Editorial

Ein winziger ­Virus

Marie-Josée Kuhn

Marie-Josée Kuhn, Chefredaktorin work

Covid 19 ist nur ein Virus. Zehntausendmal kleiner als ein Mensch. Hat keinen Stoffwechsel, benötigt keine Nahrung, atmet nicht. Dennoch ­zittern wir vor ihm. Wir hier im hochindustrialisierten Norden, wir dachten, wir hätten Infektionskrankheiten längst im Griff. Jetzt belehrt uns dieser winzige Virus rabiat eines Besseren. Wir haben weder Medikamente noch einen Impfstoff. Bisher. Mehr noch: Die Pharmamultis Roche und Novartis haben ihre Impfstoff-Abteilungen verkauft: zu wenig rentabel (Seite 14). Und obschon die Armee jedes Jahr Milliarden verpulvert, haben ihre ehemaligen SVP-Chefs Ogi, Schmid, Maurer und Parmelin all die Jahre keine Depots mit Schutzmasken, Schutzanzügen und Beatmungsgeräten angelegt. Derzeit grassiert weltweit eine regelrechte Schutzmasken-Piraterie (Seite 8). Der Schwarzmarkt blüht. Und die Mafia blüht auf. Auch das lehrt uns dieser winzige Virus: Wo kein Staat ist, übernehmen die Clans. Korruption und Dunkelheit.

Durch die Krise tragen uns jetzt
nicht die mit den Boni.

COVID 19 IST NUR EIN VIRUS. Covid 19 ist nur Virus. Zehntausendmal kleiner als ein Mensch. Dennoch zittern wir vor ihm. Was marktgläubige Regierungen mit starrem Blick auf den Profit in den letzten Jahrzehnten sparten und schleiften, fehlt uns jetzt in der Krise. Zu wenig Gesundheitswesen, zu wenig Service public, zu wenig Solidarität kann tödlich sein. Wer eine allgemeine Krankenversicherung als Kommunismus abtat, kommt jetzt brutal auf die Welt. Wer sich dazu noch von einem testosterongesteuerten hartrechten Maniaco regieren lässt, erst Recht. Donald Trump in Washington, Boris Johnson in London und Jair Bolsonaro in Brasília: alle haben sie so lange gewitzelt, geblufft und geschwafelt, bis ihnen der Virus als nationaler Notstand um die Ohren flog (Seite 7). Johnson schüttelte weiterhin Hände, auch die von Corona-Patienten. Jetzt liegt er auf der Intensivstation (Stand 7. April). Wissenschaftsfeindlichkeit und Mackertum sind schlechte Lebensberater. Auch das lehrt uns dieser winzige Virus.

COVID 19 IST NUR EIN VIRUS. Zehn­tausendmal kleiner als ein Mensch. Dennoch zittern wir vor ihm. Drum sind wir jetzt so froh, gibt es Pflegerinnen, Bäckerinnen, Reinigerinnen, Verkäufer, Metzger und Stromer. Sie tragen uns durch die Krise (Seiten 4–5). Nicht die Banker und auch nicht die Versicherungshengste. Durch die Corona-Krise tragen uns nicht die mit den Millionen-Boni. Sondern die, die unter den Krankenkassenprämien ächzen. Was für eine Gesellschaft überlebensnotwendige Arbeit ist, auch das lehrt uns dieser winzige Virus. Und dass es vor allem die Frauen sind, die sie verrichten. In Corona-Zeiten und auch sonst.

2 Kommentare

  1. Peter Bitterli

    Haltloses Geschwätz in einer Zeit, wo das Spitalpersonal auf Kurzarbeit gesetzt wird. Halten Sie sich mit Ihren ideologiegesteuerten Schuldzuweisungen im Leierkasten-Playback doch wenigstens noch solange zurück, bis die Realität zufällig mit Ihren Vorurteilen koinzidiert. Und wenn auch das nicht geschieht….

  2. Peter Bitterli

    Über die „Winzigkeit“ von Viren hat ja dieser Tage schon der notorische Talking Head Slavoj Zizek gelabert, als ob man sich jedesmal bei einer Blutvergiftung, Influenza oder Darmgrippe über die Kleinheit von Viren und Bakterien aufhalten und sich in seinem narzisstischen Ego gekränkt fühlen würde, bloss weil das plaudernden Ideologen ins Weltbildchen passt. Der „Unia“ aber blieb es vorbehalten, das winzige Virus verbal zu einer Art David, einem Eidgenossen und Asterix-Dorf-Beohner, einem tapferen, „rabiaten“ Kommunisten zu adeln, der es den Goliathen, Römern und Kapitalisten mal so richtig zeigt. Das ist nicht nur selten blöd, es lässt auch tief blicken bezüglich des Selbstverständnisses von Gewerkschaften.

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