Das Ende der Corona-Krise ist noch nicht in Sicht

Sie halten für uns durch

work

In der letzten work-Ausgabe haben 9 Menschen von ihrer Arbeit an der Front erzählt. Zwei Wochen später wollte work wissen: Wie ist es ihnen ergangen?

SUSANNE EICHENBERGER: «Ich frage mich, wie viele Leute, die eigentlich dringend behandelt werden müssten, aus Angst vor Corona nicht kommen.»

Susanne Eichenberger (49), Spitalfachärztin, Inselspital «Die momentane Ruhe fühlt sich etwas eigenartig an»

Im letzten work erzählte Notfallärztin Susanne Eichenberger, dass noch nicht aussergewöhnlich viele schwerkranke Corona-Patientinnen und -Patienten auf dem Notfall landen, doch: «Da kommt noch was auf uns zu!» Jetzt, 14 Tage danach, sagt sie:

Der erwartete riesige Ansturm ist zum Glück bisher ausgeblieben. Nachdem wir uns mit Hochdruck darauf vorbereitet hatten, ein noch nie da gewesenes Patientenaufkommen zu bewältigen, fühlt sich das auch etwas eigenartig an. Wir sind aber auch dankbar, dass wir noch nicht an unsere Grenzen stossen.

«Wir sehen ins­gesamt weniger kranke Menschen.»

GRATWANDERUNG. Etwas unheimlich ist, dass wir insgesamt weniger Menschen mit anderen gesundheitlichen Problemen sehen. Dass es weniger Unfälle gibt, ist sicher nachvollziehbar, die Menschen bleiben zu Hause. Aber ich frage mich, wie viele Leute, die eigentlich dringend behandelt werden müssten, aus Angst vor Corona nicht auf den Notfall kommen. Kurzfristig macht es wahrscheinlich schon Sinn, nicht dringliche Abklärungen aufzuschieben, um das Gesundheitssystem zu entlasten. Es ist aber oft sehr schwierig, Dringliches von nicht Dringlichem zu unterscheiden, insbesondere wenn man keinen Arzt hat, der einen berät. Das ist eine Gratwanderung.

GUT FÜR DIE SEELE. Ich bin jetzt wirklich gespannt, was die nächsten Tage und Wochen bringen. Und hoffe sehr, dass sich die Menschen in den kommenden warmen Tagen weiterhin an die Empfehlungen des Bundesrates halten. So kommen wir vielleicht um eine Ausgangssperre herum. Ich bin nämlich sehr froh, mich draussen noch frei bewegen zu können, das tut Körper und Seele gut.» (mjk)


Mélissa Farine (20), SBB-Zugbegleiterin «Wie in Apokalypse-Filmen»

Im letzten work erzählte SBB-Zugbegleiterin Mélissa Farine, es seien noch immer ziemlich viele Leute in den Zügen unterwegs. Heute sagt sie:

MELISSA FARINE: «Zu wenig Anerkennung.»

«Die Züge sind fast leer, es sind fast keine Leute mehr unterwegs. Die leeren Züge und Bahnhofe verbreiten eine morbide Stimmung. Es ist die Atmosphäre, wie wir sie aus Apokalypse-Filmen kennen. So ein bisschen à la alle sind tot, ich muss allein überleben. Da werden die Kolleginnen und Kollegen im gleichen Zug noch viel wichtiger. Und auf den langen Strecken, zum Beispiel Genf– Brig, haben wir jetzt sehr, sehr viel Zeit für Gespräche. Obwohl fünfzig Prozent weniger Züge verkehren, hat in meinem Umfeld noch niemand Kurzarbeit. Neu bin ich jedoch ganze Tage als Reserve eingeteilt.

RISSE. Der Virus stresst mich schon etwas, alle zwanzig Minuten desinfiziere ich mir die Hände. Die Haut ist bereits völlig aus­getrocknet, und ich habe Risse an den Fingern. Jedes Mal, wenn ich im Zug etwas anfasse, denke ich, der Griff oder der Handlauf könnten infiziert sein.

«Ich desinfiziere alle zwanzig
Minuten meine Hände.»

WENIG ANERKENNUNG. Mich stört übrigens, dass wir von den Vorgesetzten und auch vom Bundesrat fast nicht wahrgenommen werden. Auch wir Zugbegleiterinnen und Zugbegleiter sind an der Front, doch wir erhalten dafür sehr wenig Anerkennung.

Ich lebe in Genf, meine Familie in St-Imier BE. Wann ich sie wiedersehen werde, weiss ich nicht. Das ist eine grosse Belastung. Wir machen viele Videoanrufe, aber das ist nicht dasselbe. Jetzt dauert diese Notlage erst knapp vier Wochen – diese Zeit kommt mir aber trotzdem schon sehr lange vor.» (asz)


Regina Karich (48), Rayonleiterin bei Coop «Der Ravioli-Hype ist vorbei»

Im letzten work erzählte Coop-Verkäuferin Regina Karich, sie und ihr Team seien am Limit. Sie versuchten, die Regale aufzufüllen, bevor die Kundschaft käme, denn «manche Leute reissen uns sonst die Ware aus den Händen». Jetzt stellt sie fest:

Regina karich: «Schon 40 Überstunden.»

Wir haben inzwischen deutlich weniger Kundinnen und Kunden, aber dafür kaufen jene, die kommen, mehr ein, wohl auch für Verwandte und Bekannte. An der Kasse haben wir noch immer Stress, aber wir müssen jetzt nicht mehr zusätzlich helfen, Regale aufzufüllen. Und auch der Ravioli-Hype ist vorbei. WC-Papier allerdings hat es am Abend jeweils keines mehr. Ich kann mir echt nicht vorstellen, wieso die Leute das noch immer hamstern.

«Abends, zu Hause, brauche ich Corona-­Pause!»

NÜMMERLI. Wer die Coop-Filiale betritt, muss jetzt ein Nümmerli nehmen, auch wir Mit­arbeitenden. Manche Leute wollen die Zettel nicht berühren, wir müssen sie ihnen in
den Einkaufwagen reinlegen und dann auch wieder rausnehmen – dabei desinfizieren
wir die Nümmerli doch!

SCHÖGGELI. Das Gute am Virus ist: Die hässigen Kundinnen und Kunden sind weniger geworden. Ich erfahre viel Dankbarkeit von der Kundschaft. Im Schnitt erhalten wir zwei Schachteln Merci-Schöggeli pro Tag! Ein Kind brachte mir eine Regenbogenzeichnung mit einem Danke. Und eine Kundin sagte mir, sie würde mich gern umarmen, aber sie dürfe ja nicht. Viele Kundinnen und Kunden wollen Aus­kunft über den Virus – ich habe ihnen auch schon gesagt, ich sei kein Auskunftsbüro. Ich verstehe das ja alles und es ist okay. Aber abends, wenn ich zu Hause bin, brauche ich Corona-Pause!» (asz)


Svenja Egger (20), Pharma-Assistentin im dritten Lehrjahr «Wir haben jetzt wieder ­Desinfektionsmittel»

Im letzten work erzählte Pharma-Assistentin Svenja Egger vom Grossandrang in der Apotheke in den Tagen, nachdem der Bundesrat die Schliessung der Schulen verfügt hatte. Jetzt sagt sie:

SVENJA EGGER: «Es hat sich beruhigt».

Es hat sich beruhigt. In der Apotheke haben wir jetzt sogar etwas weniger Kundschaft als vor der Krise. Dafür liefern wir jetzt mehr nach Hause. Wir haben ­einen zusätzlichen Mitarbeiter eingestellt, der bringt die Medikamente den Leuten mit dem Auto, zusätzlich zu den Schülerinnen und Schülern, die die Lieferungen im Quartier schon vorher als Nebenjob gemacht haben. Den Heimlieferdienst haben wir vor allem ­unseren älteren Kundinnen und Kunden ans Herz gelegt, und sie nutzen ihn stark. Und wir haben auch wieder Desinfek­tionsmittel geliefert bekommen! Von unserem selbst hergestellten haben wir auch noch Vorrat, aber das brauchen wir derzeit nicht.

«Die Ungewissheit macht mich nervös.»

PRÜFUNGEN. Leider ist es immer noch unklar, was mit meinen Lehrabschlussprüfungen passiert. Die erste Prüfung wäre schon am 25. April, das ist in gut zwei Wochen! Und es wäre ausgerechnet die Laborprüfung: Vier Lehrlinge und zwei Experten
in einem Raum. Dort könnten wir den Abstand von zwei Metern nicht einhalten.

Ich bin eine, die solche Sachen gern im ­voraus weiss, damit ich mich drauf vorbereiten kann. Die Schule sagt, wir bekommen bald ­Bescheid. Aber mich macht diese Ungewissheit nervös.» (che)


Stephan Kleyer (42), Bierbrauer «Alle Bier-Brauereien sitzen jetzt im selben Boot»

Im letzten work erzählte Stephan ­Kleyer, dass die Kupferkessel und Gärkeller bei Feldschlösschen weiterlaufen. Aber dass er sich Sorgen um seine Familie in Deutschland macht. Jetzt sagt er:

STEPHAN KLEYER: «Corona-Frisur für alle!»

Am Montag kam ein Kollege mit einer Mütze zur Arbeit. Da hab’ ich gefragt: ‹Warum trägst du die denn?› Er meinte, er habe am Wochenende versucht, sich die Haare zu schneiden. Ich selbst sollte eigentlich auch dringend mal wieder zum Coiffeur. Aber was soll’s: Bald laufen wir alle mit Corona-Frisur herum. Wir arbeiten bei Feldschlösschen noch immer in drei Schichten, die Sicherheitsbedingungen werden eingehalten. Da hat sich in den letzten zwei Wochen nichts geändert. Der Bier-Verkauf in den Läden läuft noch gut, aber dass der Gastro-­Bereich fehlt, ist natürlich nach wie vor ein grosses Problem.

«Jeden Abend und jedes Wochenende bin ich zu Hause.»

BALKONIEN. Gerade jetzt, wo so schönes Wetter ist und es die Menschen wieder nach draussen zieht. Aber das trifft nicht nur uns, sondern auch die anderen Brauereien. Da sitzen wir alle im selben Boot. Ich habe ein bisschen Angst, dass es an Ostern jetzt alle übertreiben, rausgehen und herumreisen. Und wir dann deswegen nochmals vier Wochen daheim herumhocken müssen. Jeden Abend und jedes Wochenende verbringe ich zu Hause. Langsam macht sich der Koller bemerkbar, ich würde doch schon gern mal wieder Freunde sehen und rausgehen. Am Wochenende habe ich mein Velo aus dem Keller geholt und bin auf eine Tour. Am frühen Morgen schon, als noch niemand unterwegs war. Das tat gut!

KURZARBEIT. Im Moment bin ich eigentlich froh, kann ich weiterhin zur Arbeit. Zu Hause fällt mir sonst die Decke auf den Kopf. Nach Ostern habe ich eine Woche Kurzarbeit. Mal schauen, wie ich die Tage da rumbringe. Aber zum Glück habe ich einen Balkon. Da komme ich an die ­frische Luft und an die Sonne, das hilft. Und vielleicht mache ich mal den Frühlingsputz. Der Familie in Deutschland geht es gut. Es gab zwar einen Verdachtsfall bei meiner Cousine, aber der Test war dann negativ. Zum Glück!» (pdi)


Sandra Nöthiger (33), Bäckereiverkäuferin «Wir sind weit entfernt von Kurz­arbeit»

Im letzten work erzählte Bäckereiverkäuferin Sandra Nöthiger vom Rekord­andrang nach dem drastischen Bundesratsbeschluss vom 13. März: «Tags darauf war der Kundenansturm so massiv, dass wir schon am Mittag kein Brot mehr hatten. Dabei hatten wir ­extra noch unsere Bestände aufgestockt.» Heute sagt Nöthiger:

SANDRA NÖTHIGER: «Es läuft gut.»

Die Situation hat sich merklich beruhigt. Es gibt keine Megaeinkäufe mehr, und die Leute hamstern auch nicht mehr bei unseren Tomatensaucen, Konfitüren oder Cerealien. Wahrscheinlich sind viele Vorratskammern und Gefrierschränke jetzt einfach voll. Aber ich denke auch, dass sich die Nervosität allgemein etwas gelegt hat.

VIEL ZU TUN. Trotzdem haben wir in unserem Lädeli immer noch alle Hände voll zu tun. Denn nach wie vor haben wir mehr Kunden als vor Corona. Darunter viele Neukundinnen. Aber in unserem Hauptgeschäft am Hottingerplatz musste das Café schliessen. Deshalb arbeitet eine Serviceangestellte von dort jetzt hier mit mir. Diese Unterstützung konnte ich definitiv gebrauchen. Von Kurz­arbeit und ähnlichem sind wir weit entfernt. Auch von Berufskolleginnen bei der Konkurrenz habe ich gehört, dass es ihnen gut laufe. Aber es gibt schon Bäckereien mit schweren Absatzproblemen, da sie stärker als wir vom Berufspendlerverkehr abhängig sind.» (jok)


Alice Zweifel (27), Kita-Leiterin «Wieder etwas Normalität»

Im letzten work erzählte Kita-Leiterin Alice Zweifel, manchmal würden sie die verschiedenen Anforderungen, die in Corona-Zeiten an sie gestellt würden, fast zerreissen. Jetzt sagt sie:

ALICE ZWEIFEL: «Viele begeisterte Rückmeldungen.»

Die letzte Woche war die erste seit dem Notstand, in der es wieder so etwas wie Normalität gab. Und ich war nicht mehr dauernd nur am Organisieren und Planen. Und wir können umsetzen, was wir geplant haben: So machen wir jetzt einen virtuellen Morgenkreis. Immer jemand anderes der Kita bereitet das vor. Wir haben bereits einen Geburtstag so gefeiert oder ein kleines Theater vorgespielt. Das bringt den Mitarbeitenden, den Kindern und auch den Eltern etwas Normalität in den aussergewöhnlichen Alltag. Und wir bleiben in Kontakt mit den Kindern. Beim ersten virtuellen Morgenkreis waren knapp 30 Familien online. Und wir erhielten viele begeisterte Rückmeldungen. Endlich habe ich auch wieder mehr Zeit für die ‹Trotzphase›. Wir sind eine Gruppe von Fachpersonen aus der familienergänzenden Kinderbetreuung, und wir engagieren uns gegen die prekären Arbeitsbedingungen in den Kitas und Horten. Nebst vielen anderen Forderungen verlangen wir, dass der Staat in diesen Corona-Zeiten, in denen wir die Kinder nicht mehr betreuen dürfen, die Kita-Kosten übernimmt. Und wunderbar: Genau das hat der Bundesrat nun beschlossen!

«Wir machen jetzt einen virtuellen Morgenkreis.»

PODCAST. Verrückt, wir werden derzeit fast überrannt von Berichten über Missstände in Kitas. Die ohnehin schon schwierige Situation in den Kitas ist jetzt schier unerträglich geworden: krankheitsbedinge Ausfälle, kranke Kinder und mangelnder Gesundheitsschutz usw. Wir haben zur Beantwortung der brennendsten Anliegen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter jetzt einen Podcast gemacht (rebrand.ly/trotzphase). Und wir bleiben dran.» (asz)

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