Pakistan & Corona: Eine Gewerkschafterin klagt an:

«10'000 Jobs bei Levi’s und Gap vernichtet»

Patricia D'Incau

Die Coronakrise trifft Pakistan heftig, auch ökonomisch. Denn grosse Textilunternehmen aus dem Westen haben ihre Aufträge storniert. Bald sind fast 18 Millionen Menschen arbeitslos.

VIELEN DANK FÜR DIE BLUMEN! In Pakistan gibt es überall Heimarbeiterinnen, aber sie waren lange unsichtbar. Jetzt nicht mehr, jetzt haben sie eine Gewerkschaft. (Foto: Khaula Jamil / Mama Cash)

work: Zehra Khan, in Pakistan ­wütet die Coronakrise. Was bedeutet das für die Arbeitenden?
Zehra Khan: Mehr als 6 Millionen Menschen haben ihren Job verloren. Der totale Lockdown dauerte hier von März bis Juni. Viele hofften, dass sie danach ihren Job wieder zurückbekämen. Aber die Behörden schätzen, dass in ein bis zwei Monaten fast 18 Millionen Menschen arbeitslos sein werden. Diese Menschen haben kein Geld mehr, um ihre Miete zu bezahlen, die Schule für ihre Kinder oder medizinische Behandlungen. Viele hungern. Die Verzweiflung wächst. Und jetzt haben wir auch noch die Flut.

Gibt es denn keine staatliche Hilfe?
Der Coronatest war teilweise gratis. Und die Regierung hat ein Hilfsprogramm gestartet. Theoretisch sollten Familien, die in Armut leben, einen einmaligen Betrag von 12’000 Rupien bekommen. Also etwa 75 Dollar. Das Problem ist aber, dass die Behörden nur denen das Geld überweisen können, die sich registriert haben. Und das sind bei weitem nicht alle. Dazu kommt, dass auch andere soziale Absicherungen fehlen. Bei Entlassungen zum Beispiel erhalten nur jene eine Entschädigung, die einen regulären Arbeitsvertrag hatten. Über 80 Prozent aller Arbeiterinnen und Arbeiter in Pakistan haben das nicht.

Gewerkschafterin Zehra Khan. (Foto: zvg)

Und was tun die Gewerkschaften?
Während des Lockdowns haben wir zusammen mit anderen Organisationen über 50’000 Familien mit Essenspaketen versorgt. Und wir haben Broschüren verteilt, um über Corona aufzuklären. Beides ist eigentlich nicht unser Job. Aber die Regierung versagt. Sie ­ignoriert das Leid der Leute. Weil wir Druck machten, hat die Provinzregierung von Sindh schliesslich aber doch noch verordnet, dass wegen der Pandemie niemand mehr entlassen werden darf und dass ausstehende Löhne bezahlt werden müssen.

Wenn Ihre Prognosen eintreffen, werden mehr als ein Viertel aller Beschäftigten arbeitslos. Warum trifft die Coronakrise gerade ­Pakistan dermassen heftig?
Pakistan ist hoch verschuldet und hatte bereits vor der Coronakrise mit einer Inflation zu kämpfen. Dazu kommt, dass unsere Wirtschaft ex­trem von ausländischen Unternehmen abhängig ist. Die Textil- und Kleiderproduktion ist der grösste und wichtigste Industriesektor. Als wegen Corona auf der ganzen Welt die Läden zumachten, haben grosse Textilunternehmen ihre Produktionsaufträge storniert. Die Fabriken stellten die Arbeiterinnen und Arbeiter auf die Strasse, und die Frauen, die als Heimarbeiterinnen für die Fabriken produziert hatten, verloren ihre Aufträge. Viele bekamen sogar für die Waren, die sie schon hergestellt hatten, keinen Lohn mehr. Die Modelabel Levi’s und GAP haben gerade mehr als 10’000 Arbeiter entlassen. Auch H & M, C & A und Tom Tailor lassen hier produzieren. Bei denen wurde auf die Arbeiter geschossen, als sie vor der Fabrik protestierten.

Moment, die Fabrikleitung liess auf die Arbeiter schiessen?!
Ja. Sie hatten ihre April- und Mai-Löhne verlangt, die nicht bezahlt wurden. Sie waren verzweifelt. Das Management befahl den Sicherheitskräften, auf die Menschen zu schiessen. Ein Dutzend Arbeiter wurden verletzt.

Und dann?
Dann kam die Polizei und verhaftete drei Arbeiter. Wir haben danach bei den Behörden interveniert. Jetzt sind die Männer wieder frei. Das ist an sich nicht ungewöhnlich. Generell gilt: Die Polizei steht nicht auf der Seite der Arbeitenden, sondern auf der Seite der Fabrikleiter und Unternehmen.

Pakistan: Hunger und Corona

Offiziell haben sich in Pakistan (212 Mio. Einwohner) bisher rund 300’000 Menschen mit dem Coronavirus angesteckt, knapp 6300 starben. Die Dunkelziffer dürfte viel höher sein. Auch wenn die Angst vor Corona gross ist: wegen der weltweiten Wirtschaftskrise wird befürchtet, dass der Hunger noch viel mehr Tote fordern wird.

Es gibt aber auch Lichtblicke. Ihrer Gewerkschaft ist es gelungen, die Heimarbeiterinnen zu organisieren. Also Frauen, die zu Hause für Fabriken Waren herstellen. Wie haben Sie das gemacht?
Praktisch in allen Industriezweigen sind Heimarbeiterinnen ein wichtiger Teil der Produktionskette. Da wird jedes Zuhause zur Produktionsabteilung einer Fabrik. Nur: Während in den Fabriken ein Mindestlohn von rund 104 Dollar gilt, verdient eine Heimarbeiterin im Durchschnitt gerade etwa 20 Dollar. Pro Monat! Dafür arbeitet sie bis zu 16 Stunden am Tag. Bezahlt wird im Stücklohn, also hilft auch noch die ganze restliche Familie mit – ohne Lohn, ohne Sozialversicherung. Die Kosten für Strom und Gas, die es für die Produktion braucht, werden auch nicht vergütet. All das wurde lange als ganz «normal» angesehen und akzeptiert. Weil diese Frauen in ihrem Zuhause arbeiten und nicht in der Fabrik, wurde ihre Arbeit nicht als «richtige» Arbeit anerkannt.

«Jetzt gehen die Heim­arbeiterinnen auf die Strasse!»

Dann mussten Sie als Gewerkschaft also ganz bei null anfangen?
Ja, wir waren auch die ersten, die das überhaupt thematisiert haben. Viele Organisationen sehen das Problem – wenn überhaupt – als reine «Gender-Frage». Für uns geht es aber um eine Klassenfrage. Denn die Heimarbeiterinnen werden nicht «nur» als Frauen ausgebeutet, sondern in erster Linie als Arbeitskräfte, als Arbeiterinnen. Und als solche haben sie Rechte. Dieses Bewusstsein mussten wir zuerst überhaupt schaffen.

Aber damit hatten Sie richtig ­Erfolg …
… ja! In Pakistan gibt es 12 Millionen Heimarbeiterinnen. Sie sind überall, aber sie waren lange unsichtbar. Wie Geister. Aber jetzt gehen sie auf die Strasse, um zu protestieren. So haben sie es geschafft, dass sie in der Provinz Sindh endlich gesetzlich als Arbeiterinnen anerkannt sind. Das bedeutet: Jede Heimarbeiterin wird dort jetzt im Sozialversicherungssystem regis­triert. Das ist eine Premiere! In Paki­stan, aber auch in ganz Südasien.

Zehra Khan (42) ist Generalsekretärin der pakistanischen Heimarbeiterinnen­gewerkschaft (Home Based Women Workers Federation, HBWWF). Khan lebt in der Provinz Sindh und begann dort 2005, die Heimarbeiterinnen zu organisieren. Zwischen der HBWWF und der Schweizer Stiftung Solifonds besteht eine langjährige Partnerschaft. Auch die Unia unterstützt ihre Arbeit in der aktuellen Coronakrise.


Solidaritäts-Appell«Für ärmere Ländern sind die Folgen noch brutaler»

Unia-Präsidentin Vania Alleva.

«2020 wird uns noch lange in Erinnerung bleiben. Die Covid-Krise bedroht unsere Gesundheit, sie schlägt aufs Gemüt, und sie bringt für viele Lohnabhängige materielle Einbussen und Unsicherheit.

Aber nicht nur bei uns hinterlässt die Pandemie deutliche Spuren. Für viele Menschen in den ärmeren Ländern des Südens sind die Folgen noch brutaler. Nicht zuletzt, weil globale Konzerne die Kosten der Krise gerne auf die schwächsten Glieder in der Wertschöpfungskette abwälzen. So ignorierten beispielsweise Modekonzerne ihre vertraglichen Abnahme-­
verpflichtungen und legten Kleiderbestellungen in Milliardenhöhe einfach auf Eis, was in Ländern wie Bangladesh und Pakistan zu Massenarbeitslosigkeit und Hunger führt.

KEINE EXTRAPROFITE. Hier braucht es dringend unsere Solidarität. Erstens sind die Rechte der Arbeitnehmenden auch in den Ländern des Südens zu gewährleisten. Schweizer Multis dürfen während der Krise keine Extra­profite auf Kosten der Arbeitnehmenden einfahren. Sie müssen ihre soziale Ver­antwortung wahrnehmen und die Löhne zu 100 Prozent weiterzahlen.

SCHULDEN STREICHEN. Zweitens muss die Ausbeutung der ärmsten Länder durch das globale Finanzkapital aufhören. Ihre Schulden sind zu streichen, und privilegierte Finanzplätze wie die Schweiz müssen nach wie vor bestehende Steuerschlupflöcher schliessen.

Schliesslich unterstützen wir die Gewerkschaften und sozialen Bewegungen weltweit. Denn die Klima-, Hunger-, Gesundheits-, Wirtschafts- und Flüchtlings­krisen sind Zeichen einer globalen Systemkrise, die nicht in jedem Land einzeln gelöst werden kann. Nur internationale Solidarität führt uns auf dem Weg zu einer besseren Welt.

Die Unia empfiehlt die Unterstützung der gewerkschafts­nahen Organisationen Soli­fonds und Solidar»

Vania Alleva, Präsidentin Unia

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