Editorial

Der kleine ­Unterschied

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Insel der Glückseligen, rundherum von Bergen geschützt. Eine Trutzburg. Eine Willensnation. Die Schweizerinnen und Schweizer freiheits­liebend, sauber, gschaffig, sparsam und einzigartig. Der Sonderfall Schweiz eben. Dabei sind die Berge gar nicht um die Schweiz herum. Sondern die Schweiz um die Berge herum. Darauf verwies kürzlich Germanist und Professor Peter von Matt in einem Interview mit der NZZ am Sonntag. Er ist 83 und einer der letzten altmodischen, da pointierten Intellektuellen der Schweiz. Der kleine Unterschied und seine grossen Folgen: so leichtfüssig kann man einen Mythos knacken, wenn man von Matt heisst.

Die Schweiz war und ist kein Sonderfall.

SCHWEXIT. Seit Jahrhunderten operieren die Rechten mit dem Sonderfall Schweiz. Aktuell auch wieder einmal die SVP in ihrer Abstimmungskampagne für ihre Kündigungsinitiative. 50 Jahre nach der Schwarzenbach-Initiative will die Blocher-Partei den Schwexit: weg von der Personenfreizügigkeit und zurück zur Baracken-Schweiz vor 2002. Damals regelte das Saisonnierstatut die Einwanderung. Die Saisonniers kamen und chrampften – dann stellte man sie wieder raus. Viele hausten zu dritt oder zu viert in schäbigen Barackenzimmern. Sie durften ihre Stelle nicht wechseln. Ihre Familien nicht nachziehen. Und mussten ihre verängstigten Kinder verstecken.

SVP-Kronprinzessin Magdalena Martullo-Blocher schwärmt jetzt von diesen Zeiten. Sie sagt: «Wenn Tiefqualifizierte damals arbeitslos wurden, kehrten sie in ihre Heimat zurück, und wir mussten nichts bezahlen.» Lohndrückerei, das gefällt der Ems-Milliardärin und ihrer Millionärspartei natürlich. Dann springt obädürä mee usä. Und obwohl der Lohndruck damals auch das Lohnniveau der Schweizerinnen und Schweizer zünftig senkte, wird die Blocher-Tochter nicht müde, ihre Kündigungsinitiative als prima Sache für die Schweizer Lohn­abhängigen zu preisen. work-Autor Clemens Studer hat sich die Märchenstunde mit Martullo-­Blocher & Co. genau angeschaut und entlarvt die frechsten SVP-Lügen (Seite 5). Sein Fazit: Die sogenannte «Begrenzungs­initiative» ist in Tat und Wahrheit ein Frontalangriff auf die Arbeitsbedingungen aller Arbeitnehmenden in der Schweiz.

CORONA. Die Schweiz war und ist kein Sonderfall. Das führt uns auch Corona dramatisch vor Augen: vor dem Virus schützen uns weder Alpen noch Grenzen. Wir sind nur eines von vielen coronageschüttelten Ländern in Europa. Oder wie es ebenfalls Peter von Matt sagt: «Corona ist der drastische Gegenbeweis zu diesem tollen Phantasma, wonach das Land etwas ist, das es sonst nicht gibt.»

1 Kommentar

  1. Peter Bitterli

    Vor 34 Jahren schrieb mir Herr von Matt eine Sechs ins Uni-Abschlusszeugnis. Er war eben damals noch vif und originell und erkannte Seinesgleichen. Dass die Schweiz von Bergen umgeben sei, dachte er weder damals noch heute, genausowenig wie irgendjemand sonst ausser zwei, drei Linksideologen, die meinen, irgendjemand meine das, um so eine offene Tür einrennen und einen „Mythos knacken“ zu können. Ach, dass Herr von Matt den Stuss mitmacht. Naja, 83 Jahre! Da kann man sich auch mal ins Bockshorn jagen und von Corona ängstigen lassen. Aber auch da: Niemand, wirklich niemand denkt, dass eine mittelschwere Influenza „uns“ „dramatisch“ „vor Augen führt“, dass die Schweiz kein Sonderfall sei.
    Ob die Begrenzungsinitiative angenommen wird oder nicht, werden wir irgendwann mal erfahren. Zu dumm, wenn der Unia auch dann wieder ihre Klientel vom Karren fällt.

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