Sexuelle Belästigung in der Lehre: Drei Frauen erlebten den Horror

«Er band mich an einen Stuhl fest»

Patricia D'Incau

Zwei Drittel aller Jugendlichen erleben in der Lehre Belästigung oder sexuelle Gewalt. Auch, weil Verantwortliche im Betrieb, in der Berufsschule und bei den Behörden gar nicht oder zu wenig eingreifen. Wie im Fall von Sarah, Michelle und Lea*.

AUCH ICH! Junge Frauen demonstrieren gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt. (Foto: Keystone)

Sarah* (18): «Er hat mich vergewaltigt»

«Bei der Arbeit war alles in Ordnung, aber in meiner Klasse war ein Typ, der viel älter war als ich. Er stellte mir im Klassenchat sexuelle Fragen. Etwa, ob ich schon einmal ­einen Orgasmus gehabt hätte. Er fing an, mich anzufassen, wenn ich im ­Fitnessstudio war. Wenn ich mir die Schuhe band oder wenn ich aufs Velo stieg. Ich dachte, es würde vorüber­gehen, dass er einfach wieder auf­hören würde. Ich hatte das Gefühl, dass mir niemand glauben würde, wenn ich etwas sage.

Nach vier Monaten erzählte ich es meinem Ausbildner, dann dem Schulleiter. Der rief den Mann an und konfrontierte ihn. Er entschuldigte sich. Das war alles. Ich wurde gefragt, ob ich eine Klage einreichen wolle. Ich tat es nicht, weil meine Eltern mich nicht unterstützten. Sie sagten, ich würde das Ganze erfinden.

Drei Monate blieb es ruhig. Aber dann fing er wieder an. Er kam in die Toilette und fasste mich an. Das ging über ein, zwei Monate so. Dann vergewaltigte er mich. Ich wollte es meinen Eltern erzählen, aber ich konnte nicht. Dank meinem Ausbildner schaffte ich es schliesslich, Anzeige zu erstatten. Danach behauptete der Schulleiter, er habe damals etwas unternommen, nachdem ich zu ihm gekommen war. Er habe mich immer wieder gefragt, wie es mir gehe. Das stimmt nicht. Ich bin ihm nie mehr begegnet.»


Michelle* (21): «Alle fanden das ganz normal»

«Ich war ein bisschen älter als 15. Er war ein leitender Angestellter. Er machte dauernd Kommentare. Über meinen Körper und dass er mein Höschen durch die Kleidung sehen könne. Er versuchte, mich zu sich nach Hause einzuladen. Seine Frau sei nicht da.

Mein Ausbildner fand, das seien doch nur Witze. Ich solle mir keine Sorgen machen. Alle in der Firma ­taten so, als wäre das ganz normal. ­Sogar meine Eltern meinten, dass er doch nur reden würde.

Eines Morgens war ich allein im Büro. Er band mich an einen Stuhl fest. Danach habe ich alles getan, um ihm aus dem Weg zu gehen. Es kam zwar ein Kontrolleur von der Lehrlingsaufsicht vorbei. Aber die beiden kannten sich. Also passierte nichts.

Irgendwann wurde er entlassen, aus einem anderen Grund. Später kam die ganze Geschichte aber doch noch vor Gericht. Er hatte in seinem neuen Job eine Frau angefasst. Die Firma kontaktierte deshalb seine ehemaligen Arbeitskolleginnen. Auch mich. Ich habe ausgesagt. Ich wollte andere schützen.»


Lea* (23): «Sie haben mir nicht geglaubt»

«Ich war 19 und habe bei einem Temporärbüro gearbeitet. Am Anfang lief es sehr gut. Dann fingen zwei neue Kollegen bei uns an. Einer von ­ihnen fasste mir an den Hintern. Und plötzlich tat es jeder. Am 9. Februar 2018 hatte ich dann ein Treffen mit meinem Chef. Er sagte mir: ‹Du bist so hübsch, jeder will mit dir ficken.› Ich meldete mich bei der Lehrlingsaufsicht. Sie kamen zwar vorbei und machten eine Kontrolle, aber sie glaubten mir nicht. Vielen Lernenden wird in einer solchen Situation nicht geglaubt.

Ich bekam keine Hilfe. Als ich zu einem anderen Betrieb wechselte, rief mich mein Ex-Chef immer wieder an. Ich habe seine Nummer erkannt und nie geantwortet. Aber einmal, als ich am Freitag alleine im Büro war, ging ich nach draussen, um eine Zigarette zu rauchen. Und da wartete er vor dem Gebäude auf mich. Dabei arbeitete ich in einer anderen Stadt! Ich fühlte mich nicht mehr sicher.

Bis heute weiss ich nicht, was ich tun soll. Die Kontrollen versagen. Mein Ex-Chef hat sich ein Imperium geschaffen. Und er beschäftigt immer noch 15jährige Lernende, alles Mädchen.»

Aufgezeichnet von Aude Spang
Redaktion: Patricia D’Incau

Unia-Umfrage: Erschreckende Zahlen

80 Prozent aller ­befragten jungen Frauen und 48 Prozent der Männer wurden in der Lehre Opfer von sexueller Belästigung oder Gewalt. Das zeigte eine Umfrage der Unia-Jugend, die letztes Jahr durch­geführt wurde und an der rund 800 ­Jugendliche aus der ganzen Schweiz teilgenommen haben. Darunter Sarah, ­Michelle und Lea (siehe oben). Sie ­haben Unia-Jugendsekretärin Aude Spang ihre Geschichten erzählt.

PFLICHTSTOFF. Für Spang ist klar: «Das darf kein Tabuthema mehr sein. Die ­Betriebe müssen ihre Pflicht ernst nehmen und Lehr­linge vor sexueller Belästigung schützen. Es braucht ­Reglemente, ­Massnahmen und Anlaufstellen für die Jugendlichen.»


www.belaestigung-in-der-lehre.ch Neue Online-Plattform hilft

Zwei Online-Plattformen ­bieten schnellen Rat bei ­sexueller Belästigung am Arbeitsplatz.

Sexistische Sprüche, abwertende Bemerkungen und sogar sexuelle Gewalt gehören für Stiftinnen und Stifte in der Schweiz oft zum Alltag. Die Unia-Jugend geht jetzt dagegen vor: Mit der Plattform www.belaestigung-in-der-lehre.ch fordert sie Betriebe, Berufsschulen und Berufsbildungsämter dazu auf, endlich Massnahmen zu ergreifen, um betroffene Jugendliche zu schützen. Vielerorts ist nämlich noch nicht einmal angekommen, dass über sexuelle Belästigung gesprochen werden muss. Was gegen sexuelle Belästigung zu tun ist und wo sie sich als Betroffene melden können: das lernen die Jugendlichen nicht. (work berichtete: rebrand.ly/betatscht-und-bloed-angemacht). Die Unia-Jugend verlangt deshalb mehr Prävention, die Einführung von verbindlichen Reglementen und griffige Kontrollen.

Unia-Jugend verlangt mehr Prävention.

ANGST NEHMEN. Auch für die Betroffenen selbst gibt es online Hilfe: 2017 hat die Unia zusammen mit der Stadtzürcher Fachstelle für Gleichstellung und weiteren Organisationen die Plattform belaestigt.ch ins Leben gerufen. Ein niederschwelliges Online-Angebot, damit sich Betroffene angstfrei melden können: Einfach per Mail. Anonym, unkompliziert und in neun Sprachen. Auch Unternehmen finden hier Tipps, was im Falle von sexueller Belästigung im Betrieb zu tun ist.

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