Feministische Sondersession in Bern fordert:

Hilfspaket für Care-Arbeit

Applaus alleine reicht nicht! Da waren sich alle an der Frauen-Sondersession einig. work druckt dazu die Rede von Simona Isler:

SIMONA ISLER (38) vom Care-Ökonomie-Netz Wide. (Foto: Yoshiko Kusano)

«Wir haben in den letzten Monaten viel gehört über Systemrelevanz. Wir haben geklatscht für das Pflegeper­sonal und die Verkäuferinnen, für die Kinderbetreuerinnen und vielleicht auch noch für die Lehrerinnen. In den letzten Wochen aber ist es still geworden rund um die sogenannt systemrelevanten Berufe. Politik und Wirtschaft sind mit der Krisenbewältigung beschäftigt. Es wurden und werden Konzepte für die Schweizer Fussballliga erarbeitet, darüber nachgedacht, wie um Himmels willen die Skigebiete geöffnet werden und die internationalen Skirennen stattfinden können.

Und was ist mit den Pflegerinnen, Kinderbetreuerinnen, Verkäuferinnen, den Sozialarbeiterinnen, mit dem Reinigungspersonal, mit den Lehrerinnen, den Müttern und Hausfrauen?

Sie arbeiten unermüdlich weiter. Tragen Zusatzbelastungen. Leisten Grosses, Unsichtbares. Wieso auch soll sich die Politik damit beschäftigen?

Ich sage euch, weshalb: All diese ­Arbeit – wir nennen sie auch Care-Arbeit, oder Sorgearbeit – ist entscheidend, wenn es um den ­Lebensstandard und das Wohlergehen von uns allen geht. Auf diese Arbeit kann nicht verzichtet werden. Eben systemrelevant.

DAS AKZEPTIEREN WIR NICHT!

Frauen leisten den Hauptanteil der Care-Arbeit – bezahlt und unbezahlt. Und: Es ist sehr viel Arbeit: Rund zwei Drittel der Wirtschaft in der Schweiz und überall auf der Welt sind Care-Arbeit. 70 Prozent aller Arbeit in der Schweiz – in Stunden gemessen – werden im Care-Sektor geleistet. Frauen tragen mit ihrer Arbeit überverhältnismässig viel zur Bewältigung der Krise bei. Es sind hingegen in der Überzahl nicht-care-arbeitende Männer, die politische Entscheidungen fällen und die Krise managen.

Wir fordern: ein landesweites Hilfspaket ‹Care-Arbeit›. Sämtliche Kosten der Coronakrise in den Bereichen Bildung, Betreuung und Pflege müssen vom Bund à fonds perdu getragen werden, sowohl in bezahlten wie auch in unbezahlten Arbeitsverhältnissen. Die Zusatz­belastung der Mütter, der Pflege­rinnen, der Verkäuferinnen, der ­Kinderbetreuerinnen, der Lehrerinnen, der Kindergärtnerinnen und der Putzfrauen der vergangenen und möglicherweise zukünftigen Monate in diesen Bereichen muss jetzt endlich anständig entlöhnt werden.

Wir fordern: ganz grundsätzlich eine bessere öffentliche Finanzierung und Entlöhnung systemrelevanter Tätigkeiten im Care-Sektor. Es braucht eine nationale Strategie zur Organisation und Finanzierung der Care-Arbeit, die der Sorge und Versorgung der ganzen Bevölkerung dient und nicht auf der finanziellen und zeitlichen Ausbeutung von Frauen beruht.

Und schliesslich fordern wir eine angemessene Vertretung (das heisst fifty-fifty!) von Frauen aus Care-Berufen in sämtlichen Entscheidungsgremien zur Bewältigung der Coronakrise und darüber hinaus. Weil es die Arbeit der Frauen ist, die die Welt zusammenhält.»

Das ausführliche Positionspapier zur Rede: rebrand.ly/care-arbeit


Feministische Sondersession:4444 Gründe zu streiken

Rund 200 Frauen trafen sich an zwei Tagen in der Reitschule in Bern. Und diskutierten die Folgen der Coronakrise.

JETZT REDEN WIR! Rund 200 Frauen diskutierten in kleinen Gruppen in Bern über schlecht oder gar nicht bezahlte Care-Arbeit, sexualisierte Gewalt, tiefe Frauenlöhne und den nächsten Frauenstreik. (Foto: Yoshiko Kusano)

Freitag, 11. September: Es ist 17 Uhr, als die ersten Besucherinnen eintreffen. Mit Kinderwagen statt Aktenkoffern. In violetten T-Shirts statt «gschalet». Die Feministische Sondersession – das wird schon vor der offiziellen Eröffnung klar – hat mit der Session im Bundeshaus herzlich wenig zu tun.

Und das soll sie auch nicht. Denn sie ist Protest gegen den Bund, der die Frauen während der Coronakrise einmal mehr vergessen hat. Obwohl gerade sie es waren, die das Land am Laufen hielten, als sonst nichts mehr ging. Doch statt mehr Lohn gab’s Applaus, Schoggi und Kündigungen. Die ­Zahlen zeigen: Es sind weltweit mehrheitlich Frauen, die wegen der Corona­krise ihre Jobs verlieren. (work berichtete: rebrand.ly/corona-frauen).

FRAUENSTREIK 3.0?

Deshalb also die Feministische Sondersession. Ausgerufen von Frauen aus dem Umfeld des Berner Frauenstreikkollektivs. Gedacht als Plattform «für all jene, deren Stimmen bisher nicht gehört wurden».

Und alle hören aufmerksam zu, als Reinigungsfrau Isabel Zubieta auf der Bühne erzählt, wie sie systemrelevante Arbeit leistet und als ungebildet abgestempelt wird. Oder als Pflegerin Lea Daum schildert, wie sie bei der Arbeit nicht genügend geschützt wurde vor Corona. Sondern einfach weiterarbeiten musste. Bis sie selber krank wurde.

Und während der Reden wird die dunkle grosse Halle in lila Licht getüncht. Auf der Grossleinwand sind Bilder vom Frauenstreik zu sehen. Da ist sie plötzlich wieder: diese Aufbruchsstimmung.

Samstag, 12. September: Rund 200 Frauen sitzen auf Holzstühlen in kleinen Kreisen, mit Masken und Sicherheitsabstand. Jüngere und ältere, aus Bern, aus dem Aargau, aus Zug, Basel, Zürich, Neuenburg . In über 20 Workshops diskutieren sie über schlecht oder gar nicht bezahlte Care-Arbeit, sexualisierte Gewalt, mangelnden Mutterschutz, tiefe Frauenlöhne und tiefe Frauenrenten. Allesamt Pro­bleme, die durch die Coronakrise noch verschärft worden sind. Existieren tun sie aber schon lange. Eine halbe Million Menschen haben letztes Jahr mit einem fulminanten Frauenstreik dagegen protestiert.

Müssen die Frauen nachlegen? Ja! findet die Gruppe in einem der Sitzkreise. Schliesslich gebe es «immer noch 4444 Gründe» zu streiken. Dazu kommen Corona und zwei Jubiläen: Am 14. Juni 2021 sind es genau 30 Jahre seit dem ersten Frauenstreik. Und das Frauenstimmrecht wird schon im Februar 50.

Passen würde ein neuer Streik also allemal. Die Diskussion ist entfacht. (pdi)

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