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Leere Regale, keine Masken und kein Impfstoff: Scheiss-Kapitalismus!

Corona zeigt überdeutlich: Der Kapitalismus versagt in der Krise vollends. Eine Beweis­führung in zwei Neben- und drei Hauptwidersprüchen.

UNTERIRDISCHE SYSTEMKRISE: In vielen Supermärkten gibt es wegen der Hamsterer kein Klopapier mehr. Dies führt zu Verstopfungen in den Abwassersystemen. (Foto: Keystone)

Es gibt unter uns Menschen Hamsterinnen und Hamsterer. Wenn eine Gefahr droht, beginnen sie Depots anzulegen. Die Franzosen horten Rotwein. Unsere Nachbarn im Norden, die Deutschen, Klopapier.

Weil ein Teil der Bevölkerung in Deutschland Klopapier hortet, wischt sich der andere Teil mit Kos­metik- und Feuchttüchern den Allerwertesten ab. Dies führt in der Folge zu Verstopfungen im Ab­­wassersystem. Und somit zu einer unterirdischen Systemkrise.

Und dies, obwohl die Klopapier-Fabriken in der EU den Markt pro­blemlos mit genug Klopapier versorgen können, wenn nicht gehamstert wird. Auch wenn die Corona-Krise noch bis in den Dezember andauern sollte. Soll man Klopapier rationieren? Die Meinungen sind geteilt. Die SVP fordert, dass die Armeeapotheke Atemmasken aus China impor­tiert. Zwischenfrage: War die SVP nicht während 25 Jahren für das Armeedepartement VBS zuständig? Zu­­erst mit Adolf Ogi, dann mit Sämi Schmid, mit Ueli Maurer und schliesslich mit Guy Parmelin. Sie alle verpulverten jedes Jahr Milliarden, aber legten keine Depots an mit Schutzmasken, Schutzanzügen und Beatmungsgeräten. Atemschutzmasken sind Sym­bole. Die Zürcher SVP-Gesundheitsdirektorin Natalie Rickli kauft jetzt – mitten in der Krise und damit nicht eben billig – zwei voll­automatische Maschinen, die pro Tag je 32’000 Masken pro­duzieren können. Eine vollautomatische Maschine kostet nur 740’000 Franken. Noch günstiger sind Maschinen, die nur einfache Atemschutzmasken produ­zieren. Um jene fünf Millionen Masken pro Tag zu pro­duzie­­ren, die die Schweiz psycho­logisch braucht. Denn der me­dizinische Nutzen ist umstritten. Alle zu­­sammen würden vier­mal weniger gekostet haben als das un­sinni­­ge Retro­fitten alter Mowag-Lastwägeli im VBS.

Soweit zwei Nebenwidersprüche dieser Krise. Zentral ist anderes:

Hauptwiderspruch 1: Die Pharmamultis Roche und Novartis produzieren keine Impfstoffe mehr. Die Schweizer Firma Berna Biotech, die einst Impfstoffe gegen Pocken, Cholera, Polio, Influenza und Hepatitis B produzierte, gibt es nicht mehr. Weil 2006 Gesundheitsminister Pascal Couchepin und SVP-­Justizminister Christoph Blocher keine 12 Millionen Franken in die Hand nehmen wollten, um den Betrieb zu retten. Nach der Krise ist vor der Krise. Jetzt muss die Schweiz pro Jahr mindestens 200 Millionen Franken in unabhängige, verge­sell­schaftete Forschung, Entwicklung und Produktion von Impf­stoffen in­­vestieren.

Hauptwiderspruch 2: Unsere weltweit führenden Pharmakonzerne lassen neben den Impfstoffen auch die Forschung nach Antibiotika-Mitteln links liegen, die neu auch gegen heute resistente Keime wirken. Auch hier müsste der Staat mit 200 Millionen pro Jahr für Fortschritt sorgen.

Hauptwiderspruch 3: Vielleicht ist es an der Zeit, über die Verstaatlichung der heute profitorientierten Pharma-Konzerne nachzudenken. Damit deren Produkte künftig allen Menschen weltweit zu vernünf­tigen Preisen zur Verfügung stehen würden.

Links zum Thema:

  • rebrand.ly/klopapier
    Das Nachrichten­magazin «Der Spiegel» bringt das Problem auf den Punkt: «Weil viele Haushalte in der Corona­-Krise Klopapier hamstern, behelfen sich manche Menschen verstärkt mit anderen Tüchern – und stellen damit das Abwassersystem vor gewaltige Probleme.»
  • rebrand.ly/schutzmasken
    Pro Tag braucht es fünf Millionen Atemschutzmasken, wenn wir alle mit einer herumlaufen würden. Geht noch nicht, weil es zu wenige Atemschutz­masken gibt. National und international. Jetzt rollt eine mehr oder minder grosse Do-it-yourself-Welle an. Atemmasken können Frau und Mann mit Staubsaugerbeuteln, Geschirr­tüchern, T-Shirts und Kissenbezügen machen. Das glauben die «Stuttgarter Nachrichten» zu wissen. Nützt es nichts, so schadet es wohl auch nicht viel.
  • rebrand.ly/vermummung
    Die Zürcher SVP-Gesundheitsministerin Natalie Rickli lässt ab Mitte April mit zwei Maschinen pro Tag 74’000 Schutzmasken produzieren. Rickli hätte dreissig solcher Maschinen anschaffen müs­sen, um für den Kanton Zürich der For­­derung der SVP nach flächendeckendem Vermum­mungs­gebot gerecht zu werden.
  • rebrand.ly/notstand
    Die deutsche Gruppe Heise Medien berichtet auf ihrem Online­portal: «Neben anderen Ermächtigungen er­­laubt das geänderte Infektionsschutzgesetz dem Gesundheitsministerium, Patente in einer gesellschaftlichen Notlage zu ignorieren.» Der Ansatz hat – nach vorne gedacht – Potential: Für mehr als die Hälfte der Menschheit herrscht in Sachen medizinischer Versorgung permanent Notstand.

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