Editorial

Gewinnen ist schön!

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Gewinnen ist einfach schön! Vor allem, wenn es so dick kommt wie am letzten Abstimmungswochenende. Wir Linke und Gewerkschaften haben 4 von 5 Vorlagen gewonnen. Plus einen neuen gesetzlichen Mindestlohn im Kanton Genf. Das ist eine klare politische Verschiebung nach links. Und fast hätten wir auch noch Viola Amherds Kampfbomber abgeschossen. Das wäre dann der Kirsch in der Schwarzwäldertorte gewesen. Doch auch dieses Zufalls-Ja ist nicht übel, denn jetzt bricht an der Fliegerfront das Chaos los. Nun werden uns Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und US-Präsident Donald Trump ihre überflüssigen Kampfbomber aufs Auge drücken wollen. Und schwingt Trump obenaus, möchte uns Frau Armeeministerin doch bitte erklären, warum sie ausgerechnet einen US-Armeestützpunkt in der Schweiz will. Wir bestellen beim VBS jedenfalls schon mal das Foto! Und machen in unserer Politik-&-Technik-Rubrik «Rosa Zukunft» darauf aufmerksam, dass Amherds Kampfjets vermutlich schon zum alten Eisen zählen werden, wenn sie 2030, wie geplant, starten sollen. Denn dann wird der Kriegs­himmel wohl schon den leichteren und billigeren chinesischen Drohnen gehören (Seite 14).

Fertig mit Cabaret an der Urne?

IM BUNKER. Wir haben Aufwind. Und die SVP ist abgestürzt: Am 27. 9. 2020 fand ihr Mari­gnano statt. Das Volk schickte die Kündigungsinitiative bachab. Und wie! Wie gekläpft sassen danach die «liebe Froue und Manne» am «Abstimmungshöck» im Rothrister «Pöstli»: Ihre SVP ist die Schweizerische Verlierer-Partei, wie work-Autor Clemens Studer auf Seite 5 analysiert. Entsprechend laut jault der Führer auf Tele-Blocher: gegen die eigenen Parteisoldaten, weil sie die Kampfflieger nicht wirklich zum Fliegen brachten, und gegen die Welschen und Basler, diese Vaterlandsverräter, weil sie die SVP-Initiative so haushoch verwarfen. Eingebunkert im Herrliberger Bunker und wütend auf den Rest der Welt. Dabei lässt Christoph Blocher seine Partei selber im Stich: Er hat offenbar seinen Geldhahn zugedreht. Die SVP schaltete deutlich weniger Inserate im Abstimmungskampf als sonst. Und noch etwas Pikantes ist dem roten Feigenblatt-Kolumnisten Peter Bodenmann im SVP-Blatt «Welt­woche» aufgefallen: dass nämlich «der Blocher-Jubel-Biograph Markus Somm» verzweifelt 4,8 Millionen Franken Geld sucht, um sein neues Internetportal zu lancieren. Ein solches brauche es, erklärte dieser, weil sich die «Weltwoche» zu viele Feinde geschaffen habe. Sprich: zu sehr auf rechtem Wildsau-Kurs. Das allein ist schon eine interessante politische Distanzierung. Noch spannender aber: Das Geld findet Somm offenbar nicht bei Papa Blocher.

IN CORONAZEITEN. Gewinnen ist einfach schön! Vor allem, wenn es so überraschend kommt wie beim dezidierten Nein zum Steuergeschenk für die Reichen bei den Kinderabzügen. Machen Coronazeiten nachdenklicher? Fertig mit Cabaret an der Urne? Es scheint so. In der Coronakrise ist auch der Staat wich­tiger geworden. Denn die (ökonomische) Zukunft ist ungewiss. Fast überall in Europa breitet sich das Coronavirus gerade wieder unaufhaltsam aus. In Frankreich, Österreich und Grossbritannien sogar alarmierend schnell. Da wollen die Menschen mehr Schutz vom Staat. So was schlägt sich in den sozialen Fragen nieder. Und in Abstimmungen.

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    „Wir Linke und Gewerkschaften haben 4 von 5 Vorlagen gewonnen. Das ist eine klare politische Verschiebung nach links. Und fast hätten wir auch noch Viola Amherds Kampfbomber abgeschossen. Das wäre dann der Kirsch in der Schwarzwäldertorte gewesen.“ Aber sicher doch. So ähnlich pflegt Trump sich die Welt schönzureden. Die gescheiterte SVP-Initiative ist ein Sieg der Wirtschaft, in deren Kofferraum die Unia ein bisschen mitkarren durfte. Den Wolf schützen die Städter, die noch nie einen gesehen haben, gegen die Bergkantone, was mit links/rechts gar nichts zu tun hat. Kaum ins ranzige Schema passt auch der Vaterschaftsurlaub, der bei genauerem Hinsehen in seiner Mickrigkeit sogar eine linke Pleite ist. Die Steuerabzüge sind ein linker Sieg auf voller Linie, insofern sie ein Sieg des Sozialneides sind, des Hauptantriebes der Linken. Somit wären wir bei 4:1, nur umgekehrt. Kirsch in der Schwarzwäldertorte hat‘s keinen gegeben, weil er nicht in Schwarzwäldertorten gehört.

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