work-Kommentar:

Rechte drehen im Braunen

Clemens Studer

Die Klimawandel-Leugnerinnen und -Leugner hatten die Klimabewegung schon abgeschrieben. Die Bekämpfung der Corona-Pandemie hatte öffentliche Manifestationen unmöglich gemacht. Der von SVP-Führer Christoph ­Blocher wegen Erfolglosigkeit abgesetzte SVP-Präsident Albert Rösti sagt an seiner letzten Delegiertenversammlung im Amt: «Nicht mehr über den Chäfer reden, dann verschwindet er wie Greta.» Mit dem «Chäfer» meinte er das Covid-19-Virus. Mit «Greta» die Ikone der Klimabewegung.

UND JETZT DAS. In einer gut vorbereiteten Aktion besetzt die Klimajugend den Bundesplatz. Baut kurzerhand und effizienter als jeder WK ein Demo-Dorf auf. Das ist verboten. Weil die Parlamentarierinnen und Parlamentarier während ihrer Session nicht vom Volk gestört werden möchten. Dabei ist nicht der Zugang zum Bundeshaus das Problem. Der Märit findet auch während der Sessionen statt und riegelt den Bundesplatz mindestens so ab, wie es das kreative Klima-Camp tat. Aber eben: Lauch und Lauch gesellt sich gern.

Eine Netto-null-Schweiz bis 2030 ist möglich.

UND DANN GING’S AB. Nicht auf dem Platz, da war’s ernsthaft, humorvoll, kreativ und friedlich. Aber in den Medien. Die vereinigten Aargauer und Zürcher Zentralredaktionen über­boten sich in Empörung über die Aktion. Auffällig: Während bislang in erster Linie die klassischen «alten weissen Männer» wegen der Klimajugend durchdrehten, sind es – zumindest in den Medien – jetzt auch die «mittelalter­lichen weissen Männer», die hetzen. Oder meinen, väterlich erklären und belehren zu müssen.

UND DANN DIES. Die höflichen, freundlichen und friedlichen Klima-Demonstrierenden werden von SVP-Strassenraufern angegangen, die im Braunen drehen. Unter anderem vom notorisch ausfälligen und vorbestraften Aargauer SVP-Präsidenten Andreas Glarner. Der gleich auch noch vor laufender Kamera die grüne Ratskollegin Sibel Arslan sexistisch und rassistisch beleidigte.

WIE ES BEGANN. Als die Klimastreikbewegung in der Schweiz Fahrt aufnahm, wurden die Jugendlichen belächelt und verspottet. Als Ahnungslose, die in erster Linie die Schule schwänzen wollten. Doch rasch wurde die Bewegung grösser. Und die Bewegten sind längst nicht mehr ausschliesslich Schülerinnen und Schüler. Im September vor einem Jahr gingen über 100’000 Menschen in Bern auf die Strasse.

WIE ES IST. Die Welt hat Fieber. Die Folgen des Klimawandels bedrohen bereits jetzt akut Hunderte Millionen von Menschen an Leib und Leben. Im Moment noch vorwiegend im ­globalen Süden. Wir hier in den Ländern des Nordens können uns noch vormachen, es komme «nicht so schlimm».

WIE ES KOMMT. Die Klimastreikbewegung hat schnell gelernt. Ohne Druck geht gar nichts. Mit ein bisschen an den kapitalistischen Schräubchen zu drehen werden wir das Klima nicht am Kippen hindern können. Mit beherztem Eingreifen eventuell schon. Denn eine Netto-null-Schweiz bis 2030 ist technisch und ökonomisch möglich. Das hat der grosse öko­soziale Umbauplan von work aufgezeigt (rebrand.ly/neutrale-schweiz). Weil die rechte Parlamentsmehrheit das nicht will, hat die Klimabewegung erkannt: Wer den Klimawandel stoppen will, muss das System ändern. Und sie hat spätestens letzte Woche gelernt: Wer mächtig die Systemfrage stellt, wird vom Kapital nicht mehr belächelt, sondern bekämpft. Politisch, polizeilich und medial. Denn die ökosoziale Wende ist die grösste Bedrohung für die Profit-Maximierer. Bleiben wir dran!

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