1957: Diesmal sind eher Grundlagenforscher gefragt. Und zwar aus dem Institut der Akademie der Wissenschaften der DDR in Teltow bei Berlin. Fast ein halbes Dutzend Spezialisten machen sich auf den Weg nach Ems. Ihnen folgt, Ende der fünfziger Jahre, die dritte Welle: Es kommen junge Chemiker, die bereits in der DDR ausgebildet wurden. Unter anderem der Göttibub von Johann ­Giesen, Dr. Baumann. Der wirbt seinen Studienfreund Hoppe an, dieser den frisch promovierten Chemiker Achim Schultze.

Sie holten nicht nur Wissen und Spezialisten aus der DDR nach Ems, sondern die Blaupausen
für eine komplette Fabrik.

DÉJÀ-VU IN EMS

Als Dr. Schultze seinen neuen Arbeitsplatz in der Forschungsabteilung der Ems-Chemie, wie die ­Hovag AG jetzt heisst, betritt, hat er ein regelrechtes Déjà-vu: Das, was er da sieht, kennt er doch! Plötzlich hat er das Gefühl, wieder in seinem alten volkseigenen ­Betrieb, dem VEB Leuna-Werke «Walter Ulbricht», zu sein. Die Lactamfabrik, die Büro- und Laborgebäude – alles praktisch Kopien von Leuna.

Die Übereinstimmung reicht bis in Details des Treppenaufganges, sogar der Toiletten. Und er trifft in Ems auf viele Fachkollegen aus Leuna. Stolz nennen sie sich die «Leuna-Fraktion». Sie alle sind mit ihren Spezialkenntnissen dafür vorgesehen, die neuen Verfahren der Kunststoffchemie in Ems weiterzuentwickeln. Im Ergebnis mit durchschlagendem Erfolg.

In den folgenden Jahren entsteht so, nicht zuletzt dank dem steten Know-how-Abfluss aus der DDR – Juristen könnten das auch «Verrat von Geschäfts- oder Betriebsgeheimnissen» nennen – aus einer unbedeutenden kleinen Schweizer Chemiebude ein Weltkonzern. So milliardenschwer wie sein Besitzerclan, die Blochers.


Martin KreutzbergPackende Recherche

Martin Kreutzberg

Martin Kreutzberg ist Dramaturg, ­Regisseur und war Intendant unter ­anderem am ­Maxim-Gorki-Theater in Berlin, am Stadttheater Bern, am Staatstheater Nürnberg und am Schauspielhaus Zürich. Er ist Autor von Dokumentarfilmen für die ARD und Arte und lebt in ­Zürich.

ZUFALL. Zur Recherche über die Ems-Chemie kam er per Zufall, wie er work erzählt: ­«Eines Tages liess mich ein Verwandter in das Privat­archiv seines ­Vaters schauen. Und was ich da sah, elektrisierte mich augenblicklich: eine eigentlich ­unglaubliche Geschichte, die sich ein Thriller­autor hätte ausdenken können, wäre sie nicht wahr. Nun kenne ich beide Seiten: das offizielle Image der Schweizer Vorzeigefirma Emser Werke und, aus eigenem ­Erleben, den Weg, auf dem die ‹arme› DDR ärmer und ärmer wurde.»


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